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Vulkanklettern in Nicaragua – Concepción

Ich ergreife den Stamm eines Baumes und ziehe mich auf eine ausgewaschene Wurzel hinauf. Hier balanciere ich einen Moment auf dem rechten Fuß, bevor ich die Hände gegen die lehmigen Seitenwände drücke, das linke Knie fast am Kinn anwinkele und mich einen weiteren Schritt nach oben hieve.

Wir sind auf dem „Wanderpfad“, der am Hang des Vulkans Concepción Richtung Gipfel führt. Julio, unser Führer, meinte schon vor der Abfahrt in Mogoyalpa, dass „el camino un poco dificil“ sei. Dass es sich um die Abflussrinne des Wassers der Regenzeit handelt, hat er verschwiegen. Es liegen noch gute anderthalb Stunden vor uns. Ich habe gerade mein drittes Gatorade angebrochen, und sowohl T-Shirt als auch Cargo Pants kleben mir förmlich am Körper.

Aber vielleicht bin ich ja nur einfach ausser Form, denke ich. Nicht nur vielleicht, bestimmt sogar. Vor mir geht mit federnden Schritten Richie. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass er die vierzig Grad Steigung hinaufspringt.

Richie hat sich unserer Gruppe nur angeschlossen, weil er in drei Wochen an einem Rennen um und über die Insel teilnehmen wird und ein bisschen das Terrain sondieren möchte – „just to have a look around“, wie er sagt. Richie ist Schotte und arbeitet daheim in der Tourismusbranche. Jetzt ist es dunkel und kalt in Schottland und die Touristen sind weit weg. Deshalb hat er Zeit für das, was er sein Hobby nennt: Extremrennen.

Ein Marathon ist, glaubt man Richie, etwas für „wimps“, es muss schon ein Triathlon sein. Letztes Jahr hat er am Badwater Rennen teilgenommen, das von Death Valley – dem tiefsten Punkt in den USA – zum Gipfel von Mount Whitney führt, dem höchsten Punkt des Landes, wenn man von Alaska absieht. Und dieses Jahr ist Isla de Ometepe dran: einmal rund um die etwa dreißig Kilometer lange Insel, die erdnussförmig im Lago Cocibolca im Südwesten Nicaraguas liegt. Doch damit nicht genug. Isla de Ometepe wurde durch die Vulkane Concepción und Maderas gebildet. Beide sind etwa 1500 Meter hoch und das Rennen wird knapp unter den beiden Gipfeln vorbeiführen.

Mir fällt – während ich auf allen Vieren eine besonders steile Partie hochkraxele – zu so etwas nur noch die Terminologie der Psychoanalyse ein. Ich verschnaufe auf einem Felsblock und beobachte Val (kurz für Valerie) und Matt, zwei Ölingenieure aus Houston. Die zwei geben an der Steigung ebenfalls den aufrechten Gang auf. Ich bin nicht der einzige, der diese Vulkantour unterschätzt hat.

Val bestätigt dies, als sich beide neben mich gesetzt haben: „Gee, I had no conception of Concepción when I signed up for this.“ „Now you know why it´s called a Val-can-no“, japst Matt.

Sie gibt ihm einen Knuff auf den Oberarm. Dann schauen sie mich an, als wäre es nun an mir, ein mehr oder minder geistreiches Wortspiel beizusteuern. Ich will gerade geistlos mit den Achseln zucken, als eine Art Grunzen aus dem Urwald mich davor bewahrt, meinen Mangel an Originalität einzugestehen. Binnen weniger Sekunden schwillt das Grunzen zu einem kontinuierlichen Gebrüll an. Julio taucht an der Wegbiegung auf und winkt uns heran.

Als wir drei zu ihm und Richie aufgeschlossen haben, deutet Julio durch eine Lücke im Gebüsch auf den Wipfel eines Baumes, der etwa hundert Meter schräg unter uns am Hang steht. Es dauert eine Weile bis ich die vier, fünf kleinen, dunklen Gestalten erkenne, die auf den Ästen hin und her laufen. Derweil geht das Gebrüll mit unverminderter Lautstärke weiter.

„Howler monkeys“, sagt Julio. Und dann gibt er eine alte Legende zum besten, dass die Spanier, als sie in Mittelamerika zum ersten Mal an Land gingen und die Laute hörten, die die kleinen Affen produzieren, kehrt machten und zurück zu ihren Schiffen rannten. Nur ein Monster, so glaubten sie, könne solch eine Stimmkraft entwickeln.

Während wir unseren Aufstieg fortsetzen, erzählt uns Julio aus seinem Leben, das eng mit der Geschichte Nicaraguas in den letzten vierzig Jahren verwoben ist. Als Dreizehnjähriger war er auf dem Nachhauseweg von einem Baseballspiel. Seine Unterarme waren von Hechtsprüngen schmutzig und aufgeschrammt und so glaubten ein paar Polizisten, er sei in einem Trainingscamp der Rebellen gewesen. Er wurde festgenommen, verhört und gefoltert. Als er nach einigen Monaten immer noch keine Namen genannt hatte, ließ man ihn schließlich auf Betreiben des kanadischen Roten Kreuzes frei, woraufhin er sich sofort den Sandinisten in den Bergen anschloss. Als das Somoza Regime 1979 zusammenbrach, schickten ihn die Parteioberen zur politischen Indoktrination nach Leningrad, „to study Marx“, wie er sagt. Doch der russische Winter behagte ihm nicht, und so ging er seinen Vorgesetzten auf die Nerven, bis sie ihn zur weiteren Militärausbildung nach Havanna versetzten. Was er dort lernte, war wahrscheinlich auch nützlicher als Marx, denn inzwischen war zu Hause der Kampf gegen die Contras in vollem Gange. Julio wurde zurück nach Managua beordert, um im Hauptquartier Einsätze gegen die von Washington finanzierten Guerilleros zu planen. „But“, und hier macht er eine wegwischende Handbewegung, „all over. No more politics, all corrupt.“

Die Tatsache, dass es Kanadier waren, die ihn aus den Folterkellern Somozas befreiten, hat ihn dazu inspiriert, Englisch zu lernen. Nun ist dies sein größter Vorteil. Wie viele andere hofft er auf eine boomende Tourismusindustrie in seinem Land. Der kleine Nachbar im Süden ist das große Vorbild: „We will be next Costa Rica.“

Gut möglich, denke ich. Allerdings kann sich Nicaragua von mir aus noch ein wenig Zeit damit lassen. Ich bin mir nicht sicher, dass Mittelamerika eine weitere überteuerte spring break Party-Hochburg braucht.
Während der letzten halben Stunde des Aufstiegs wird es merklich ruhiger. Selbst Richie und Julio, die Unermüdlichen, scheinen es langsam in den Beinen zu merken. Nach und nach dünnt der Regenwald aus und wird schließlich durch Gestrüpp ersetzt. Als wir endlich auf die freie Wiese hinaustreten, erscheinen Klima und Landschaft mit einem Mal alpin.

Vor uns liegt die Gipfelregion des Concepción. Die letzten paar hundert Meter sind nackter Basalt. Die Spitze selbst verbirgt sich unter weissen Wolken, die uns über den Boden entgegen zu kriechen scheinen. Es sind keine normalen Wolken. Der Wind, der mit Sturmstärke an den Abhängen herunterrauscht, trägt einen leichten Schwefelgeruch mit sich. Wir stemmen uns gegen die Böen, um die letzten paar Meter zu einem Plateau hinaufzusteigen. Hier ist Schluss. Concepción ist ein aktiver Vulkan, der letzte Ausbruch liegt gerade mal vier Jahre zurück. Zwar juckt es uns alle, bis zum Kraterrand hinaufzusteigen, aber die Vernunft siegt. Auch ohne den Ego-Boost einer Gipfebesteigung hat sich die Quälerei gelohnt.

Wir schauen hinunter auf den westlichen Teil der Isla de Ometepe. Die Vulkanasche hat die Insel extrem fruchtbar gemacht. Das ebene Land ist bebaut, entweder mit Bananen, Zuckerrohr oder Kakao. Ein paar Weiden für die seltsam aussehenden Buckelrinder, die in Mittelamerika häufig gezüchtet werden, liegen dazwischen. Der Lago Cocibolca erstreckt sich blaugrau bis zum Festland und jenseits der schmalen Landbrücke kann man mit ein wenig gutem Willen den Pazifik erahnen.

Trotz ihrer beiden bedrohlichen Vulkane erscheint die Insel als ein abgeschiedener, friedlicher Ort in diesem Land mit seiner bis in die jüngste Vergangenheit von Gewalt geprägten Geschichte.
Ob er oft ans Festland geht, will Val von Julio wissen. Er schüttelt den Kopf. „Only if I must.“

Text + Fotos: Martin Rosenstock