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Nachrichten aus Kuba (Teil 2)

Ein Gespräch mit dem kubanischen Schriftsteller Leonardo Padura

Leonardo Padura ist einer der bedeutendsten Vertreter der gegenwärtigen kubanischen Literaturszene. Weltweit bekannt machten ihn seine in den 80er und 90er Jahren publizierten Kriminalromane rund um den Detektiv Mario Conde. Zuletzt wurde Padura für seinen Roman „Der Mann der die Hunde liebte“ (2009) von der Kritik gefeiert. Das Buch rekonstruiert die Geschichte der Ermordung Leon Trotzkys durch Ramón Mercader. Wir trafen Padura in Brasilien, wo er Anfang Juli an dem Literaturfestival c teilnahm.

Der Mann der die Hunde liebte ist eine starke Kritik der menschlichen Gesellschaft an sich, und damit auch der kubanischen. Es zeigt Menschen, die die sozialistischen Ideen verraten haben. Ist es auch eine Parabel über kubanische Politiker, und wo liegen die Gemeinsamkeiten zwischen dem in dem Buch beschriebenen Stalin und Fidel Castro?

Ich sehe es nicht wie eine Parabel. Ich glaube, dass es möglich ist, das Buch auf sehr unterschiedliche Weise zu interpretieren. Im Grunde ist es erst einmal ein Buch über die Ermordung von Leon Trotzky; es erzählt vom Komplott seiner Ermordung, der Vorbereitung dazu durch Ramón Mercader, den spanischen Kommunisten, der Trotzky letztlich tötet.

Und es ist eine Novelle, die über die große sozialistische Idee spricht, die auf dem Papier wunderschön war, die als Projekt wunderschön war. Auf der anderen Seite fordert das Buch aber auch die Schaffung einer neuen Utopie ein. Ich halte die Schaffung einer Gesellschaft mit ganz spezifischen Prinzipien für notwendig, einer Gesellschaft in der alle Menschen gleich, in der alle frei sind und in der man auf demokratische Weise leben kann. Das ist ein wunderbares Prinzip, und hoffentlich ist es der Welt möglich, dies in der Realität zu erschaffen.

Im 20. Jahrhundert ist man damit gescheitert, aus vielen Gründen, aber ganz besonders weil solche Menschen wie Stalin aufgetaucht sind. Und ich glaube, dass auch die derzeitige Welt keine befriedigende Antwort gefunden hat, die in der Lage wäre, den Menschen dazu zu bringen, eine bessere Welt zu erschaffen – also jene Welt, die wir im 20. Jahrhundert nicht erschaffen konnten. Und die wir hoffentlich in der Zukunft aufbauen können.

Mir scheint, dass heutzutage sowohl die Linke als auch die Rechte in der Krise stecken. Wo stehen wir da aktuell eigentlich?

Ich denke genauso. Ein Beispiel hier aus Brasilien: In einer Kleinstadt regiert der Bürgermeister mit einer Koalition aus zwölf Parteien. Da sind Kompromisse praktisch unmöglich. Diese Parteienvielfalt funktioniert als Regierungsform nicht sehr gut. Dann gibt es noch die klassischen Formen der Zweiparteiengesellschaften, wie die der Republikaner und Demokraten in den USA. Die US-Amerikaner selbst sagen, dass nichts unterschiedlicher sein könnte als ein Demokrat und ein Republikaner, und gleichzeitig nichts sich so ähnelt wie ein Demokrat und ein Republikaner. Oder in Spanien, wo es praktisch nur zwei Parteien gab, die Sozialisten und die Partido Popular, die sich an der Macht abgelöst haben. Jetzt steckt dieses System auch in der Krise. Andererseits haben wir die sozialistischen Systeme mit einer einzigen Partei.

Für welches System soll man sich entscheiden? Die Rechte hat die großen sozialen Probleme nicht gelöst. Die Linke hat es versucht, aber ist schließlich stets gescheitert. Schauen Sie heute hier in Brasilien, das von einer linken Regierung geführt wird: auch hier ist die Krise angekommen.

Es gibt viele Paradigmen und Modelle, die alle nicht in der Lage waren, Lösungen zu schaffen. Im Grunde tragen die Politiker dafür die Hauptschuld, die keine zufriedenstellenden Lösungen gefunden haben. Da gab es Versuche, die sich gelohnt haben, und derzeit ist der populärsten lateinamerikanische Präsident niemand anderer als Evo Morales. Und er regiert mit einem sozialistischen Projekt, das in nichts an den sowjetischen Sozialismus erinnert.

Ich denke dass all diese Versuche ihre Daseinsberechtigung haben, inklusive die Regierung der PT hier in Brasilien. Ich ziehe stets eine linke Regierung einer rechten Regierung vor.

Fotos: Thomas Milz

Nachrichten aus Kuba (Teil 1)

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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