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Migrationswaisen

Manchmal haben Eltern einfach wichtige Dinge zu tun und können sich nicht die ganze Zeit um ihre Kinder kümmern. Vielleicht kennt Ihr das ja auch selber: Papa ist auf Geschäftsreise und Mama muss auch ganz dringend für ein paar Tage weg (oder andersrum), und dann müsst Ihr eine Weile zur Oma oder zu Eurer Tante. Aber das ist dann meistens nur für ein, höchstens zwei Wochen. Doch es gibt auch Kinder, deren Eltern in ein fernes Land gehen müssen, um dort Geld zu verdienen. Dort bleiben sie dann einige Jahre. Und die Kinder, die zu Hause zurück bleiben, vermissen sie ganz schrecklich.

Katharina sitzt am Schreibtisch und macht ihre Hausaufgaben. Immer wenn sie aufschaut, blickt sie auf das Foto ihrer Eltern. Katharina hat ihre Eltern schon seit drei langen Jahren nicht mehr gesehen. „Meine Eltern leben in Boston in den USA. Ich verstehe, warum sie da hin gegangen sind. Sie müssen Geld verdienen, damit sie das Schulgeld für mich und meine Geschwister schicken können. Aber ich bin sehr traurig, weil sie nicht bei uns sind.“

Katharina ist 13 Jahre alt und lebt in Guatemala. Katharinas Eltern sahen keine Möglichkeit genug Geld zu verdienen um ihren Kinder etwas zum Anziehen zu kaufen. Außerdem muss in Guatemala Schulgeld bezahlt werden, und auch das konnten sich die Eltern nicht leisten. Und dann sahen sie im Fernsehen in den amerikanischen Serien immer die tollen Spielsachen, die sie ihren Kindern gerne geschenkt hätten, aber nicht bezahlen konnten. Aus all diesen Gründen gingen Katharinas Eltern in die USA, um dort ihr Geld zu verdienen. „Wir erzählen uns alles am Telefon. Meine Mutter ruft mich fast jeden Tag an. Aber mein Vater arbeitet viel, mit ihm kann ich immer nur am Wochenende sprechen. Und wir schreiben uns Briefe und schicken uns Pakete mit Fotos und Videos“, erzählt Katharina.

Und so ist die ganze Wand über Katharinas Bett voll mit Fotos ihrer Eltern. Katharina ist aber nicht ganz alleine. Sie hat noch eine 11 Jahre alte Schwester und einen 9 Jahre alten Bruder. Alle drei Geschwister leben zusammen bei den Großeltern, die sich um sie kümmern. In dem Dorf, in dem die drei leben, ist es nichts Ungewöhnliches, dass Eltern ins Ausland gehen und die Kinder zurück lassen. „Es gibt bei uns viele Kinder, die bei ihren Großeltern leben. Aber manchen Kindern geht es dabei nicht gut, denn sie verstehen sich mit ihrer Oma und ihrem Opa nicht. Ich danke Gott dafür, dass er mir gute Großeltern gegeben hat, die sich wirklich um uns kümmern. Trotzdem ist es nicht dasselbe, als wenn unsere Eltern hier wären. Wir fühlen uns oft einsam.“

Als Katharina das erzählt, muss sie ein bisschen weinen. Ihre Großmutter nimmt sie in den Arm und tröstet sie. Sie hat ihren Enkeln immer wieder erklärt, warum die Eltern nicht zu Besuch kommen können: Wenn sie die USA einmal für eine Reise verlassen, dann können sie nachher nicht einfach wieder einreisen und zu ihrer Arbeit zurückkehren, denn man würde sie nicht über die Grenze lassen. Deshalb wird die Trennung länger dauern.

Die Großmutter sagt: „Ich weiß, dass es den Eltern nicht leicht gefallen ist, weg zu gehen. Sie haben das nicht freiwillig gemacht, sondern aus der Not heraus. Sie hätten hier in Guatemala einfach nicht genug verdienen können, um die Familie zu ernähren. Sie schicken uns jeden Monat Geld, mit dem wir die Schule und all die anderen Ausgaben bezahlen können.“

Seit einem Jahr haben Katharina und ihre Geschwister noch eine kleine Schwester. Sie heißt Carla und wurde in den USA geboren. Die drei haben die Kleine noch nie gesehen. Sie kennen ihre Schwester nur von Fotos und vom Telefon. „Wir rufen sie an und sagen „Hallo Carlita, wie geht es Dir?“ und wir singen ihr manchmal Kinderlieder vor. Es ist so schön, sie lachen zu hören und sie kann sogar schon Papa sagen.“ Katharina wird richtig fröhlich, wenn sie an ihr Schwesterchen Carla denkt. Ob sie nicht ein bisschen eifersüchtig auf sie sei, weil Carla bei ihren Eltern sein könne und sie nicht? „Meine Eltern haben uns ganz oft gesagt, dass wir alle einen besonderen Platz in ihrem Herzen und sie uns alle gleich lieb haben. Und sie haben uns versprochen, dass wir uns eines Tages wieder sehen. Wir hoffen, dass dieser Tag auch wirklich kommt“, sagt Katharina.

Doch wann das sein wird, dass wissen Katharina und ihre Geschwister nicht. Sie werden zwar auch dieses Jahr zu Weihnachten wieder ein großes Paket mit schönen Spielsachen bekommen, aber ihre Mama und ihr Papa werden nicht dabei sein, wenn sie es auspacken. Dabei wäre ihnen das viel lieber als jedes noch so tolle Geschenk.

Aber vielleicht schaffen es Katharinas Eltern ja nächstes Jahr, soviel Geld zu sparen, dass sie nicht mehr in den USA arbeiten müssen und nach Hause zu ihren Kindern zurückkommen können.