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Killermosquitos am reißenden Fluss

Drei Tage Erholung sollten es werden, ausspannen, in der Sonne liegen, nichts tun. Doch irgendwie hatten wir von Beginn an Pech. Allein die Suche nach einer Unterkunft erwies sich als äußerst schwierig. Kein Platz mehr in den netten Hotels mit Swimmingpool und Garten, einer netten Bar und Zimmerservice. Das Einzige was uns blieb, war ein privates Zimmer mit einem kleinen Bett für drei Personen, ohne Dusche und einer Gemeinschaftstoilette – einem Meer aus Milliarden von Fliegen – für den ganzen Häuserblock.

Die Morgentoilette und ein gutes Frühstück nahmen wir in einem Cafe ein. Der Inhaber war Deutscher, was wir sogleich an dem Apfelkuchen und dem Müsli merkten. Natürlich war er irgendwann vor langer Zeit, hier in Coroico, hängen geblieben.

Er erzählte uns sein ganzes Leben bevor er auf die Schönheiten seiner neuen Heimat einging. Ganz besonders, hob er den Wasserfall unten im Tal hervor. Wir wollten hin zu diesem traumhaften Wasserfall. Die Wegbeschreibung, die Johannes uns gab, war einfach, denn anscheinend gab es nur einen Weg dorthin.

Coroico rechts herum verlassen, immer der Straße folgen bis zum Fluß und an der Brücke links halten, logischer weise nicht weit vom Dorfzentrum entfernt.Gestärkt verließen wir das Cafe und zogen Freude strahlend von dannen, mit ein wenig Wasser und kein bisschen Brot. Der Weg führte uns vorbei an kleinen Häusersiedlungen, Orangenplantagen und immer dichter in die grüne Hölle. Nachdem wir zwei Stunden in der Gluthitze gelaufen waren, das Wasser sich langsam dem Ende neigte, und wir immer noch ab und an lächelten, wenn auch leicht verzerrt, kamen die Mosquitos aus ihren Löchern.

Ich war natürlich bestens vorbereitet: ein kurzes Kleidchen und mein Verstand schützten mich. Denn schließlich hatte ich einige Vietnamfilme gesehen, in denen sich die Protagonisten gegen Mosquito-Attacken mit Schlamm den Körper einschmieren. Ich wollte es wissen, blieb an einer Pfütze, der einzigen weit und breit, stehen und rieb mir Beine wie Arme mit stinkenden Morast ein, stolz wie ein Krieger. Doch die Jungs schüttelten nur den Kopf und gingen laut lachend weiter ins Tal hinab. Es dauerte noch ein Weile bis wir die Brücke entdeckten. Selig waren wir und unserem Traum von einem Bad beim azurblauen Wasserfall so nah.

Doch es gab keinen Weg runter zum Fluss. Wir mussten klettern, an das kleine sandige Ufer, hinunter zum schönen Fluss, der eingebettet in einer kleinen Schlucht, wildwüchsig und umgeben von einem Meer aus Grün, vor uns lag. Am Ufer angelangt, fühlten wir uns wie Piraten, die eine Stelle für ihren geliebten Schatz suchen. Unser Problem lag nur darin, dass wir den Fluss überqueren mussten, da unser beschauliches Ufer hinter einer Felswand verschwand. Wir versuchten es an verschiedenen Punkten, doch war die Strömung stets stärker als wir. Strategisch klapperten wir den Fluss ab bis einer von uns auf die glorreiche Idee kam, den Fluss oben an der Felswand zu überqueren. Dort reichten nämlich ein paar Baumstämme bis ins Wasser hinunter und würden uns so Schutz und Halt vor der Strömung geben. Wir folgten unserem Anführer, glücklich über den gebotenen Ausweg; uns hielt nichts mehr zurück.

Durch das Wasser stapfend, das Ufer hinter uns lassend, kämpften wir mit der Strömung. Eine Hand stets an der Felswand näherten wir uns den Baumstämmen. Diese waren jedoch weiter weg als geplant. Das Getöse des Flusses übertönte unsere Worte, keiner verstand mehr den anderen. Das Festhalten an irgendwelchen Felsbrocken fiel uns allen von Schritt zu Schritt schwerer, doch es gab kein zurück.

Der Anführer versuchte stets aufs neue, den Baumstamm am anderen Ufer zu erreichen, aber die Entfernung war zu groß. So bildeten wir eine Kette bis er es beim x-ten Versuch schaffte. Seine beiden Hände umklammerten bereits den Baumstamm, er lächelte uns zu, winkte siegreich, als er plötzlich in der Strömung verschwand. Wir standen nur da, konnten uns nicht bewegen und verfolgten mit unseren Augen seinen Körper, der im strudelnden Wasser zu verschwinden schien. Ab und zu sah man seine fuchtelnden Arme, einen Teil seines Rucksack, doch nie sein Gesicht, keine Möglichkeit zu atmen. Ich fing an zu lachen, wie man es wohl tut bei Gelegenheiten, bei denen einem eigentlich das Lachen im Hals stecken bleibt. Wir schauten auf die Uhr und wussten, dass die Zeit rennt, er brauchte Luft, Luft, Luft.

Ein Baumstamm kam zu Hilfe. Wir entdeckten seine Hände, fest umklammert, doch der Rest von ihm blieb unter Wasser. Es schien als hätte er nicht die Kraft, sich gegen die Urgewalt zu behaupten. Wir schrieen, wurden hysterisch, lachten wieder. Sahen immer nur seine Hände, die die Umklammerung nicht lockerten, bis sein Kopf auftauchte, er hatte es geschafft, zog sich mit letzter Kraft am Baumstamm hoch und war bald darauf am Ufer angelangt. Er lag nur da, bewegte sich kaum. Wir wateten zurück ans Ufer und suchten erneut nach einem anderen Übergang. Weiter untern am Fluss entdeckten wir eine seichtere Stelle, die wir mit Bravour meisterten, um unsern Anführer zurück ins Leben zu holen. Als wir bei ihm ankamen, war er immer noch Leichen blass, aber das Leben kehrte langsam zu ihm zurück. Wir blieben dort am reißenden Fluss, erholten uns, lachten, hatten Hunger und Durst. Bei mir machte sich langsam die Schlammtechnik bemerkbar; Beine und Arme waren mit Mosquitostichen übersät, im Ganzen an die zweihundert Stück.

Der Hunger trieb uns zurück in die Zivilisation. Am Ende unserer Kräfte mussten wir vier weitere Stunden bergauf wandern. Wir wollten halt die Abkürzung querfeldein nehmen. Unsere Rettung waren die Orangenplantagen, denn dort konnten wir ein wenig Durst und Hunger stillen. Ich weiß nicht, wie wir den Aufstieg ins Dorf geschafft haben; ich weiß nur, dass ich jede fünf Meter in Streik getreten bin, nicht mehr weiter gehen wollte und mich zurück in La Paz einer Cortisonbehandlung unterziehen musste, da mein Körper sich durch die vielen Mosquitostiche des öfteren in einem epileptischen Zustand versetzte.