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Im bedrohten Paradies

Unterwegs auf den nördlichen Galápagos-Inseln

Das Galápagos-Archipel, rund 1.000 Kilometer westlich der ekuadorianischen Küste im Atlantischen Ozean, ist eines der letzten Naturparadiese der Erde. Tausende Touristen, die jedes Jahr für einige Tage die unberührte Flora und Fauna besuchen, sind Fluch und Segen zugleich.

„Boobies, zehn Minuten bis zum Aussteigen“, schallt es aus den Lautsprechern am Ausstieg der „Legend“. Die Touristen zwängen sich in die Schwimmwesten und warten auf die lanchas, kleine Boote, die sie vom Ausstieg des Mutterschiffes auf die Insel Bartolomé bringen sollen. Eigentlich ist „Boobie“ die englische Bezeichnung für Blaufusstölpel, einen auf Galápagos häufig vorkommenden Seevogel.

Doch die Organisatoren der Tagesausflüge haben der besseren Organisation wegen die Passagiere in sechs Gruppen unterteilt, für die jeweils ein für Galápagos typisches Tier Pate gestanden hat. Die Gischt sprüht den Teilnehmern ins Gesicht, während sie sich aufdie wetlanding vorbereiten: Schuhe und Strümpfe ausziehen, Hosen hochkrempeln und durch das Wasser an Land waten. Samuel, unser Inselführer, hat wie alle Guides eine mehrmonatige Ausbildung durchlaufen. Er erklärt beim Aufstieg auf den Vulkankegel von Bartolomé die Entstehungsgeschichte der Inseln und das empfindliche Ökosystem, in dem zahlreiche endemische Pflanzen und Tiere leben. Bisher haben wir nur einige Pelikane gesehen, aber das soll sich bald ändern.

Die „Legend“, das zweitgrößte Passagierschiff, das zwischen den Inseln kreuzt, bringt uns in nächtlicher Fahrt zu einem neuen Ziel: Isla Fernandina. Nach einer Landung zwischen Mangroven, wo wir von einem jungen Seelöwen begrüßt werden, wandern wir über bizarr geformte Lavafelder zu einem Strand. Dort tummeln sich die Tiere nur so: Seelöwen neben den berühmten Meerechsen, flügellose Kormorane, Pelikane und viele andere Seevögel. Bis auf zwei Meter dürfen wir uns den Tieren nähern. Die meisten lassen es geschehen, sind sie doch schon an die Touristen gewöhnt, die zwar in beschränkter Zahl, aber doch massenhaft diese Touren machen.

Ökologischer Ausverkauf

Und hier liegt auch eine Gefahr für das Archipel. So wichtig das Geld der Touristen ist – ein jeder zahlt 100 US-$ Eintritt -, um die Natur zu schützen und u.a. eine Forschungsstation auf der Hauptinsel Santa Cruz zu unterhalten, so bedenklich sind die Nebenwirkungen des Tourismus auf eines der letzten Naturparadiese: Schon kreuzen über 100 kleine und große Schiffe durch das Archipel, Übernachtungsmöglichkeiten und Infrastruktur müssen gebaut und Tonnen von Müll entsorgt werden.

Doch die größte Gefahr liegt im unkontrollierten Zuzug von Festland-Ekuadorianern, die im Tourismus schnelles Geld verdienen wollen. Über 17.000 Menschen wohnen auf den Inseln, nicht einmal 30 Prozent sind Insulaner. Zwar gibt es seit zwei Jahren ein Einwanderungsgesetz, doch in der Praxis scheitert es an den korrupten Behörden.

Das gilt auch für Baugenehmigungen in der Inselhauptstadt Puerto Ayora. Eigentlich soll sich die Stadt nicht weiter ausdehnen, am Stadtrand sind jedoch viele Rohbauten zu entdecken…

Weitere Probleme bestehen in der Überfischung der Inselgewässer sowie in vor Jahrzehnten von den Siedlern mitgebrachten und inzwischen verwilderten Haustieren: Für den chinesischen Aberglauben, Seegurkensuppe mache potent, werden Jahr für Jahr Millionen dieser Tiere vom Meeresgrund geerntet und mit hohem Gewinn nach Asien verkauft. Das geschieht auch mit Haifischflossen. Diese werden den lebenden Tieren abgeschnitten, bevor man sie wieder ins Meer wirft, wo sie qualvoll verenden. Und das alles, obwohl die UNESCO diese Gewässer zum Naturerbe der Menschheit erklärt hat. Verwilderte Ziegen und Schweine bedrohen die einheimische Fauna als Futterkonkurrenten. Ihr Abschuss wurde eine Weile vom Staat subventioniert, doch aus Geldmangel musste dieses Programm wieder eingestellt werden. All dies erzählt uns Samuel, als wir am nächsten Tag die Insel Isabela ansteuern. Dort machen wir auf den markierten Pfaden eine ausgedehnte Wanderung über Lavafelder, in denen sich kleine Süß- und Salzwasserbecken gebildet haben. In einem dieser Meerwasserbecken, die regelmäßig überflutet werden, schwimmen mehrere mittelgroße Haie. Danach geht es in eine benachbarte Bucht, wo wir schnorchelnd die farbige Unterwasserwelt entdecken und mit Pinguinen schwimmen können. Abends sitzen wir mit der Mannschaft und dem Kapitän der „Legend“ beim Essen und unterhalten uns über die Geschichte der deutschen Siedler, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die Insel Floreana kamen und in den 1930er Jahren für internationale Schlagzeilen sorgten, als einige von ihnen unter misteriösen Umständen ums Leben kamen.

Den letzten Tag unserer Kreuzfahrt durch die nördlichen Inseln des Galápagos-Archipels verbringen wir auf der Hauptinsel Santa Cruz. Zunächst besuchen wir die Charles-Darwin-Station, die unter anderem von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt unterstützt wird. Dort werden den Besuchern die Natur der Inseln, die ökologischen Zusammenhänge und die Umweltprobleme erklärt. Außerdem gibt es eine große Aufzuchtstation für die berühmten Galápagos-Riesenschildkröten, von deren 14 bekannten Unterarten bisher schon drei ausgestorben sind. Genau genommen nur zwei, doch von der dritten Art lebt als letztes Exemplar nur noch das Männchen Lonely George in der Station. Wild lebende Schildkröten sehen wir dann auf einer Fahrt in die „Berge“ von Santa Cruz. Mit einem festlichen Abendessen und anschließender Party auf dem Deck der „Legend“ verabschiedet sich die Mannschaft des Schiffes von uns und heißt gleichzeitig die neuen Passagiere willkommen. Mit dem Wunsch, dass dank eines wachsenden ökologischen Bewusstseins noch viele Touristen dieses Paradies besuchen können, sehen wir das Archipel aus dem Fenster des Flugzeugs am Horizont verschwinden.