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Huatupampa: Medizin ohne Ärzte

In Entwicklungsländern geht es im Zweifel auch ohne Approbation

Gesundheitsversorgung ist auf dem Land schwierig. Die Wege sind weit, die Infrastruktur schlecht und viele Ärzte leben lieber in der Stadt als in kleinen Dörfern. Ärztemangel auf dem Land ist nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt ein Problem. In vielen Entwicklungsländern wird die medizinische Grundversorgung deshalb oft von Schwestern oder „kleinen Doktoren“ geleistet.

Draußen feiern die Einwohner des bolivianischen Dorfes Huatupampa ein Fest. Drinnen, im Gesundheitsposten, schält sich derweil eine ältere Frau aus ihren unzähligen Röcken. Sie setzt sich auf die etwas wackelige Liege, hebt mühsam ein Bein nach dem anderen darauf und lässt sich untersuchen. „Ich hatte in der Nacht Kopfschmerzen und bekam kaum Luft und überhaupt tut mein ganze Körper weh. Deshalb bin ich her gekommen“, berichtet sie.

Der Gesundheitsposten von Huatapampa ist ein einfacher Raum, vollgestopft mit medizinischer Ausrüstung, die offensichtlich schon sehr viele Jahre ihren Dienst tut. Ein Wartezimmer gibt es nicht, die nächsten Patienten sitzen solange mit im Behandlungsraum, bis sie dran kommen. Yola Vargas Cocarico kümmert sich um alle – auch um die ältere Dame auf der Liege: „Sie hat eine Nasennebenhöhlenentzündung und Muskelschmerzen. Das kommt bei älteren Menschen sehr häufig vor. Ich habe ihr ein Schmerzmittel gespritzt und gebe ihr noch Medikamente für zu Hause mit.“

„Gracia Doctorita“ (Danke, kleine Doktorin), sagt die Patientin, während sie sich wieder anzieht – und trifft damit ungewollt den Nagel auf den Kopf. Denn: Yola Vargas Cocarico, die hier Patienten behandelt, hat nur ein medizinisches Grundstudium absolviert und ist nach deutschem Verständnis eher eine Gemeindeschwester als eine Ärztin. „Das ist ein neues Berufsbild in der Gesundheitsversorgung von Bolivien. Es geht vor allem um Vorsorge. Aber gleichzeitig behandele ich auch Patienten. Ich kann die gängigen Erkältungs- und Magen-Darm-Infekte heilen und etwas gegen chronische Schmerzen tun“, erklärt sie.

Atemberaubend hohe Berge, schneebedeckte Gipfel am Horizont. Das Dörfchen Huatupampu liegt ebenso idyllisch wie abgelegen am tiefblauen Titikakasee. Doch es leben nur wenige Menschen hier. Und Dr. Edwin Aguirre Quispe ist weit und breit der einzige Arzt. Gerade fährt er zu einem der drei Gesundheitsposten, die in seinen Verantwortungsbereich fallen, um nach dem Rechten zu sehen. Eigentlich ist es nicht besonders weit, doch die Pisten sind kurvig, steil und einsam. Kein anderes Auto ist auf der Straße.

Die Leute gehen hier zu Fuß. Wenn sie es denn können. „Die meisten Menschen hier sind älter als 70 Jahre. Schon allein wegen der vielen Berge haben sie Schwierigkeiten, zu mir zu kommen, zumal dann, wenn sie krank sind. Deshalb haben wir diese Gesundheitsposten, also kleine Außenposten eingerichtet“, so Aguirre Quispe. Und weiter: „Die Dörfer haben nur begrenzte finanzielle Mittel, bei weitem nicht das, was sie bräuchten. Wir müssen Prioritäten setzen. Deshalb haben wir in unseren Gesundheitsposten Personal, das nur die medizinische Grundversorgung sicher stellt.“

„Ich besuche regelmäßig reihum die verschiedenen Dörfer, um Patienten zu versorgen, zu beraten und zu behandeln. Bei einer Tour sind das immer mindestens 15 Patienten“, erzählt Vargas Cocarico. Mit ihrem medizinischen Grundstudium hat Yola Vargas Cocarico für die Verhältnisse im ländlichen Bolivien eine vergleichsweise hohe Qualifikation. Oft kümmern sich auch Krankenschwestern um die Menschen. „Ich arbeite drei Wochen im Monat hier und bin eine Woche in der Stadt um mich fortzubilden. Wir haben zwei Krankenschwestern, die vertreten mich dann und versorgen die Patienten“, erklärt sie. Ohne diese regelmäßigen Aufenthalte in der Stadt hätte es sich die junge Frau wohl zweimal überlegt, den Posten in einem überalterten Dorf anzunehmen. Doch so ist die Arbeit attraktiv genug.

Yola Vargas Cocaricos Patientin hat inzwischen ihre vielen langen Röcke wieder angezogen und ein warmes Schultertuch umgelegt. Die Frage, ob sie manchmal einen richtigen Arzt vermisst, versteht sie nicht. „Die Doctorita und die Schwestern versorgen mich doch sehr gut! Sie hat mir gerade etwas gegen die Schmerzen gespritzt, das wunderbar wirkt. Wenn wir sie nicht im Dorf hätten, müsste ich einige Stunden bis in die nächste Stadt fahren, um Hilfe zu bekommen. In einem Notfall müssten wir das vielleicht immer noch, aber es war zum Glück noch nie nötig!“
Ist eine „kleine Ärztin“ nicht besser als gar keine? In Bolivien ist diese Frage längst entschieden.

Diese Recherche wurde durch das Stipendienprogramm Global Health Journalism
Grant Programme for Germany (www.Journalistenstipendien.org) des European
Journalism Centre (EJC) gefördert. Die Förderer haben keinen Einfluss auf
die inhaltliche Arbeit genommen.“

Trailer: https://www.facebook.com/developinghealthsystems/videos/885447884961943/

Fotos: Christian Nusch

Titel: Bolivien Kompakt
Autorin: Katharina Nickoleit
ISBN: 978-3-89662-588-5
Seiten: 252
Verlag: Reise Know-How
6. aktualisierte Auflage 2017
Weitere Informationen über die Autorin findet ihr unter: www.katharina-nickoleit.de