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Die Schlangenanbeterin

Rurrenabaque. In der Regenzeit versinkt das im Norden Boliviens gelegene Urwald-Nest im Schlamm, während es im Sommer von Blut saugenden Mosquitos heimgesucht wird. Trotzdem bahnt sich der Abenteurer den Weg durch den grünen Ozean. Von La Paz aus nehme ich den 35 Stunden Trip in Kauf, bei dem ich nicht nur dreimal einen Fluß ohne dazugehörige Brücke überqueren, sondern auch sieben Stunden auf der Ladefläche eines Kleintransporters, eingepfercht mit sechzig weiteren Personen, verbringen muss, um mein Ziel Rurrenanbaque zu erreichen.

Dort angekommen, weint der Himmel, und ich beschließe, dem erstbesten Touranbieter mein Schicksal anzuvertrauen, und erwerbe ein Ticket für einen Viertage-Trip durch den bolivianischen Dschungel.

Höhepunkt dieses Abenteuers soll die Suche nach Anacondas werden:
Ernesto ist unser Führer, der uns die ganze Zeit über mit mythischen Geschichten versorgt und uns ausführlich über den einzigen natürlichen Feind des Caiman informiert, bringt uns in seinem Kanu zu den „Jagdgründen“. „Die größte in Bolivien gesichtete Anaconda mißt 14 Meter“, so unser Guide, „Man entdeckte sie just in dem Moment als sie versuchte, eine ausgewachsene Kuh zu vertilgen und mit den Hörnern ihre Schwierigkeiten hatte…“.

Mitten in der Pampa verlassen wir dann unser „Traumschiff“, marschieren eine gute Stunde und erreichen den sagenumwobenen Sumpf. Jeder von uns bewaffnet sich mit einem Stock und wir waten los. Bis zu den Knien versickern wir im braunen undurchsichtigen Schlamm.

Zwei Angsthasen weilen unter uns und weigern sich dem Expeditionstrupp anzuschließen, sie bleiben zurück und beobachten das Geschehen aus der Ferne.
Ich hingegen hatte mir vorgenommen, auf diesem Wege meine Schlangenphobie per Schocktherapie zu heilen.

Bei jeder kleinsten Unebenheit im Morast ist mir nach Schreien zumute; obwohl ich nichts sehe, fühle ich mich von Riesenschlangen umzingelt. Meine Neurose läßt nicht lange auf sich warten: Mitten im Sumpf, fern dem rettenden Ufer, keine Menschenseele nahe genug, verlange ich lauthals, man möge mich hier raus holen. Ich spüre mein Ende nahen. Doch keiner eilt herbei, ausgenommen die Schlangen.

Da: Fünf Meter vor mir fangen zwei meiner Expeditionskollegen voller Stolz gleich drei dieser Ungeheuer: zwei Anacondas und eine Klapperschlange.
Trotz meiner Hysterie frage ich mich, wieso Giftschlangen im Sumpf leben, und aus welchem Grund Ernesto das mit keinem Wort erwähnt hat.

Von nun an bewege ich mich keinen Millimeter mehr, nur nicht auffallen, vielleicht huscht ja just in diesem Moment eine Anaconda zwischen meinen Beinen hindurch und sehnt sich nach Würgematerial…

Meine Kollegen kommen näher, die Riesenschlangen in den Händen haltend, Freude in ihren Gesichtern, die sie dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie mir eins der Viecher um den Hals legen. Endlich kann ich wieder laufen, wenn auch mit vollen Hosen…

Nur soviel bleibt zu sagen: Schocktherapie ist Schwachsinn. Heute setze ich nicht mal mehr einen Fuß ins Schlangen-Haus meines Lieblingszoos. Schließlich könnte ein Erdbeben, eine Bombe oder ähnliches die Terrarien zerstören, und ich wäre erneut von Millionen von Schlangen umgeben, die sich nach nichts mehr sehnen, als mich zu würgen und zu „begiften“.