Print

Posted in:

Die Maya-Renaissance

„Das Herz der Maya“ heißt die große Ausstellung, die bis Ende 2011 im Museum für Völkerkunde in Hamburg zu sehen ist. Die Maya, das große Volk Mittelamerikas, hatten ein eigenes Schriftsystem, einen exakten Kalender und bauten in ihrer Blütezeit 600 bis 900 Jahre nach Christus bis zu 70 Meter hohe Pyramiden. Das Reich der Maya ging unter, doch heute entdecken die Nachfahren der Maya ihr kulturelles Erbe wieder. Dabei mit hilft auch ein Professor aus Bonn. Katharina Nickoleit hat in Guatemala die Renaissance der Maya-Kultur erlebt.

Andrés Cholotio, Maya Gebet Tzutujil: „Schöpfer, wir danken Dir für den heutigen Tag. Wir danken Dir dafür, dass Du uns vergibst. Wir danken Dir dafür, dass Du uns segnest. Wir danken Dir dafür, dass Du uns zuhörst und uns das gibst, was wir zum Leben brauchen. An diesem schönen Tag bitten wir Dich, unsere Arbeit zu segnen.“

Jede von Andrés Cholotios Unterrichtsstunden beginnt mit einem alten Mayagebet. Wie alt dieses Gebet ist, lässt sich nicht genau sagen. Es wurde von Generation zu Generation weiter gegeben und dürfte so oder so ähnlich seit rund 2000 Jahren gesprochen werden. Dem 46-Jährigen ist seine indigene Herkunft deutlich anzusehen: Dunkle Haut, schwarze Haare, hohe Wangenknochen: „Ich gehöre der Sprachgruppe der Tzutujil an. Man findet sie in der Provinz Sololá, das liegt am Rande des Atitlán-Sees. Diese Sprachgruppe besteht aus lediglich 89.000 Personen. Trotzdem gibt es noch Menschen, die Tzutujil beherrschen“, so Andrés, der der Direktor des „Proyecto Lingüístico Francisco Mallorquín“ ist, das seinen Sitz in Antigua Guatemala, der alten kolonialen Hauptstadt des Landes hat. Das „Proyecto“ finanziert sich durch Spanischunterricht für Ausländer. Regelmäßig veranstaltet es überall in Guatemala Kurse, in denen die Nachfahren der Maya die Sprachen ihrer Vorfahren neu erlernen.

„Als das Institut vor 42 Jahren gegründet wurde, ging es vor allem darum, die Mayasprachen zu erforschen. Es wurde zum Beispiel nachgewiesen, dass die alten Sprachen eine Grammatik haben. Aber in den letzten Jahren bemühen wir uns zunehmend auch darum, die alten Sprachen wiederzubeleben und setzen uns dafür ein, dass sie gleichberechtigt neben dem Spanisch stehen“, erklärt er.

Hyroglyphenschrift und Mayakalender

In Guatemala zählt etwa die Hälfte der Bevölkerung zu den Maya. Insgesamt werden in dem mittelamerikanischen Land heute noch 23 verschiedene indigene Sprachen gesprochen. Doch das Spanische dominiert. Via Radio und Fernsehen dringt es auch in die entlegensten Ecken des Landes vor und droht die Mayasprachen vollends zu verdrängen. In manchen Dörfern sind es nur noch die Alten, die die alten Sprachen wirklich beherrschen. Gleichzeitig wächst das Interesse daran, Sprachen wie Mam, Tektiteko oder Achi zu erlernen. Und neben Sprachkursen werden auch Workshops zum Erlernen der Hyroglyphenschrift oder zum Verständnis des Mayakalenders angeboten.

Ajbu Paulo Garcia Ischmata ist einer von denen, die einen Kurs für Fortgeschrittene besuchen, in dem die Lektüre alter Dokumente gelehrt wird: „Das Lesen der alten Schriften gibt uns neue Impulse. Wir beginnen uns zu fragen, wer wir eigentlich sind. Mit der Eroberung der Spanier haben wir viel von unserer Kultur verloren. Alte Dokumente, die Inschriften in Steinen und auf Holz waren über Jahrhunderte nicht zugänglich. Dank des geschätzten Professors Nicolai Grube können wir jetzt lesen, welche Geschichten und welches Wissen uns unsere Vorfahren hinterlassen haben.“

Professor Nicolai Grube lehrt eigentlich am Institut für Altamerikanistik der Universität Bonn. Der Ethnologe ist Spezialist für die Schrift der Maya und hat diverse Lehrbücher über indigene Sprachen verfasst. Er reist regelmäßig nach Guatemala, um sein Wissen dort in Workshops weiter zu geben. Für Nicolai Grube ist die Revitalisierung der Mayakultur eine Folge des Bürgerkrieges, der bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts andauerte: „Die Aggression richtete sich vor allem gegen die Maya, es war eine Art Ethnozid. Und infolge dessen haben sich die Maya seit den 80er Jahren auch sehr stark organisiert und es haben sich Mayagruppen heraus kristallisiert, die sich gesagt haben, wir müssen unsere eigene Kultur stärker sichtbar machen. In diesem Zusammenhang ist daraufhin eine sehr starke kulturelle Bewegung entstanden.“

Die Nachfahren der Maya stellen zwar rund die Hälfte der Einwohner Guatemalas, doch ihr Anteil am Reichtum des Landes ist verschwindend gering. Viele sind Kleinbauern oder Wanderarbeiter, die von der Hand in den Mund leben. Ein großer Teil lebt in den Slums der Städte und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. In der heutigen guatemaltekischen Gesellschaft steht die Urbevölkerung auf der untersten Stufe. Sie gilt den Eliten des Landes als ungebildet und kulturlos.

Mit der Rückbesinnung auf die Hochkultur der Maya vor rund 2.000 Jahren stärken deren Nachfahren ihr Selbstbewusstsein. Die Maya entwickelten ein hochkomplexes Schriftsystem, verfolgten Planetenbewegungen und kannten die Null – eine mathematische Leistung, die sie beispielsweise den Römern voraus hatten. Sie regierten in Mittelamerika ein großes Reich und bauten Städte mit bis zu 70 Meter hohen Pyramiden.

Und so sagt auch Professor Nicolai Grube: „Die Rückbesinnung auf das alte Erbe schafft Rückgrat. Die Maya können nun stolz auftreten und sagen, wir sind genau wie Ihr Erben einer Jahrtausende alten Kultur und zwar einer lokalen Kultur. Wir waren hier zuerst. Das schafft natürlich auch einen politischen Bereich, in dem sie sich besser artikulieren können und so mehr Kraft und Selbstbewusstsein gegenüber der Ladino-Gesellschaft, also den Nicht-Maya, haben.“

Fliegen zum Jahreswechsel

Dass die Mayakultur nach wie vor lebendig ist, das hört man nicht nur, man sieht es auch im Alltag. Viele Frauen tragen heute wieder die alte Tracht: Weiße Blusen, die am Ausschnitt bunt bestickt sind, dazu handgewebte Wickelröcke. Und in abseitsgelegenen Dörfern werden heute noch die alten Kalenderrituale durchgeführt. Wie etwa das „Fliegen“ zum Jahreswechsel. Dieses Ritual ist uralt. Es wurde bereits auf Wandmalereien aus dem dritten Jahrhundert vor Christus festgehalten.

„Da gibt es Bäume, die werden aufgerichtet und die als Symbol für die Weltenachse angesehen. Dann steigen vier oder fünf Personen auf die Bäume und binden ihren Körper an der Spitze des jeweiligen Baumes fest. Dann lassen sie los und fliegen quasi um den Baum herum“, berichtet Nicolai Grube.

Die Maya kannten zwei Kalender: Zum einen das Sonnenjahr mit 365 Tagen, zum anderen den Ritualkalender mit 260 Tagen. In diesem Kalender ist jeder Tag einem bestimmten Gott zugeordnet. Für Ajbu Paulo Garcia Ischmata stehen beide Kalender gleichberechtigt nebeneinander: „Ich befolge den Mayakalender. Heute ist zum Beispiel der Tag Tichasch, der Tag des Kalenders, an dem wir die Energie erhalten, die wir brauchen um Kranke zu heilen. Jeder Tag erfordert eine bestimmte Opfergabe. Eine Blume, ein Glas Wasser, eine Kerze. Und manchmal auch eine größere Zeremonie.“

Der Ritualkalender ist der Schlüssel zur Weltanschauung der Maya. Und mit seiner Hilfe erinnern sich die heutigen Maya daran, wie ihre Vorfahren die Welt gesehen haben.

„Die westliche Kultur sieht die Welt auf eine andere Weise als wir. Für sie zählt der Einzelne. Die Mayakultur hingegen ist kosmozentrisch. Für uns ist alles, was im Kosmos existiert, gleich wichtig; die einzelne Person dagegen nicht so. Sie ist lediglich ein Teil vom großen Ganzen. Auch die einzelne Pflanze ist nicht so wichtig, denn auch sie ist ein Teil vom großen Ganzen“, so Andres Cholotio.

Die Vermittlung dieser Weltanschauung erfährt bei Andrés Cholotio die gleiche Priorität wie das Wissen um Sprachen und Schrift. Der Direktor des Kulturinstitutes „Proyecto Lingüístico Francisco Mallorquín“ glaubt, dass die Rückbesinnung auf die alten Werte der Maya deren Nachfahren im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung helfen kann: „Wir versuchen unseren Schülern beizubringen, dass unsere Kultur von Grund auf sozial ist. Keiner steht oben und keiner steht unten. Keiner ist dick und keiner ist dünn. Alle müssen die gleichen Chancen haben. Mit diesem Wissen können wir uns besser gegen die westliche Kultur wehren, in der sich einzelne auf Kosten anderer bereichern.“

Mithilfe der Mayakultur gegen die Ungerechtigkeit kämpfen, das ist der Traum von Andrés Cholotio und anderen guatemaltekischen Intellektuellen. Und vielleicht, so meint er, könnte die indianische Anschauung der Welt und des Kosmos sogar globale Probleme wie den Klimawandel lösen: „Wir sehen im Moment die ganzen Naturkatastrophen. Sie sind das Resultat der westlichen Kultur. Für sie ist es kein Problem, Bäume zu fällen oder Berge zu sprengen. Aber für uns schon. Ich glaube, wenn die westliche Welt die Mayakultur verstanden hätte, dann gäbe es heute nicht all diese Katastrophen.

Vielleicht finden sich ja in den alten Mayaschriften tatsächlich Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit – wenn man sie lesen und verstehen kann.