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Die gefährlichste Strecke der Welt

La Paz, in der Hochebene der Anden gelegene Metropole, ist Ausgangspunkt der Reise in die unendlich grünen Tiefen des bolivianischen Nebelwaldes. In einer kleinen Seitengasse im Stadtviertel Villa Fatima befinden sich die spärlich bestückten Räumlichkeiten -meist nur ein Schreibtisch und das Poster einer blonden Latina- der Fahrkartenverkäufer.

Dort kann bei acht verschiedenen Kleinbusunternehmen der Preis für das Ticket in die grüne Hölle Coroicos erfeilscht werden. Wichtig beim Kauf ist jedoch nicht so sehr der Preis, sondern die Frage nach dem Platz. Die sichersten Sitze sind die vordersten, nahe der Wagentür!

Die Fahrt beginnt. Das Straßenbild La Paz hinter sich lassend, den bewachten Stadtausgang passierend und mit den von Cholas angepriesenen Süßigkeiten eingedeckt, begibt man sich auf den Weg in Richtung des Cumbre, dem Gipfel, auf 5400 Meter Höhe. Cumbia erklingt aus den selbstgebauten Lautsprechern, die kahle, rauhe Berglandschaft der Hochebene zieht langsam vorbei. Die Reise durch das wundersame Naturspektakel hat begonnen.

Plötzlich tritt man ein in eine Landschaft voll satter Wiesen und Hügel, den schottischen Highlands gleichend. Kühle Feuchtigkeit durchdringt den Bus auf den gepflasterten Serpentinen hinunter ins Tal. Langsam begibt man sich hinein in die tropische Schwüle und Vegetation des andinen Nebelwaldes: der Adrenalintrip beginnt. Hinter einer Kurve, unscheinbar, endet die Straße und mündet in einen staubigen, schmalen Weg.

Links aus dem Fenster schauend, verliert sich der Blick im 1000 Meter tiefer liegenden Grün der Pflanzen. Stählerne und hölzerne Kreuze pflastern den Wegesrand. Rostende Autowracks wippen in den Kronen der Bäume. Rechter Hand erhebt sich die rauhe Felswand, an der sich Wasserfälle den Weg ins Tal erkämpfen. So gleitet man dahin, dem irren Busfahrer ausgeliefert – und der Abgund so nah.

Abstürze sind keine Seltenheit. Die meisten geschehen in der Trockenzeit. Der Zustand des staubigen Fahrtweges und die damit einher gehende Selbstüberschätzung der Busfahrer sind die häufigsten Unfallursachen. In der Regenzeit besteht höchstens die Gefahr, mit dem Auto in den Schlammassen stecken zu bleiben oder durch einen Erdrutsch an der Weiterfahrt gehindert zu werden.

Nach zweieinhalb Stunden Höllentrip ist das Ziel der Reise erreicht, Coroico. Ein kleiner verwinkelter Ort, in dem der Tourismus auf noch charmante Weise Einzug gehalten hat. Denn immer noch ergibt sich die Möglichkeit, privat unterzukommen oder die zurückhaltende bolivianische Mentalität und ihren unglaublichen Geschäftssinn lieben zu lernen. Der öffentliche Pool läßt einen den Staub der Strecke, der sich überall angesammelt hat, vergessen und keinen Gedanken an die Rückfahrt aufkommen.