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Der Fang von Zitteraalen

Versetzen wir uns in die Situation des jungen Karl Sachs: Im zarten Alter von 22 Jahren beauftragt ihn die Universität Berlin mit der Erforschung des Zitteraals im fernen Venezuela. 1876 begibt er sich für anderthalb Jahre auf Reisen. Sachs landet in La Guaira, verbringt die ersten Wochen seines Aufenthaltes in Caracas und zieht dann über Valencia in die Llanos, seinem eigentlichen Ziel, an welchem er die wissenschaftlichen Untersuchungen am „Gymnoten“ (Zitteraal) vornehmen wird.

Llanero (Viehtreiber) in Los Llanos, Venezuela bei der Arbeit

Begeistert von der Fremde lässt er sich von Natur und Menschen verführen. Er rühmt die Herzlichkeit der Venezolaner und erfreut sich am Lachen der Señoritas genauso wie an Schmetterlingen und Kolibris. Bester Stimmung und frohen Mutes gelangt er in das Dorf El Rastro am Caño de Bera.Bis zu diesem Punkt verläuft sein Vorhaben problemlos. Einzig der in den letzten siebzig Jahren stark gestiegene Preis für Pferde bereitet ihm ein wenig Kopfzerbrechen. Pferde sind für den „embarbazcar con caballos“ eigentlich notwendig, doch Sachs plant bereits den Einsatz von Eseln, die in der Anschaffung wesentlich billiger wären. Er will dies an Ort und Stelle mit erfahrenen Gymnotenfängern besprechen.

Bereits zu Schulzeiten war er fasziniert von den humbold’schen Erlebnissen. Der Kampf zwischen Aal und Pferd war im Deutschland des letzten Jahrhunderts wohl bekannt, beinhaltete doch das Gros der Naturkundebücher – oft im Orginalton Humboldts- dieses Ereignis. In knappen Worten sah Humboldt folgendes:Pferde wurden in einen Tümpel getrieben, in dem sich die Aale befanden. Durch das Gestampfe fühlte sich der am Grund ruhende Fisch belästigt und versuchte, sich möglichst an den Bauch der Pferde heftend, den Eindringling mit elektrischen Stößen zu vertreiben. Die Pferde konnten nicht entfliehen, da sie durch Stockhiebe im Becken gehalten wurden. Sie stürzten und einige starben, aber nach geraumer Zeit waren die Aale entkräftet und „entladen“ und konnten, jetzt an der Oberfläche schwimmend, von Indianern oder Llaneros einfach gefangen werden.

Noch am Abend seines ersten Tages in El Rastro versammelt Sachs die Männer des Dorfes um sich. Er beginnt sein Vorhaben zu schildern und wird aufgrund der ungläubigen Blicke seiner Zuhörer immer detaillierter. Das anfängliche Nichtverstehen weicht einem Raunen und Schmunzeln und bald brechen die Steppenmänner in schallendes Gelächter aus. Auch Joe, unser junger Forscher vor Ort, musste in den Llanos die ein oder andere Probe über sich ergehen lassen: Auf seinem ersten Llanostripp wurde er eines morgens mit einer Anaconda geweckt.pa`rriba
Erst nachdem sich die Situation einigermaßen beruhigt hat, erfährt Sachs, dass sich die Gymnoten viel einfacher -nämlich mit Schnur und Haken- fangen lassen und es keinen Aufwand à la Humboldt bedürfe.Sachs, der arme Kerl, musste die folgenden Tage sicherlich die ein oder andere Schmach über sich ergehen lassen; und speziell an den feucht-fröhlichen Abenden wird der „embarbazcar con caballos“ thematischer Gegenstand diverser Sängerwettstreite (s. Archiv: Cowboys im Sängerwettstreit) gewesen sein. Aber –und das entschädigt den jungen Forscher für die erfahrene Pein- Sachs konnte schon am 2. Tag am Caño de Bero mit seinen wissenschaftlichen Untersuchungen beginnen, ohne bereits im Vorfeld seine finanziellen Mittel mit dem Kauf von Pferden erschöpft zu haben.

 

…nach längeren Diskussionen in der caiman.de-Redaktion seien, bei aller Ehrfurcht vor dem größten Mann der Wissenschaft, folgende unbeantwortete Fragen erlaubt:

  • Spielten Humboldt seine „wissenschaftlichen Phantasien“ gelegentlich einen Streich?
  • War der „embarbazcar“ speziell für ihn inszeniert worden, oder handelt es sich gar um eine künstlerische Performance venezolanischer Steppensöhne?
  • Hatte gar Humboldt selbst diesen „Test“ veranlasst?
  • Oder fällt dieses Ereignis unter sein Verständnis von „poetischen Naturbeschreibungen“ – Humboldts Mix aus 50 % wissenschaftlicher Genauigkeit und 50 % Poesie – mit denen das Interesse der Leser für die Fremde geweckt werden soll?

Written by dirk klaiber

dirk klaiber

dirk klaiber, geb. 1969, lebt in berlin, ist herausgeber des online kultur- und reisemagazins caiman.de / internet: www.caiman.de

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