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Che, mate und chilenische Mädchen

Alberto Granado (*1922) reiste 1951/52 mit seinem Freund Ernesto Guevara durch Lateinamerika. Von Buenos Aires aus ging es durch Patagonien, über die Anden nach Chile, mit dem Schiff nach Antofagasta, weiter durch Peru, über den Amazonas nach Kolumbien und nach Caracas. Dort trennten sich ihre Wege.

Diese Reise wurde von Walter Salles nach den Tagebüchern der beiden verfilmt: Motorcycle Diaries lief 2004 auch in den deutschen Kinos.

Torsten Eßer sprach mit Alberto Granado in Havanna über den Che, den Film und chilenische Mädchen.

Was dachten Sie, als der Anruf kam, ob sie an diesem Film mitarbeiten möchten?
Ich habe geantwortet, dass ich schon auf dem Weg zum Flughafen sei… (lacht). Nein, Walter war schon vorher hier und hatte mich darauf vorbereitet.

Mir schienen die Tagebücher Ernestos schon immer eine gute Vorlage für ein Drehbuch zu sein. Warum wohl wurde erst so spät ein Film daraus gemacht?
Ja, das ist wirklich unerklärlich. Die Wichtigkeit dieses Buches liegt schließlich darin, dass es den Che als Menschen aus Fleisch und Blut zeigt. Aber die Leute haben ihn in etwas verwandelt, dass an die Götter der griechischen Mythologie erinnert. Vielleicht wollten sie sich das nicht nehmen lassen. Denn schließlich war er wie wir: er konnte nicht tanzen, fiel mit dem Motorrad in den Schlamm usw.

Und warum haben die Kubaner ihren Nationalheld nicht verfilmt?
Ich glaube, dass es für sie schwierig war, weil der Ernesto dieser Zeit wenig mit dem Che von später gemeinsam hatte, der ja als Vorbild für die ganze Welt gelten sollte. Man sollte an Menschen wie ihn denken, wenn man die Welt verbessern wollte.

Spiegelt der Film die Realität wider?
Alles ist wahr, wobei man beachten muss, dass es ja kein Dokumentar- sondern ein Spielfilm ist. Somit gibt es Szenen, die ein wenig modifiziert wurden: Die Durchschwimmung des Flusses zum Beispiel hat in Wahrheit am Tage stattgefunden. Aber weil Ernesto seiner Mutter in einem Brief schrieb, dass der Fluss ihm nachts ein wenig Angst mache, hat Walter Salles diese beiden Tatsachen vermischt und die Handlung in die Nacht verlegt. Das ist spannender und hat mehr Symbolcharakter.

Waren Sie während der Dreharbeiten dabei?
Ja, an vielen Orten in Argentinien, Südchile, Iquitos und in Lima.

Das Hospital im peruanischen Dschungel existiert noch?
Nein, es wurde für den Film neu errichtet. Etwas sehr Wichtiges und Schönes ist, dass all die Sachen, die dort für das Filmteam und den Film errichtet wurden, also Hütten, Bäder mit fließendem Wasser, Toiletten und so weiter nun der Bevölkerung des naheliegenden Dorfes Santa Maria gehören.

Im Film seid Ihr hinter chilenischen Mädchen her. Sind die wirklich so heiß?
So sagt man zumindest. Weißt Du was: Während der Dreharbeiten in Chile wollte die Schauspielerin, die „mein“ Mädchen spielt, sich mit mir hinlegen und wissen, wie es war. Ich habe gelacht und ihr gesagt: „Wie soll ich mit 82 vormachen, was ich mit 29 nicht gemacht habe!“

Und wer hatte die Idee zur Reise?
Ich, aber Ernesto gefiel sie sofort, denn er liebte das Reisen und hatte zum Beispiel schon eine lange Reise durch 14 Provinzen Argentiniens gemacht.

Kam während dieser schwierigen Reise nie der Wunsch auf, sie abzubrechen?
Nein, wir beide waren sehr hart im Nehmen. Ernesto noch mehr als ich. Wir hätten nie das Handtuch geworfen. Als mein Motorrad zu Schrott ging, war ich wirklich am Ende. Ich hatte viel mit diesem Motorrad erlebt und hing sehr daran, aber ich wollte trotzdem weiter.

Wie war das mit den Melonen und dem Schiff?
Wir wollten unbedingt nach Antofagasta. Also gingen wir als blinde Passagiere an Bord eines Schiffes und kamen dort an. Um weiter nach Peru zu reisen, machten wir es wieder so und das zweite Schiff hatte Melonen geladen. Wir hatten echt Hunger und fingen an, Melonen zu essen und die Schalen über Bord zu werfen. Leider trieb sie die Strömung wie Perlen an einer Schnur nah am Boot vorbei, so dass der Kapitän sie sah und uns entdeckte. Da wir noch nicht abgelegt hatten, schmiss er uns von Bord. Das war aber wiederum gut, denn so mußten wir den Landweg nach Peru nehmen und kamen an der Mine Chucicamata vorbei, die wir sonst nicht gesehen hätten.

Was war das Beeindruckendste für Sie auf der Reise?
Das Bewegendste war der Abschied von der Leprastation. Es war ein nebliger Tag und wir waren tief gerührt von den Abschiedsliedern und -reden der Leprakranken. Im Film ist das gut dargestellt, aber es ist nicht ein Viertel von dem, was wirklich passierte. Ich sage immer, das war der Tag, an dem Ernesto sich vom Arzt für die Kranken zum „Arzt“ des Volkes wandelte. Ein weiteres, sehr emotionales Ereignis war das Treffen mit dem Ehepaar in der Wüste, also dem Minenarbeiter, der noch nicht einmal eine Decke hatte, um sich gegen die Kälte zu schützen. Uns war es peinlich, erklären zu müssen, dass wir nur des Reisens wegen reisten und nicht, um Arbeit zu finden.

Für Euch war die ganze Reise über mate sehr wichtig. Ist das heute auch noch so?
Hier in Kuba gibt es keine mate. Das mögen die Kubaner nicht. Ich trinke heute nur mate, wenn mich Argentinier besuchen kommen. Sonst habe ich mich ans Kaffeetrinken gewöhnt oder manchmal einen kleinen Rum. Für Ernesto war mate allerdings eine Notwendigkeit.

Fand die Wandlung von Ernesto zum Che während eurer Reise statt oder erst viel später?
Später, aber nicht viel später. Unsere Reise ist eher unter sozialen Gesichtspunkten zu betrachten als unter politischen. Als er später in Guatemala war [1953/54], fiel ihm auf, dass unsere Erlebnisse ihn in seinen Gedanken unterstützt und bestärkt hatten. Sein Aufenthalt dort und die Bekanntschaft mit Ñico López, der später einer der Männer auf der „Granma“ war, haben seinen Charakter geprägt. Aber auch Hilda Gadea, seine spätere Frau, die er dort kennen lernte.

Die Chance bei so ähnlichen Charakteren war doch 50/50, dass auch Sie nach der Reise so einen Weg hätten einschlagen können wie Ernesto?
Nein, dafür war ich nicht geschaffen. Ernesto war fest davon überzeugt, dass nur eine Revolution die Verhältnisse ändern könnte und dass man mit der reaktionären Gewalt nur fertig würde, wenn man ihr eine revolutionäre Gewalt entgegensetzte. Da waren wir verschieden.

1961 sind Sie Ernesto nach Kuba gefolgt. War der Grund ihre Freundschaft oder die Revolution?
Eher wegen der Revolution. Unsere Freundschaft war sehr gut, aber wir unterschieden uns auch in wesentlichen Dingen. Ernesto wußte zu dieser Zeit schon, dass er nicht für immer in Kuba bleiben würde. Die einzige Bedingung, die er Fidel stellte, als er zu den Kämpfern stieß, war, dass er gehen könne, wann immer er wolle, wenn die Revolution gesiegt hätte. Darum konnte er mich nicht holen und dann abhauen. Er hat mich vorher eingeladen: So habe ich ihn 1960 in Kuba besucht. Da wurde mir bewußt, dass aus Ernesto Guevara Che Guevara geworden war, der nur noch wenig Privatleben hatte. Ich ging dann zu einer programmatischen Rede von Fidel Castro in der Sierra Maestra, in der er von Dingen sprach, von denen ich bis dahin nur geträumt hatte. Und dort sagte ich zu meiner Frau: „Delia, das ist der Führer von dem ich immer dachte, dass es ihn nicht gibt. Bereite Dich darauf vor, nach Kuba umzuziehen.“ Und im folgenden Jahr zogen wir nach Kuba. Dort habe ich mich dann der Forschung verschrieben. Ich bin seit dem Ende unserer Reise nicht mehr dauerhaft nach Argentinien zurück gekehrt. Ich habe mich in Venezuela verliebt, in eine Frau und in das Klima, und bin dort geblieben. In den Tropen fühle ich mich zuhause.

Und Sie hatten nie die Idee, ihrem Freund zu folgen, etwa in den Kongo oder nach Bolivien?
Als er mich verließ, hat er mir folgendes in ein Buch geschrieben: „Te espero gitano.“ Er wusste, dass ich für den Guerrillakampf nicht geschaffen war. Ich wäre ihm in einen freien Kongo oder ein freies Bolivien gefolgt, denn schließlich hat er ja geschrieben, dass er auf mich wartet.

Foto: Torsten Eßer

Literatur:
Ernesto „Che“ Guevara. Latinoamericana. Tagebuch einer Motorradreise 1951/52, Köln 1994.
Ernesto „Che“ Guevara. Das magische Gefühl, unverwundbar zu sein. Tagebuch der Lateinamerikareise 1953-1956, Köln 2003.