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Zwischen Größenwahn und Melancholie

Ein Sommertag in Buenos Aires

Sie macht’s dir ja einfach. Du schwebst irgendwann mal draußen am Flughafen Ezeiza ein und obwohl du 8000 Kilometer weit von Deutschland weg bist, umhüllt dich sofort ein unsichtbarer Mantel des Wohlbehagens. Und das Wunderbare daran: Er begleitet dich nicht nur auf dem knapp 40-minütigem Taxiritt zur Innenstadt, sondern im Idealfall auch die ganze Zeit des Aufenthalts.

Woran das liegen mag, lässt sich schnell beantworten, von dem, der schon mal ein paar Metropolen Lateinamerikas gesehen hat und anschließend durch die Innenstadt von Buenos Aires schlendert. Den „klassischen“ Latino sucht man hier nämlich vergebens. Frech könnte man sagen, die Spanier haben damals während der Conquista ganze Arbeit geleistet, aber was für Argentiniens Hauptstadt gilt, stimmt im ganzen Land dann nicht mehr so richtig. Zumindest im Norden findet man schon noch eine Handvoll Bewohner mit indigenen Wurzeln.

In Buenos Aires jedoch sieht man sie nicht mehr häufig, was nicht verwundert, hat gefühlt die Hälfte der Porteños doch einen italienischen oder spanischen Pass in der Schublade. Es geht also auch mentalitätsmäßig europäisch zu am Rio de la Plata, jenem Fluss, der an seiner breitesten Stelle 100 Kilometer misst und auf den die Bewohner, ähnlich der breitesten Straße der Welt, so unheimlich stolz sind. Überhaupt wird man in der Stadt ständig mit Superlativen konfrontiert: breiteste Straße, breitester Fluss, bester Fußballer, bestes Fleisch und so weiter und so fort.

Wer jedoch glaubt, derartiger Größenwahn würde die Menschen gänzlich verderben, der irrt gewaltig. Nein, selbst wenn die Porteños sich beim Thema Fußball kurzzeitig miteinander ganz innig verbunden fühlen, so suchen sie doch fortlaufend nach ihrer eigenen Identität und das ergibt diese einzigartige Mischung aus Melancholie und Gleichmut gepaart mit einer Prise Emotionalität, die diese Stadt und ihre Bewohner so ausmacht und ihren Höhepunkt – natürlich – im Tango findet.

Den berühmten Tanz erfährt man überall in der Stadt. Piazolla, Goyeneche, Gallardo – jeder durfte sich musikalisch ein Denkmal setzen. Im Stadtteil San Telmo ist der Tango zu Hause, nicht nur für die vielen Touristen. Unzählige Tanzschulen buhlen um ihre Klientel und wer die Paar Blocks von der Casa Rosada, dem Präsidentinnenpalast, zur Plaza Defensa laufen möchte, sollte das tun. Da rauschen bunte Busse an einem vorbei, die Luft ist schwer und abgasgeschwängert und an den zahlreichen kleinen Bars treffen sich irgendwie alle. Um zu quatschen, Geschäfte zu machen oder einfach nur das Treiben an der Straßenkreuzung zu beobachten.

Irgendwann kommt man am Trödelmarkt vorbei und wenn linker Hand dann noch die berühmte Bar „El gato negro“ hinter einem liegt, dann ist man schon an der Plaza Defensa angekommen. Die Freiluft-Milonga wird gerne von Touristen genutzt, aber eigentlich sind die semi-professionellen Tango-Paare, die sich auch für diversen Klamauk nicht zu schade sind, die eigentliche Attraktion. Anmutig schweben sie über den staubigen Boden, aus den Boxen jammert Piazolla mehr schlecht als recht und hingebungsvoll taucht das Publikum ein in eine Szenerie, die es in dieser Form erst gibt, seit die Touristen als regelmäßige Geldquelle aufgetan wurden. Dennoch: Ein Verweilen lohnt sich trotzdem. Denn die Tänzer beherrschen ihr Handwerk, das Ambiente ist entspannt und nicht aufdringlich und wem’s gefällt, der gibt den Künstlern einen kleinen Obolus.

Anschließend sollte man sich eine Pause gönnen. Entweder man besucht eine der Bars im Viertel oder man fährt kurzerhand in Richtung Recoleta mit dem gleichnamigen Park. Quasi beim Grab von Evita kann man dort das wunderbarste Pan Relleno essen. Die Marktstände am Wochenende bieten irgendwie alles unter dem Prädikat „Artesanías“ an, Kunsthandwerk also, das eigentlich keines ist, weil irgendwo in China vorproduziert. Ledergürtel dürfte noch das hochwertigste sein, was man dort bekommt. Oder gehäkelte Mützen, wer sie denn im Sommer brauchen sollte. Wobei, der nächste Winter kommt bestimmt.

Ich komme aber stets nur wegen des Pan Relleno hierher. Tomate, Basilikum, Käse lassen sich im warmen Brot vortrefflich verzehren und wer wirklich viel Zeit hat, der sollte einen Rotwein im Gepäck haben und anschließend auf der riesigen Wiese unter einem der Bäume ein Nickerchen machen und dabei entweder den vielen Kleinkünstlern beim Jonglieren und Turnen zugucken oder den Musikern bei ihren Vorführungen lauschen. Recht viel mehr braucht man eigentlich nicht für einen faulen Sommertag in Buenos Aires.

Fotos: Frank Sippach