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Zu Besuch auf der Forschungsinsel Barro Colorado

Mitten im Panamakanal liegt Barro Colorado. Vermutlich gibt es auf der ganzen Welt kein Stück Urwald, das besser erforscht ist als diese künstliche Insel. Denn auf Barro Colorado bietet das weltweit bekannte Smithsonian Forschungsinstitut Wissenschaftlern aus der ganzen Welt all das, was sie brauchen, um in Ruhe das Wachstum von Pilzen, die Fortpflanzung von Vögeln oder die Nahrungsaufnahme von Fischen zu studieren. Auch deutsche Forscher kommen hier her.

Der Rucksack, in dem Thomas Hiller seine Ausrüstung in der Dämmerung zu einem guten Fledermausfangplatz trägt, ist mit 15 Kilo ganz schön schwer, aber das macht nichts. Der junge Biologe hat es nicht weit und der Pfad durch den sonst dichten Urwald ist gut ausgebaut. Das ist nur einer der vielen Vorteile der Forschungsinsel Barro Colorado, kurz BIC und der Doktorand der Uni Ulm ist von Forschungsreisen nach Afrika ganz anderes gewohnt. „Man muss meistens einen Dryshipper mitnehmen, ein Gefäß, in dem flüssiger Stickstoff transportiert werden kann, um die Proben kühl zu halten, was sehr umständlich ist. Das kann man sich hier auf BCI sparen, da der Minus-80-Grad-Kühlschrank in greifbarer Nähe ist“, erklärt er.

Trotz des guten Weges ist der 28-jährige Biologe in der tropischen Schwüle Panamas nach kürzester Zeit nass geschwitzt. Über seinem Kopftuch trägt er eine Stirnlampe und an den Füßen Gummistiefel gegen die Schlangen. Auf der Forschungsinsel muss er sich nur auf seinen Exkursionen in den Wald mit solchen Widrigkeiten herum schlagen. „In Ghana waren wir mit Hängematte und Auto unterwegs und mussten mittags und abends selber kochen, mit einem Gaskocher irgendwo im Feld und eben in der Hängematte übernachten und hoffen, dass es nicht regnet. Hier gibt es zwei warme Mahlzeiten am Tag, man bekommt Frühstück, hat Betten mit Ventilator im Zimmer. Es ist einfach traumhaft“, schwärmt Hiller.

Über einem kleinen Bachlauf stellt der junge Mann sein Fangnetz auf. Die Fledermäuse fliegen hier in der Dämmerung besonders gerne entlang. Für seine Doktorarbeit untersucht er, wie Viren zwischen verschiedenen Arten übertragen werden. Dazu muss er Fledermäuse einfangen und ihnen Kot-, Blut- und Gewebeproben entnehmen, die zunächst tiefgekühlt und dann später in Deutschland ausgewertet werden. Um auf Barro Colorado Fledermäuse fangen zu dürfen, musste der Forscher einen ausführliche Projektbeschreibung einreichen und ausreichend Erfahrung auf seinem Fachgebiet nachweisen. „Und dass die Arbeit mit den Tieren ihnen keinen Schaden zufügt. Das ist einer der wichtigsten Punkte gewesen. Dass es zwar invasives Arbeiten ist, wenn man die Tiere fängt, sie allerdings an Ort und Stelle wieder frei lässt, ohne bleibenden Schaden zu verursachen.“

Darüber, welche Forschungsprojekte auf Barro Colorado durchgeführt werden dürfen, entscheidet Oris Acevedo. Die Biologin leitet seit 21 Jahren die Station des Smithsonian Tropical Research Institutes und hat im Laufe der Zeit Wissenschaftler aus über 60 Ländern beherbergt. „Was BCI so besonders macht, ist die Masse an Informationen, die es über diesen Wald gibt. Wir sprechen von über 4.000 Studien, die hier gemacht wurden. Dieser Wald ist viel besser erforscht als jeder andere.“ Ein guter Teil der hier gesammelten Daten steht den Wissenschaftlern vor Ort zur Verfügung, so dass die Forscher auf Arbeiten ihrer Vorgänger aufbauen können. Und das sind Daten aus über 90 Jahren Forschungsarbeit.

Die Insel war bis 1908 eine Bergspitze. Für den Panamakanal wurde ein ganzes Tal geflutet, dabei entstanden im Gatunstausee eine ganze Reihe Inseln – die größte davon ist Barro Colorado. „Als der Kanal gebaut wurde, sah der damalige Gouverneur die Notwendigkeit für zukünftige Generationen, einen Platz zum Forschen zu schaffen. Er schlug vor, diese Insel zu einem geschützten Gebiet zu erklären und sie der Forschung zu widmen“, erzählt Oris Acevedo.

Bis auf die Unterkünfte für die Wissenschaftler, einige Labore, Verwaltungsbüros und den Speisesaal ist die 15 Quadratkilometer große Insel vollständig Natur belassen. Und obwohl es sich um eine relativ kleine Fläche handelt, findet sich hier eine unglaubliche Artenvielfalt. „Wir haben mehr als 1000 verschieden Insektenarten, fünf Affenarten, zwei Faultierarten, Tapire, mehr als 350 Vogelarten. Hinzu kommen Wildkatzen, Fledermäuse, Nagetiere und natürlich unzählige Pflanzen – auf der Forschungsinsel wurden alleine 300 Baumsorten gezählt“, berichtet die Leiterin.

Die Infrastruktur der Insel in Schuss zu halten, ist eine aufwendige Angelegenheit. Wenn die Gebäude und Wege nicht ständig gepflegt werden, verfallen sie in der tropischen Hitze schnell. Das alles ist teuer. „Ein Student bezahlt hier pro Tag 47 Dollar. Dafür erhält er Unterkunft und Verpflegung, darf die Labore, sein Büro und die Boote benutzen. 47 Dollar sind ein hoch subventionierter Preis. Aber wir sind kein Unternehmen, wir sind eine Forschungseinrichtung. Unsere Mission ist die Wissenschaft“, so Oris Acevedo weiter.

Die Gelder für den Betrieb der Forschungsinsel kommen hauptsächlich aus den USA, von privaten Spendern, von Unternehmern und vom Staat. Für einen Doktoranden wie Thomas Hiller, der für zwei Jahre auf Barro Colorado forscht, sind umgerechnet 35 Euro pro Tag immer noch zu viel. Sein Aufenthalt wird aus Mitteln seiner Universität in Ulm finanziert.

Ein Bach gurgelt, der Fledermausforscher kontrolliert sein Netz. Ein Tier hat sich darin verfangen. „Das erste, was man machen muss, ist schauen, von welcher Seite die Fledermaus ins Netz geflogen ist. Das ist notwendig, um die Fledermaus schnell und behutsam befreien zu können“ Thomas Hiller passt auf, dass er dabei nicht gebissen wird. Die Fledermaus zappelt und zetert, sie kommt in einen Stoffbeutel, was sie zu beruhigen scheint. Der Doktorand macht sich an den Aufstieg zu einem kleinen Häuschen, in dem ein Generator summt. Dieser versorgt die Messgeräte eines Langzeitexperimentes der Uni Potsdam mit Strom. Überall auf der Insel stößt man auf Experimente, in denen teils über Jahrzehnte Pflanzenwachstum oder Regenmengen aufgezeichnet werden. Hiller erklärt: „Es gibt hier wissenschaftliche Angestellte, die ausschließlich für die Messungen angestellt sind. Aus diesem Grund ist es möglich, dass Projekte über mehrere Jahre laufen können.“

Jetzt aber zurück zu der kleinen Fledermaus. „Es handelt sich bei unserem Exemplar um ein Hatibeus Literatus. Der wiegt mit Beutel 94 Gramm. Jetzt nehme ich die Fledermaus aus dem Beutel heraus. Vorsichtig, dass sie nicht abhaut. Hier ist sie, ein Weibchen. Der leere Beutel wiegt 23 Gramm.“ Thomas Hiller vermisst die Flügelspannweite, bestimmt das Alter und diktiert alles seiner Feldassistentin Elena Krimmer. Die Studentin macht auf BCI ein Praktikum und wurde zugleich als wissenschaftliche Hilfskraft der Uni Ulm nach Panama entsendet. „Für mich war das die Chance, was ganz anderes zu machen. Mal in die Tropen zu kommen, mit Säugetieren zu arbeiten. Das hat mich sehr gereizt“, erzählt sie.

Zu Elenas Aufgaben gehört auch die Eingabe der erhobenen Daten in den Computer und das Nähen der Stoffbeutel. Die meiste Zeit geht allerdings für das Flicken der Netze drauf. „Wenn die Fledermäuse gefangen werden, sind sie ein bisschen aggressiv und beißen halt, was das Zeug hält. Da diese Netze nicht ganz billig sind, versuchen wir, sie so gut wie möglich zu flicken, was natürlich ein bisschen einer Sisyphusarbeit gleicht.“

Um Verbrauchsmaterialien wie Netze oder Gefäße muss sich jeder Forscher selber kümmern, und wer immer den Fledermausforscher aus Deutschland besucht, bringt eine Tasche voll davon mit.

Für Thomas Hiller ist die Insel Barro Colorado nicht nur wegen der guten Infrastruktur ein idealer Forschungsplatz, sondern auch, weil er hier junge Wissenschaftler aus aller Welt und unterschiedlichsten Fachrichtungen kennen lernen und sich mit ihnen austauschen kann. „Wenn man dann abends zusammen sitzt, kommt man im Gespräch über die Arbeit oder Erlebnisse im Wald auf die tollsten Möglichkeiten für Kooperationen. Man findet immer wieder überraschende Überschneidungen, fachübergreifende Möglichkeiten.“ Schon so manch großes internationales Forschungsprojekt hat auf Barro Colorado seinen Anfang genommen. Thomas Hiller hat erst letzte Woche festgestellt, dass er und eine panamesisches Kollegin ein ähnliches Thema in ihrer Masterarbeit behandelt haben und so haben die beiden haben beschlossen, auf diesem Gebiet gemeinsam weiter zu forschen.

„Vor allem für junge Leute ist das Ganze hier eine Supermöglichkeit, Kontakte zu anderen Forschern, zu anderen Instituten zu knüpfen und dadurch Forschungsgemeinschaften für die Zukunft aufzubauen“, sagt Hiller, während er von „seiner“ Fledermaus 123 Kot-, Gewebe und Blutproben und eine Zecke einsammelt.

377 Tiere fehlen ihm noch, aber er hat ja auch noch ein Jahr Zeit auf der Forschungsinsel um sie fangen und zu untersuchen. Für die Auswertung der Daten und das Schreiben der Arbeit hat er noch mal ein Jahr eingeplant.

Dieses Fledermausweibchen jedenfalls hat ihren Dienst für die Wissenschaft geleistet. „So, dann lassen wir dich mal wieder frei?“ Für Thomas Hiller dagegen geht es mit der Forschung erst noch richtig los.

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr unter:
www.katharina-nickoleit.de