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Yemanjá ruft – 2. Februar in Rio Vermelho

Die ersten Böller hörte ich irgendwann zwischen ein und zwei Uhr in der Früh, doch statt aufzustehen, schlug ich mir die Decke über den Kopf in meinem bequemen Hotelbett – in der Hoffnung weiteren Schlaf zu finden. Mein Plan bestand darin, gegen sechs Uhr zum Strand von Rio Vermelho zu gehen, um dort den Sonnenaufgang zu erleben.

Mit den Böllern aber nährten sich die Zweifel: kommen wir zu spät, geht die Prozession schon früher los? Doch die Müdigkeit siegte.Die ersten Böller hörte ich irgendwann zwischen ein und zwei Uhr in der Früh, doch statt aufzustehen, schlug ich mir die Decke über den Kopf in meinem bequemen Hotelbett – in der Hoffnung weiteren Schlaf zu finden. Mein Plan bestand darin, gegen sechs Uhr zum Strand von Rio Vermelho zu gehen, um dort den Sonnenaufgang zu erleben. Mit den Böllern aber nährten sich die Zweifel: kommen wir zu spät, geht die Prozession schon früher los? Doch die Müdigkeit siegte.

Dieses Jahr fiel der 2. Februar, der Tag von Yemanjá, auf einen Sonntag. Fällt er auf einen Wochentag, so meine Theorie, fahren die Menschen schon morgens früh vor der Arbeit zu dem kleinen Fischerhäuschen, um ihre Blumen abzulegen. Da heute Sonntag ist, werden sie sich Zeit lassen. Theorie, wie gesagt.

Als wir dann gegen sechs Uhr in Rio Vermelho ankamen, jenem durch den weltberühmten Schriftsteller Jorge Amado bekannten Stadtteil an der Atlantikküste in Salvador da Bahia, warteten bereits Menschenmassen in der Schlange. Davor priesen Blumenverkäufer ihre Ware an.

Man kauft sich Blumen, stellt sich zwischen einer und zwei Stunden in der Schlange an, bis man zu dem kleinen Häuschen hoch über dem Meer vorgedrungen ist. Dort legt man die Blumen und eventuell vorhandene andere Geschenke für die Meeresgöttin ab. Stetig füllen fleißige Helfer geflochtene Körbe mit den Dreingaben, die dann in kleinen Booten hinaus aufs Meer gefahren und dort Yemanjá übergeben werden.

Wer nicht stundenlang Schlange stehen will, mietet sich am Strand ein kleines Boot und bringt das Geschenk für Yemanjá persönlich hinaus aufs Meer. Als die Sonne über den Häusern von Rio Vermelho aufgeht und den Strand in wundervolle Orangetöne taucht, ist das Meer bereits mit Blumen übersät.

Immer mehr Menschen strömen an den Strand. Sie wollen danken für all das Gute, das ihnen im letzten Jahr widerfahren ist. Und Ähnliches für die Zukunft erbitten. Wir haben unsere Blumen bereits abgelegt. Jetzt unterziehen wir uns einem Reinigungsprozess am Strand. Es heißt, dass dieser schlechte Energie aufsauge und Körper und Geist befreie.

Wir kehren zurück ins Hotel, das Frühstück ruft. Auf dem Weg kommen uns immer mehr Menschen entgegen – singend, trommelnd. Eine Gruppe trägt ein kleines Holzboot auf den Schultern, angefüllt mit weißen Blumen. Salvador da Bahia, 2. Februar. Yemanjá ruft.

Fotos: Thomas Milz

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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