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Wirtschaftsmacht Brasilien (11/2009)

Der grüne Riese erwacht - das neue Brasilienbuch von Alexander Busch

„Kaum ein Land unterschätzen wir heute so wie Brasilien. China und Indien trauen wir Hauptrollen bei der globalen Umwälzung in der Weltwirtschaft zu. Doch Brasilien gestehen wir dabei eine bessere Nebenrolle zu. Das ist ein Fehler. Denn die neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt ist auf dem Sprung zur Weltmacht.“ (Alexander Busch)

Alexander Busch ist der Wirtschaftsexperte für Brasilien unter den deutschen Journalisten. Seit Anfang der 90er Jahre berichtet er für die wichtigsten deutschsprachigen Wirtschaftszeitungen und Wirtschaftsmagazine aus Brasilien, darunter für die „WirtschaftsWoche“, das „Handelsblatt“ und die schweizer „Finanz und Wirtschaft“.

Jetzt hat er endlich eine Lücke geschlossen, die seit Jahren auf dem deutschsprachigen Buchmarkt klaffte: ein fundiertes Buch über den Aufstieg Brasiliens zum Global Player der Weltwirtschaft.

Als Busch nach Brasilien kam, lag das von hoher Inflation und immer neuen (und stets gescheiterten) Wirtschaftsplänen geplagte Land noch im ökonomischen Tiefstschlaf. Ein anderer Brasilien-Korrespondent nannte Brasilien damals eine „tropische DDR“! Wunderbar beschreibt Busch, wie er in seinen ersten Reportagen auf die Kapitäne der siechenden Staatsbetriebe inmitten eines unbeweglichen und wenig innovativen Wirtschaftsszenarios traf. Viel Hoffnung hatte er damals für Betriebe wie den Flugzeugbauer EMBRAER oder den Energiekonzern PETROBRAS nicht.

Heute stehen beide Betriebe sinnbildlich für die Globalisierung, Innovationskraft und den Aufstieg der brasilianischen Ökonomie. Was war passiert? Präsident Cardosos REAL-Wirtschaftsplan stabilisierte die Wirtschaft Mitte der 90er, wenig später begannen die Privatisierungen der wichtigsten Sektoren. Heute haben weit mehr als 100 Millionen Brasilianer ein Handy, das Internet boomt, die Banken gehören zu den modernsten der Welt, in den Städten fahren die neuesten Flex-Fuel-Autos. Brasiliens Mittelschicht konsumiert wie nie zuvor und lässt den traditionell schwach entwickelten Binnenmarkt boomen.

Auch dank der weit reichenden Sozialprogramme, die Präsident Lula da Silva seit seinem Amtsantritt 2003 auf den Weg gebracht hat und die Millionen von Familien aus der Armut und in die neue Mittelschicht führten. Und während am unteren Ende der sozialen Leiter Millionen den Aufstieg wagen, zählt das Land jährlich gut 50.000 neue Millionäre, auch dank des Agrarbooms der Brasilien mittlerweile zum Spitzenreiter in Sachen Soja, Fleisch und Ethanol hat werden lassen.

Und die Zukunft sieht noch rosiger aus: nicht nur die neu entdeckten, riesigen Offshore-Ölfelder versprechen Brasilien einen Platz als zukünftiger Energieriese. Biotreibstoffe kann das Land liefern wie kaum ein anderes und Wasser, Sonne und Wind hat es im Überfluss um damit „saubere“ Energie zu produzieren.

Dabei übersieht Busch aber niemals die Probleme, die aus dem steilen wirtschaftlichen Aufstieg für Mensch und Umwelt resultieren können. Er legt den Finger in Wunden wie die wachsende Gewalt und Unsicherheit, genau wie die voranschreitende Zerstörung der einzigartigen Umwelt des Landes. Doch gleichzeitig zeigt er, dass es in Brasilien kreative Auswege aus dem Dilemma einer durch wirtschaftliches Wachstum verursachten Umweltzerstörung gibt, wie das von Greenpeace, Regierung und Großkonzernen gemeinsam erwirkte Sojamoratorium, das auf illegal geschlagenem Amazonasland produzierte Produkte bannt.

Nicht nur im Bereich Wirtschaft muss man mit Brasilien rechnen. Auch auf dem Politikparkett spielt es eine immer stärkere Rolle. Präsident Lula da Silva ist mittlerweile so etwas wie das Sprachrohr aller Entwicklungs- und Schwellenländer, die lauteste Stimme der aufstrebenden BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) und er bringt Brasilien auf die weltpolitische Bühne des G20, der UNO und beschert dem Land nebenbei sogar noch die ersten Olympischen Spiele Südamerikas. An Brasilien führt zukünftig kein Weg mehr vorbei.

Doch nicht alle scheinen das bereits realisiert zu haben. Der deutschen Wirtschaft muss Busch nämlich die Ohren lang ziehen – man sei dabei viele Chancen in Brasilien zu verspielen, trotz der traditionell engen Verbindungen beider Länder. Man kann nur hoffen, dass die Führungsriegen der deutschen Wirtschaft Buschs Buch lesen und gegensteuern. Denn es steht viel auf dem Spiel!

„In Brasilien entscheidet sich, wie sonst nur in Indien, ob einer aufstrebenden Volkswirtschaft der Sprung zur Großmacht auch demokratisch gelingen wird. Das ist wichtig für die Zukunft unseres westlichen Gesellschaftsmodells.“ (Alexander Busch)

Wirtschaftsmacht Brasilien: Der grüne Riese erwacht
Gebundene Ausgabe
Alexander Busch (Autor)
Hanser Fachbuch (1. September 2009)
ISBN-10: 3446417664
ISBN-13: 978-3446417663
272 Seiten

Fotos: Thomas Milz

Cover: amazon

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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