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Wie die Schwalbe im Spätsommer

Álvarez y Díez Verdejo 'Golondrina' Rueda 2014

Der Sommer ist vorbei. Es regnet zwar erst seit heute (gestern bin ich noch in kurzer Hose rumgelaufen), aber nachts fällt das Thermometer merklich – auf 16 Grad. Überhaupt haben die Meteorologen jetzt immer mehr Regen vorhergesagt. Aber immerhin sollen die Temperaturen tagsüber nicht so deutlich sinken: Mitte zwanzig Grad sollen es in den kommenden Tagen noch sein. Der Sommer ist tot, es lebe der Spätsommer – könnte man da ausrufen. Und mit ihm ein ganz eigener Geschmack. Eine Melange aus Grapefruit, Stachelbeere und Zitrone, begleitet von einem Hauch frischer Kräuter und, ganz subtil, Anis. Ach, Spätsommer…

Verdejo Colondrina aus Rueda, spanien
Verdejo Colondrina aus Rueda, spanien

Dieser Geschmack stammt von einem Wein, den ich mir heute Abend ganz feierlich aufgemacht habe. Sozusagen als offizieller Willkommensgruß für den Spätsommer. Ein Wein, genauer gesagt ein Verdejo, den ich zum ersten Mal im Frühling getrunken habe und seitdem nicht mehr vergessen konnte: einen Verdejo aus Spanien von der Bodega Álvarez y Díez aus dem Anbaugebiet Rueda.
Dort, in den 600 bis 800 Meter hohen Lagen von Nava del Rey, gut 50 Kilometer südwestlich von Valladolid, sind die Böden kalkstein- und kieshaltig. Dort fühlen sich die Rebsorten wie Verdejo, Viura und auch Sauvignon Blanc besonders wohl. Ohnehin legen die Weine aus diesem Anbaugebiet seit einigen Jahren einen beispiellosen Siegeszug hin. Ihre ausgeprägt fruchtige und dennoch trockene Aromenvielfalt kommt in Spanien sehr gut an. Es gibt dort kaum noch Tapasbars, die keinen weißen Rueda anbieten.

Álvarez y Díez ist eine der bekanntesten der mehr als 50 Bodegas in Rueda. Ihr Verdejo ‚Golondrina‘ ist ein reinsortiger Wein und stammt aus verschiedenen Lagen der Bodega, die von den hohen Tag- und Nacht-Temperaturunterschieden geprägt sind, die den Trauben diese einzigartige Frische dieses Weines bringen.

Der ‚Golondrina’ fasziniert schon durch seine klare Farbe, die etwas mehr Grün als Gelb im Glas leuchtet. Hier entwickelt der Wein ein Bouquet aus voller Frucht: Neben Anklängen an Zitrusfrüchte dominieren Stachelbeere und etwas grüne Paprika, begleitet von Kräutern und eben einem ganz feinen Hauch Anis. Am Gaumen wird diese intensive Frucht noch von einer feinen Mineralik und einer minimal prickelnden Säure ergänzt. Zum Schluss erfrischt der Wein noch durch seinen leicht mineralischen und überraschend langen Nachhall.

Dieser Nachhall ist eine ebenso angenehme wie erfreuliche Krönung dieses Weins – und damit eines (hoffentlich) anständigen Spätsommers absolut würdig.

La Golondrina ist übrigens die Schwalbe. Die hat zwar mehr mit dem Frühling als mit dem Spätsommer (oder dem Frühherbst) zu tun – aber das sollte den Genuss dieses Weines nicht schmälern.

Lars BorchertText + Fotos: Lars Borchert

Über den Autor: Lars Borchert ist Journalist und schreibt seit einigen Jahren über Weine aus Ländern und Anbauregionen, die in Deutschland weitestgehend unbekannt sind. Diese Nische würdigt er nun mit seinem Webjournal Der Wein-Vagabund. Auf caiman.de wird er ab jetzt jeden Monat über unbekannte Weine aus der Iberischen Halbinsel und Lateinamerika berichten.

Written by Lars Borchert

Lars Borchert

Lars Borchert ist Journalist und schreibt seit einigen Jahren über Weine aus Ländern und Anbauregionen, die in Deutschland weitestgehend unbekannt sind. Diese Nische würdigt er nun mit seinem Webjournal wein-vagabund.net. Auf caiman.de berichtet er ab jetzt jeden Monat über unbekannte Weine aus der Iberischen Halbinsel und Lateinamerika.

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