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Wer entdeckte Brasilien?

22. 04. 1500, an einem schönen Sandstrand und in der Zeit, als die Touristen noch nicht mit Flugzeugen, sondern mit Schiffen kamen und man zu Ostern Eier suchen ging und dabei ganze Kontinente fand: „Und an diesem Tag, am frühen Morgen, erblickten wir Land, nämlich zuerst einen mächtigen Berg, sehr hoch und rund, und niedrigere Bergketten weiter südlich, und davor eine Ebene mit sehr hohen Bäumen. Jenen hohen Berg benannte der Kapitän Osterberg, und den ganzen Rest „Land des wahrhaftigen Kreuzes“.

Columbus entdeckte Amerika, da gibt`s keinen Zweifel. Die Eingeborenen, Indianer genannt, weil Columbus davon überzeugt war, Indien und damit Asien erreicht zu haben (dies ließ er dann auch seine Mannschaft hoch und heilig schwören), kommen bei der Frage der Erstentdeckung nicht in Frage, denn jemand, der schon Tausende von Jahren vor der Entdeckung im entdeckten Gebiet lebte, kann ja wohl schlecht als Entdecker bezeichnet werden. Außerdem hätten die Eingeborenen ausreichend Zeit gehabt, den Europäern von ihrer Entdeckung Amerikas kund zu tun. Haben sie aber nicht! Und die Wikinger unter Leif Eríkson kommen auch nicht in Frage, weil sie mit ihren Schiffen planlos kreuz und quer durch die Welt segelten, was kein anständiger Entdecker so machen würde. Also, Columbus war`s.

Aber was ist mit Brasilien?
Auch hier scheiden die Eingeborenen als Entdecker aus, weil auch sie schon Tausende von Jahren vor der offiziellen Entdeckung im Land lebten. Da half auch ihr verspäteter Protest anlässlich der 500 Jahrfeier der Entdeckung Brasiliens im Jahre 2000 in Porto Seguro nichts.

Sie kamen während der Steinzeit nach Brasilien, die Europäer aber im Zeitalter der Entdeckungen. Folglich kann es auch in diesem Fall nur ein Europäer gewesen sein.

Und so steht für die meisten Brasilianer fest: Es war Pedro Álvarez Cabral, der mit seiner aus 17 Schiffen bestehenden Flotte, die eigentlich auf dem Weg nach Indien war (aber andersrum als die Spanier), am 22. April 1500 in der Nähe von Porto Seguro im heutigen Bundesstatt Bahía ankam und das Land für die portugiesische Krone in Besitz nahm. Ob es ein Zufall war, der Cabral durch eine falsche Einschätzung der Strömungsverhältnisse des Atlantiks auf seinem Weg um das Kap der Guten Hoffnung zu weit nach Westen trug, oder ob es sich um einen Geheimauftrag des portugiesischen Regenten Dom Manoel handelte, den Portugal laut des Vertrages von Tordesillas zustehenden Teil des Atlantik nach bisher unbekannten Gegenden abzusuchen, ist fraglich.

Portugal stand damals unter Zugzwang, hatte der für Spanien segelnde Amerigo Vespucci doch schon im Juli 1499 die Nordküste Brasiliens erkundet. Und im November 1499 machte sich der Spanier Vicente Yáñez Pinzón mit 4 Schiffen von Palos auf, um sich die eigentlich Portugal zustehende Gegend genauer anzugucken. Wenige Tage bevor Cabral weiter südlich zuerst den Monte Pascoal und wenig später dann die ihn körperlich so ansprechenden Eingeborenen sichtete, tauchte Pinzón an der Küste des brasilianischen Nordostens auf und segelte bis in die Gegend des heutigen Fortaleza im Bundesstaat Ceará.

Natürlich kann es auch kein Spanier gewesen sein, der das portugiesische Brasilien entdeckte, denn sonst würde man ja vom spanischen Brasilien sprechen, oder? Außerdem ist die Welt so schon kompliziert genug, was würde erst passieren, wenn man behaupten würde, Amerika wäre schon vor 10.000 Jahren von über die Beringstraße eingewanderten Russen entdeckt worden! Und wenn die Russen dann die Wikinger bei der Bärensuche in Kanada erwischt haben würden, hätten sie ja einfach so behaupten könnten, die Wikinger und damit Skandinavien entdeckt zu haben. Dabei brüsteten sich die Wikinger von jeher, Russland gegründet zu haben. Wird am Ende Königin Silvia von Schweden plötzlich auch Königin von Kanada. Das Recht dazu hätte sie auf jeden Fall irgendwie. Dabei ist die Silvia doch eigentlich Deutsche. Was für ein Durcheinander!

Zum einfacheren Verständnis der Welt ist es daher zweckmäßiger, davon auszugehen, dass Brasilien von den Portugiesen und Amerika von den Spaniern entdeckt wurde, wobei Columbus natürlich aus Italien kam, das es damals natürlich noch gar nicht gab, weshalb Amerika letztlich von dem Genuesen Columbus entdeckt wurde. Dabei hieß es ja zu dem Zeitpunkt noch gar nicht Amerika, sondern wurde erst später nach dem in Sevilla lebenden Florentiner Amerigo Vespucci so genannt. Bei all dem unterschlage ich bewusst Erich von Dänickens Ufo-Theorien und alle Spekulationen über die Errichtung der Maya-Pyramiden durch Ägyptische Baumeister.

Wie schrieb einst Cabral an Dom Manoel über die Bewohner des gerade in den Kreis der zivilisierten Welt aufgenommenen Landes: „Ihr Aussehen gleicht dem vom Mischlingen, ein bisschen gerötet, mit feinen Gesichtszügen und wohlgeformten Nasen. Sie laufen nackt herum, ohne jegliche Bedeckung, und sie sind sich überhaupt nicht darüber bewußt, ob sie ihre Scham zeigen oder nicht. Sie zeigen ihren Körper mit der gleichen Unschuld wie sie ihr Gesicht zeigen.”

Jemand, der sich noch nicht einmal um die eigene Bedeckung kümmert, ist von vorne herein vollkommen ungeeignet, als Entdecker bezeichnet zu werden!

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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