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Villa-Lobos. Der Aufbruch der brasilianischen Musik (08/2009)

„Ich bin nicht gekommen, um zu lernen, sondern um zu zeigen, was ich bisher gemacht habe.“ Selbstbewusst betrat der brasilianische Komponist Heitor Villa-Lobos (1887-1959) 1923 europäischen Boden. Und hier, fern der Heimat, entdeckte er die lateinamerikanischen Klänge und benutzte sie, um sie mit der europäischen Kunstmusik zu aufregenden Kompositionen zu verschmelzen.

Villa-Lobos „reift“ in Paris, feiert Ende der 1920er Jahre seinen internationalen Durchbruch und entwickelt sich so zu einem der bedeutendsten und erfolgreichsten Komponisten Lateinamerikas im 20. Jahrhundert.

Villa-Lobos. Der Aufbruch der brasilianischen Musik
Manuel Negwer
Schott Music, Mainz 2008
~240 Seiten, 30 Abb. [+CD]

Natürlich beginnt Villa-Lobos‘ musikalischer Werdegang früher. Schon sein Vater Raul liebte Musik und vermittelte seinem Sohn diese Leidenschaft. Allerdings schwenkte der junge Villa-Lobos bald vom Cello auf Gitarre um und verwandelte sich in einen leidenschaftlichen Anhänger des choro – der populären Musik Rio de Janeiros. Er übte solange auf der Gitarre bis er in einer choro-Gruppe mitspielen konnte; sehr zum Leidwesen seiner Eltern, denn in Brasilien fristete die Gitarre zu jener Zeit noch eine Existenz als Instrument der Spelunken.

Autor Manuel Negwer schildert diese und andere Geschichten und verknüpft sie gekonnt mit historischen und musikwissenschaftlichen Fakten. Nebenbei gelingt ihm eine lebendige Beschreibung der Kultur Brasiliens zur Zeit Villa-Lobos‘.

Allerdings ist Vieles, das über Villa-Lobos kursiert, schlicht erfunden. Denn der Komponist war ein Fabulierer, der nicht nur in der Musik Neues erschuf, sondern, wenn es ihm nützte, auch sich selbst. So brachte er beispielsweise in den Pariser Salons immer neue Abenteuergeschichten über seine Reisen zum Amazonas in Umlauf. Manuel Negwer versteht es, diese Mythen zu entzaubern, ohne Villa-Lobos zu demontieren. So auch die häufig falsche Datierung seiner Werke, die der Komponist betrieb, um in jeder Hinsicht als innovativ zu gelten (und z.B. nicht als Kopie des von ihm verehrten Igor Strawinsky).

Bei seinen Aufenthalten in Frankreich lernte Villa-Lobos, u.a. durch seine Freundschaft mit dem Pianisten Artur Rubinstein, berühmte Künstler und Komponisten kennen, darunter Pablo Picasso, Andrés Segovia und Aaron Copland. Mit Edgar Varèse verband ihn eine enge Freundschaft, obwohl sie sich musikalisch nicht „verstanden“, denn Varèse lehnte den Nationalismus, den Villa-Lobos in der Musik betrieb, ab: „Von meinem Standpunkt aus ist die Ausbeutung der Volksmusik durch Komponisten ein Zeichen von Impotenz.“ Villa-Lobos integrierte aber nicht nur brasilianische Rhythmen und Instrumente in seine Werke, er erfand sogar eine sinnfreie „Indianersprache“, die er u.a. in seinen choros Nr. 3 und Nr. 10 einsetzte.

Zurückgekehrt nach Brasilien zeigte Villa-Lobos keine Scheu, sich mit den Mächtigen zu arrangieren, wenn es seiner Musik und seiner Vorstellung von Musikerziehung diente. Unter dem Regime des Putschisten Getúlio Vargas komponierte er für den neuen Präsidenten eine Siegeshymne, verstärkte die Komposition massentauglicher patriotischer Werke (brasilidade), veröffentliche 1941 die Schrift „A Música Nacionalista no Govêrno Getúlio Vargas“ und verscherzte es sich so mit der nachfolgenden Komponistengeneration und überhaupt mit vielen Intellektuellen, allen voran mit seinem langjährigen Wegbegleiter, dem Dichter Mário de Andrade.

Der mäßige Pianist und gute Gitarrist Villa-Lobos schuf über 1.000 Einzelwerke, darunter die berühmten „Bachianas“, aber auch Opern, Lieder und Sinfonien. Einige Stücke aus diesen Werken verwandelten sich in Evergreens, die auch heute noch fast jeder Brasilianer kennt; so z.B. das Lied „Trenzinho“, das ursprünglich den „Bachianas“ entstammt. Während er in seiner Heimat und in den USA ein „Superstar“ war und ist, fiel seine Rezeption in Deutschland – wen wundert’s – zunächst unterkühlt aus, da die verkopften und eurozentristisch orientierten Musikkritiker oft ratlos vor seinem Werk standen.

Die ausführlichen Beschreibungen der wichtigsten Werke Villa-Lobos‘ fügen sich homogen in Negwers Gesamttext ein und sind nicht nur für Musikwissenschaftler interessant. Ein sehr lesenswertes Buch, dessen Sprache manchmal ein wenig hölzern ist, aber das hätte der Lektor ausbügeln müssen (ebenso die im Text übrig gebliebenen Links auf S. 59). Begleitet wird das Buch von einer CD, die rare Aufnahmen von Villa-Lobos aus den 1930er und 40er Jahren enthält, in entsprechender Tonqualität. Die ersten beiden Stücke präsentieren ihn als Gitarristen, während er in den folgenden Titeln die deutsche Sängerin Beate Rosenkreutzer am Klavier begeleitet.

Cover: amazon