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Vielsitzer – Willkommen in der modernen Welt

Osterwochenende in São Paulo, Brasiliens Megaschmelztiegel: Wie zu jedem verlängerten Wochenende fliehen die Einwohner der 18 Millionen-Stadt Richtung Küste. Ein schier nicht enden wollendes Band von Autos zieht sich die Autobahnen Anchieta und Imigrantes die steile Gebirgsstrasse entlang zur Küste hinunter. Ohne es zu wissen, tragen sie die Krankheit des modernen Menschen aus den Wolkenkratzern der Metropole an die unschuldige Küste: das Vielsitzen, verantwortlich für zahllose Herzinfarkte, schmerzende Hämorrhoiden und Zellulitis im Endstadium.

Bisher war man sich in Wissenschaftskreisen einig, dass das Vielsitzen vor allem in Westeuropa und Nordamerika verbreitet ist und seine Opfer immer dicker und unbeweglicher werden lässt. Eindeutig Schuld daran haben die modernen Arbeits(sitz)plätze und die Angewohnheit der vom Fortschritt befallenen Menschen, es sich im Leben immer bequemer einzurichten. Überraschend verkündete jetzt die brasilianische Wirtschaftszeitung „Exame“, dass das Vielsitzen, oder wie man hier sagt, der „sedentarismo“, auch Brasilien ergriffen habe. So sei ein Drittel der Erwachsenen übergewichtig, 4,8% der Männer und 11,7% der Frauen würden sogar als „schwere Fälle“ angesehen. Dabei war doch auf der Titelseite der Zeitung zu lesen „Brasilien – wie bekommen wir wieder mehr Wachstum?“. Aber an eine solche Kalorienepidemie hat man dabei wohl nicht gedacht.

Und hier am Praia Grande, São Paulos beliebtem Wochenendstrand der zumeist weißen Mittelklasse, sieht man sie ankommen, Ostersonntag morgens um 8.00 Uhr, die Väter und Kinder des modernen Lebens, bewaffnet mit ihren bunten Sitzklappstühlen und Sonnenschirmen, perfekt ausgerüstet und wild entschlossen, es sich die nächsten 10 Stunden so richtig bequem zu machen.

Für das leibliche Wohl sorgen die in der obligatorischen Styroporbox gelagerten Köstlichkeiten. Wie schön, dem Alltag mal so richtig zu entkommen!

Vor lauter Abenteuergeist sollte aber unbedingt darauf geachtet werden, sich körperlich nicht zu verausgaben. Zum Glück ist der Strand schön flach, so dass man sich nicht, wie an den mit Dünen durchsetzten Stränden des Nordostens Brasiliens, im Strandbuggy fortbewegen muss. Hier kann man die 15 Meter zwischen Klappstuhl und Meer locker zu Fuß zurücklegen. Allerdings raten die allseits wachsamen Rettungsschwimmer dringend davon ab, sich allzu weit in die wilden, leicht bräunlich gefärbten Fluten des südlichen Atlantiks zu stürzen. „Hier gibt es gefährliche „Blitzströmungen“, die unerwartet auftauchen und einen hinaus ins offene Meer ziehen!“ berichtet einer der Rettungsschwimmer. Und zur Verdeutlichung prangt auf seinem Muscleshirt die eindeutige Warnung „Wasser auf Bauchnabelhöhe – das bedeutet Gefahr!“.

Zähne knirschend sieht man davon ab, es den unerschrockenen Bewohnern Süd- oder Nordostbrasiliens gleich zu tun und auf „Wellenjagd“ zu gehen. Man steht in Kleingruppen zusammen und schwätzt ein bisschen, während die Fluten der wilden See die Fußknöchel umspülen. Ab und zu wälzt man sich, anmutig wie ein Wahlfisch, mit T-Shirt und Shorts bekleidet, in den auslaufenden Wellen. Oder, auch sehr beliebt, man stellt seinen Klappstuhl ins Wasser und schaut aufs Meer. Irgendwo weit dahinten muss Afrika liegen!

Als Europäer fühlt man sich hier richtig wohl. Endlich mal ist man nicht der einzige, der vollkommen verbrannt rum läuft. Und das Gedränge am Strand bringt längst vergessen geglaubte Kindheitserinnerungen an die Sommerferien auf Mallorca zurück, während die Farbe von Sand und Wasser an die umwehten Herbstferien an den Stränden Norddeutschlands und Dänemarks erinnern.

Bewohner des ehemaligen kommunistischen Osteuropas dürften hingegen bei dem Anblick der gewerkschaftseigenen Feriensiedlungen feuchte Augen bekommen. Zwischen den Hochhaustürmen machen die Arbeiter des jeweiligen Wirtschaftszweiges so richtig die Sause. Während man sich in der Ferienkolonie der „Angestellten des Einzelhandels des Bundeslandes São Paulo“ jeden Morgen zur gemeinschaftlichen Aerobic zusammen findet, scheinen die „Eisenbahner“ eher auf Pingpong zu stehen.

Abends vergnügen sich die Grafiker bei Karaoke; die Busfahrer spielen lieber Billard. Nur in der „Vereinigten Gewerkschaft des Leder verarbeitenden Gewerbes und der Schuhmacher“ ist irgendwie gar nichts los. Wahrscheinlich sind sie alle ausgeflogen, haben den Zubringerbus, „Dindinho“ genannt, genommen und sind einen Block weiter zum Strand gefahren, um noch ein bisschen auf der Promenade bei ein paar Bierchen zu sitzen und die lokale Wirtschaft anzukurbeln.

Allgemein wird nämlich die wirtschaftliche Bedeutung des Vielsitzens unterschätzt. Rund um dem einem Buddha gleich dasitzenden Homo Sapiens Modernensis hat sich ein Konglomerat von Dienstleistungsindustrien rund um den Erdball gesponnen, einzig der Aufgabe verpflichtet, sich um die konsumtive Vollverpflegung wie auch die optimale Temperierung der räumlichen Umgebung des Sitzenden zu kümmern. Sofort kommen mir die zahllosen Angestellten der Pizzataxis ins Gedächtnis. Oder die für die optimale Einstellung der Klimaanlage zuständigen Angestellten der großen Firmen. Nicht zu vergessen all die Heerscharen von Psychologen, Fitnesstrainern und Ärzten, die sich in New York, London und Berlin rund um die Uhr darum bemühen, die durch das übermäßige Sitzen hervorgerufenen körperlichen und seelischen Defizite der Wirtschaftseliten und deren Sekretärinnen zu beheben.

Als lebendes Beispiel dieser Entwicklung ziehen die Frauen des PAD den Strand von Praia Grande entlang. Pad steht für „Programa de Apoio ao Desemprego“, „Programm zur Unterstützung der Arbeitslosen“. Sie reinigen den Strand von all den geleerten Plastikflaschen, abgenagten Maiskolben und leer gerauchten Zigarettenpackungen des vergangenen Tages.

Es scheint, als ob der moderne Mensch eine neue Art entwickelt hat, die Welt und ihre vielfältigen Eindrücke in sich aufzunehmen: so wie der nahe Hafen Santos all die Frachtschiffe mit den schönen Dingen der global-produzierenden Welt empfängt, so ist der Mund allzeit bereit, die Segnungen der Industriegesellschaft aufzunehmen, aufzusaugen, zu zerkauen, zu lutschen, herunter zu schlucken.

Wenn dann am Montag im Büro die zu enge Hose kneift, dann weiß man, dass es Zeit ist, sich endlich einmal im Fitness-Studio anzumelden. Oder, weil man ja irgendwie gar keine Zeit für Sport hat, eine Diät anzufangen. Dazu passt eine weitere Meldung der Wirtschaftszeitung „Exame“: „Brasilien ist der weltgrößte Verbraucher von Hunger stillenden Tabletten.“

„Seitdem wir Kinder sind, stopfen wir Müll in uns hinein, kommerziellen und industriellen,
aber jetzt ist unsere Stunde gekommen, wir werden den ganzen Müll über Euch auskotzen.
Wir, die Coca-Cola-Generation!“
Renato Russo – ein brasilianischer Sänger

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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