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Venezuela muss Ice und Light

Bierpuncherei als Kulturverfall

„Jung, huiuiuiui. Ich muss rasen.“
Die Bedeutung dieser allmorgendlichen Worte hatte ich zwar schnell verstanden, ihre Relevanz aber nicht erkannt.
Für die damals 65-Jährige zählten der Frühstückskaffee – immer die gleiche Sorte, nicht zu schwach, auf keinen Fall aber zu stark –, die Frühstückszigarette – eine leichte Sorte wegen der Gesundheit – und ausreichend Bier – Hauptsache Kölsch, weil frisch und bekömmlich – zu den wichtigsten Dingen des täglichen Lebens. Die erste Tasse Kaffee begleitete das halbe Brötchen mit Erdbeermarmelade und das hart gekochte Ei, wobei das Eigelb immer in den Müll wanderte. Die zweite Tasse gehörte zur Zigarette. Meist folgte schon dem ersten Zug ein glückliches: „Jung, huiuiuiui. Ich muss se ausmachen.“

Choroni Chuao Bier
Bier in Chuao (Choroni, Venezuela)

Blieb das morgendliche „Jung, huiuiuiui. Ich muss rasen“ aus, dann hatte Gertrud den ganzen Tag Beschwerden: „Jung, ich han ping.“

Um 10.30 Uhr, nach dem Aufsetzen der Kartoffeln, folgte unser Ritual des ersten Biers zum Kniffelspiel. Je nachdem, ob ein huiuiuiui–Tag oder nicht, lautete Gertruds Ansage: „Jung, krich uns flott zwei Bier, die hammer uns verdient“ oder „Jung, krich uns flott zwei Bier, ich han Not. Und sieh zu, dat ich beim Kniffeln gewinne, sonst hammer Stress.“

Zivijahre heißen nicht umsonst Lehrjahre. Man lernt das Leben neu begreifen. Und so weiß ich heute, dass wenig im Leben über einen guten Kaffee und einen ausreichend Vorrat an nach Reinheitsgebot gebrautem Bier im Kühlschrank geht. Ach ja, und zu einer Zigarette morgens, wenn’s denn Not tut, sage ich auch nicht nein.

Venezuela
Wurde ich gefragt, warum nach Venezuela reisen, so hatte ich bislang spontan geantwortet, weil zu jeder Tageszeit an jeder Ecke ein hervorragender Kaffee wie auch ein wirklich gutes Bier erhältlich ist. Bis in das letzte Andendorf hinein wird der selbst kultivierte Kaffee in Gaggia–Espressomaschinen gebrüht. Er kann sich durchaus mit italienischem Kaffee messen. Auch das Bier kann sich sehen lassen. Immer und überall erhält man ein 0,22 Fläschchen Polar oder Regional. Größe, Temperatur, Geschmack und Alkoholgrad dem durchweg tropischen Temperaturen angepasst: Leicht, süffig, kalt und mit zwei Schlücken vernichtet.

Heute sage ich in Bezug auf Warum Venezuela?: Anakonda und Kaiman in Los Llanos, Seilbahn in den Anden, Tafelberge und Karibik. Und es gibt guten Kaffee und manchmal auch ein gutes Bier. Aber – seufz – nur noch manchmal.

Polar Bier am Kiosk in den Anden
Polar Bier in der Variante Ice am Kiosk in den Anden

Was ist geschehen?
Schuld sind die Mexikaner, die ihre widerliche Brühe, weltweit salonfähig gemacht haben. Durchsichtige Flaschen sind heute der Renner. Zu Beginn standen da, wo heute – bleiben wir ruhig in Deutschland – Hinz und Kunz gold in die Regale drängeln, ein paar vereinzelte Corona–Flaschen. Schön gesondert vom Bier fristeten sie ihr Dasein, damit das chemikalienverseuchte Zeug nicht auf den feinen Sud überschwappte.

Doch die Jahre vergingen, das Reinheitsgebot fiel, und Biermixgetränke wie auch Bierähnliches gehören heute mindestens genauso zum gutsortierten Sortiment in der Getränkeabteilung wie das gute alte Bier.

Über den weiten Umweg von Kontinenten erreichte die mexikanischen Punchereien dann auch Venezuela: Die beiden großen Brauereien sprangen auf den hippen Zug auf und brachten neben ihrem klassischen Polar bzw. Regional – beide werden heute La negra genannt – Light–, Ice– und weitere Varianten auf den Markt. Das war ja erstmal gar nicht weiter schlimm. Dann aber passierte Unglaubliches: Das Verständnis des Begriffes Bier erweiterte sich, sortierte sich und setzte sich anschließend neu zusammen. Und heute unterscheidet kaum noch ein Venezolaner, was er gerade trinkt: Bier ist Bier oder La negra ist Polar, Light ist Polar, Ice ist Polar oder La Negra ist Ice, Ice ist Light. Bestellt man heute una Polar am Kiosk, in der Bar oder einem Restaurant, weiß man nicht, was kommt: irgendetwas mit dem Namen Polar im Namen halt.

Das aber war ja noch gar nicht das Schlimmste. Heute wird einem auf die Order ¡La Negra! meist geantwortet: !No! La Azul (eine weitere light–Variante) oder ¡Sólo light! (es gibt nur light) oder ¡Pura Ice! (es gibt nur Ice). Und wenn dir das im dritten Laden passiert, guckst du nicht mehr nur blöd, sondern verzweifelt. Fällt der Blick dann noch auf die vom Polar Ice zermürbten Gestalten, fallen dir unweigerlich Gertruds Beschwerden ein: „Jung ich han Ping.“ Und dann ergreift dich die Panik und du flehst, dass dir auch ohne den Genuss von Bier am nächsten Morgen ein Huiuiuiui beschieden sein wird.

Written by dirk klaiber

dirk klaiber

dirk klaiber, geb. 1969, lebt in berlin, ist herausgeber des online kultur- und reisemagazins caiman.de / internet: www.caiman.de

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