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velázquez: zurück zu seinen wurzeln

„El pintor del aire“ – den Maler, der sogar die Luft malen kann – so nannten ihn anerkennend schon seine Zeitgenossen.

Vor 400 Jahren wurde Diego de Velázquez y Silva (1599 – 1660) in Sevilla geboren, in der Stadt, die mit Ausnahme von Ribera alle großen spanischen Barockmaler hervorgebracht hat.
So ließ sich die Maler-Metropole Spaniens auch nicht die Ehre nehmen, anläßlich dieses Jubiläums eine der wichtigsten Kunstausstellungen dieses Jahres (neben der Rembrandt-Ausstellung in Antwerpen wohl die bedeutendste) auszurichten.

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Plaza de España: Palastkomplex im Neo-Barockstil erbaut für die Iberoausstellung von 1929

Man hat nach teilweise monatelangen Verhandlungen, bei denen so profane Dinge wie Versicherungssummen im Mittelpunkt standen, immerhin 23 Gemälde des Maestro aus vielen Museen der Welt (St. Petersburg, Boston, Budapest) zusammengetragen und diese Werkschau mit zahlreichen, insgesamt über 100 zeitgenössischen Bildern flämischer, italienischer und spanischer Künstler komplettiert.

Als Standort wählte man nicht das barocke Museo de Bellas Artes, sondern die Hallen des ehemaligen Kartäuserklosters (La Cartuja), das auf einer Insel im Guadalquivir auf dem Gelände der Weltausstellung von 1992 liegt und vor acht Jahren vor dem Verfall gerettet worden war.

Bei der Auswahl der Objekte haben sich die Organisatoren bewußt und sinnvollerweise auf das oft unterschätzte Frühwerk, die Sevillaner Phase, des Velázquez beschränkt.

Denn Velázquez lebte zwar nur in seiner Jugend in seiner schönen Heimatstadt und wir verfügen nur über wenige gesicherte Daten über diesen Lebensabschnitt, u.a. ist uns überliefert, daß er am 6. Juni 1599 in der Kirche San Pedro in Sevilla getauft worden ist.

Jedenfalls sollte sein Malstil entscheidend vom Sevillaner Ambiente geprägt werden. Sein Lehrer dort war Francisco Pacheco, der eigentliche Gründer der Malerschule, die man später Academia Sevillana nannte. Praktischerweise heiratete Velázquez 1618 die Tochter seines Lehrers, so blieben Kunst und Ruhm der beiden Maestros durch Familienbande verflochten, wobei Pacheco noch nicht wußte, daß er früher als ihm lieb war im Schatten seines Schwiegersohns stehen würde.

Denn schon 1623 ging Velázquez nach Madrid, um dort Hofmaler zu werden und eine der strahlendsten und „unaufhaltsamsten“ Karrieren des 17. Jh. anzutreten. Am Hof in Madrid schuf er vor allem Porträts der Königsfamilie und ihres Gefolges. Dabei malte er die bleichen, dicklippigen Antlitze der degenerierten Habsburger um König Philipp IV. so häßlich wie sie wirklich waren – und die gekrönten Herrschaften bezahlten ihn auch noch gut für diese Gemälde, die uns heute oft wie goldgerahmte Karikaturen erscheinen. Was Philipp IV. an Schönheit fehlte, hatte er aber offenbar an Geschmack, denn zielsicher förderte er das Genie des jungen Sevillaners.

Velázquez war ein Meister des durchdringenden Blicks: sehr viele der von ihm porträtierten Persönlichkeiten blicken den Betrachter derart intensiv an, daß sie ihn zu beobachten, fast zu verfolgen scheinen – egal, ob der Dargestellte nun Papst oder König, Hofnarr oder Bettler war.

Für den heutigen Zuschauer ist aber gerade das Sevillaner Frühwerk des Meisters besonders interessant.

Seine späteren höfischen Porträts mögen maltechnisch perfekt sein, aber die Präsentation alltäglicher Szenen aus dem einfachen Volk Sevillas verrät uns viel mehr über die Lebensbedingungen im 17. Jahrhundert.

Da sieht man z.B. eine arme alte Frau, die zwischen allerlei Küchengeräten Spiegeleier brät und dies so zelebriert, als sei es eine heilige Handlung. Oder man steht fasziniert vor dem Aguador, einem zerlumpten und sonnenverbrannten Wasserverkäufer, der dennoch eine würdevoll-aristokratische Haltung demonstriert.

So enthüllen diese Sevillaner Alltagsbilder auch den barocken Gegensatz in der Weltauffassung des Velázquez:

zum einen stellt er in solchen Momentaufnahmen das scheinbar Unwichtige in all seiner flüchtigen Vergänglichkeit dar, zum anderen verweist die würdevolle Theatralik der Gesten stets darauf, daß alle und alles – auch die ärmsten Personen und scheinbar bedeutungslosen Szenen ihren sinnvollen Platz im großen barocken Welttheater haben.

Dabei liegt die Genialität dieses „größten aller Maler“ (Manet über Velázquez) nicht nur darin, daß er wie kaum ein anderer alle Gegenstände mit unglaublicher Präzision und Plastizität wiedergeben und sogar die Lichtreflexe der Luft in einem Wasserglas darstellen konnte (pintor del aire).

Andererseits aber wirkt er sichtlich bemüht, in seiner Haltung und seinem Blick Stolz und Grandeza auszustrahlen.

Die Äbtissin Jerónima malt er zwar mit den Attributen einer Heiligen (die sie wohl gern gewesen wäre), läßt aber gleichzeitig den Betrachter die unerbittliche Strenge erahnen, die sich hinter diesem heiligen Antlitz verbirgt.

Velázquez, der „Fotograf“ unter den Barockmalern, hat Werke hinterlassen, die wahre Abbilder des Menschen genannt werden können. Dies erkannte auch der ebenfalls von ihm porträtierte, nicht allzu fromme Papst Innozenz X., indem er über jenes Bild, das ihn mit rücksichtslosem, fast grausamem Gesichtsausdruck zeigt: „E troppo vero“ (Nur allzu wahr). So steht denn auch als sehr treffende Widmung auf dem Velázquez-Denkmal in Sevilla:
„Al pintor de la verdad“ (Dem Maler der Wahrheit).