Print

Posted in:

Tropische Fahrerlaubnis

Bergheim Auffahrt Süd und ich bin auf der Rennstrecke, der deutschen Autobahn, heize den kleinen Fiesta auf 160. Endlich! Lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Deutschland, Heimat des goldenen Gaspedals.
Bis Dato war Guatemala mein Verkehrskindergarten: Schlaglöcher mit 1,20 Metern im Durchmesser zwischen die Reifen nehmen; tiefe Furten mit 30 km/h meistern; links wie rechts überholen; Abbiegeforgänge mit der Hupe anzeigen; auf der doppelspurigen Strasse die dritte und vierte Fahrbahn eröffnen…

Am Kreuz Köln West biege ich auf die A1 Richtung Dortmund. 100 ist angesagt. Der junge ungestüme caiman in mir lässt sich nur ungern auf 119,5 km/h runter handeln. Die erste Baustelle – 80, 60 – junger Vadder, Schilder über Schilder! Wieder 100, dann die weis-graue markierte Tafel mit einem LKW, der an einem PKW vorbeizieht – jau, ich trete ihn wieder, muss aber wegen Dame mit Hut auf 120 runter. Ihre konsequenten 120 auf der linken Spur nerven. Einen Moment lang erwäge ich den Standstreifen zur Überholspur zu erklären, erinnere mich aber der Worte des großen caiman und bleibe cool. Minuten später zieht die Mutti nach rechts, ich vorbei, per Kusshand verwunschene Grüße verteilend, und es blitzt.

Dabei dachte ich, das Schild korrekt interpretiert zu haben: Aufhebung des Überholverbotes für Laster und, na klar, die Aufhebung der Geschwindigkeitsbegrenzung gehen einher.
Schade! Aber das amtliche Foto hat mich directamente beim Daimler grüßen entlarvt.

Ich war jung, zarte 17, hatte nie eine Fahrstunde absolviert und doch den Freibrief in der Tasche.
In Guatemala-Stadt gab es einen ganzen Straßenzug mit den sogenannten „Freunden der Polizei“. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen war die Organisation von licencias, Führerscheinen. Mit mir hatten sie besonders viel Spaß. Alles für 5 Mark: die Unterschrift meiner in 10.000 Kilometer Entfernung weilenden Eltern vor dem hiesigen Notar, meine nicht guatemaltekische Staatsbürgerschaft, die zu kurze Aufenthaltsdauer, die schlechte Kenntnis der spanischen Sprache, die Art und Weise wie ich den Kaugummi kaue, etc. Schließlich, sprich nach zwei Wochen, wollten sie 30 DM in Bar im Tausch gegen den gelben Lappen.

Als ich ein halbes Jahr später – wieder in Deutschland – die Umschreibung beantrage, ernte ich im Strassenverkehrsamt Bergheim Downtown nur Spott, und davon reichlich.
Die nächste Instanz (Hürth) ist wesentlich fortschrittlicher. 60 Mark muss ich bezahlen und erhalte meine deutsche Fahrerlaubnis. Wie gesagt ich war 17, und das was ich nun in der Hand hielt war zu diesem Zeitpunkt reines Gold wert.
Folgender Zusatz ziert das von nun an rosane Papier: „Die Fahrerlaubnis wurde erteilt aufgrund eines guatemalischen Führerscheins.“ Meinem Einwand bitte nicht guatemalesisch bzw. guatemalisch zu schreiben, wurde mit einem „ja sicher“ nicht Folge geleistet. Egal!

Zur Beruhigung aller weiteren Verkehrsteilnehmer habe ich mir nach dem stürmischen Auftritt im Fiesta doch noch ein bis zwei Verkehrsschilder erklären lassen, und bis heute sind wir zwei, die Fahrerlaubnis und ich, unzertrennlich glücklich.

Written by dirk klaiber

dirk klaiber

dirk klaiber, geb. 1969, lebt in berlin, ist herausgeber des online kultur- und reisemagazins caiman.de / internet: www.caiman.de

69 posts