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Toledo: Auf den Spuren Karl V.

Er war der Herrscher über ein „Reich, in dem die Sonne nie unterging“ und wenn er die Weltumsegelung, die Magellan 1519 – 1522 in seinem Auftrag durchführte, drei Jahrzehnte später wiederholt hätte, so wäre dies eine Besichtigungsfahrt durch seine Besitzungen geworden.

Karl V. kam vor 500 Jahren, am 24. Februar 1500 in Gent zur Welt, wo zur Zeit eine Ausstellung über das Leben und politische Wirken dieses mächtigen „Imperator Mundi“, des vielbewunderten und ausgiebig gehaßten Königs des spanischen Weltreiches, Herrschers von Neapel, Sizilien, Sardinien und den Niederlanden sowie Kaisers des Heiligen Römischen Reiches stattfindet.

Auf eine Darstellung der verwandtschaftlichen Beziehungen, die durch die habsburgische Heiratspolitik entstanden waren, soll hier verzichtet werden.

Nur soviel: seine Mutter, Juana la Loca, wurde kurz nach seiner Geburt wahnsinnig, da sie den frühen Tod ihres Ehemanns, Philipps des Schönen, nicht verkraften konnte und monatelang umherirrte und seinen Sarg mit sich herumführte. Jedenfalls wurde schnell deutlich, daß sie weder zur Landesregierung noch zur Kindeserziehung fähig war. Wegen wiederholter Tobsuchtsanfälle sperrte man sie in eine Festung in Tordesillas und schickte Karl nach Flandern zu seiner Tante Margarete, die ihn aufzog.

Nach dem Tode seines Großvaters, des „Rey Católico“ Ferdinand von Aragón, wurde Karl am 13. März 1516 zum König von Spanien proklamiert, doch erst im Herbst 1517 brach er von Flandern nach Spanien auf, um auch de facto die Regierung zu übernehmen. Es war nicht leicht für den erst 17jährigen Fremden, der in der fernen Residenzstadt Mecheln aufgewachsen war und bei seiner Ankunft kaum Spanisch sprach, als neuer König Spaniens akzeptiert zu werden, zumal seine Mutter und eigentlich rechtmäßige Königin, Juana die Umnachtete, noch sehr lange lebte und erst 1555, nur ein Jahr vor Karls Abdankung starb. Dazu kamen einige schwere Fehler des jungen Monarchen.

Er besetzte wichtige Ämter vorwiegend mit „Ausländern“: sein Kanzler Gattinara war Italiener und den vakanten Bischofssitz von Toledo (zu dem damals das größte Erzbistum Europas gehörte) vergab er an den in Spanien unbekannten Burgunder Chièvres – ein Skandal!

Überhaupt sollte die kastilische Residenzstadt Toledo eine Schlüsselrolle in seinem Leben einnehmen, aber zunächst im negativen Sinn.

Gleich zu Anfang machte Karl seine Regierung besonders im mächtigen Toledo durch die Einführung einer neuen Steuerabgabe unpopulär. Die Cortes, die Versammlung der Abgeordneten der kastilischen Städte, war empört darüber und als die Abgeordneten der Stadt Toledo sich weigerten, diese Steuer zu akzeptieren, wurden sie einfach ins Exil geschickt. Dies brachte das Faß zum Überlaufen.

Im April 1520 brach in Toledo die sogenannte Comuneros-Rebellion aus, der sich schnell auch andere kastilische Städte anschlossen. Karl bekam davon gar nichts mit, da er schon auf dem Weg in seine deutschen Lande war, wo er die deutschen Fürsten u.a. mit dem Geld der Fugger „motivierte“, ihm die deutsche Kaiserkrone anzubieten. Währenddessen brannten inden Mauern von Toledo die Fackeln der Rebellion. Angeführt wurden die „Comuneros“ von Juan de Padilla und Antonio de Acuña, dem Bischof von Zamora. Letzterer war mit seinem kleinen Bistum nicht zufrieden und benutzte die Rebellion, um in ihrem Schatten einen Privatkrieg zu führen, mit dem Ziel, Erzbischof von Toledo zu werden.

Zu diesem Zweck sperrte er Anfang April 1521 die ehrwürdigen Mitglieder des Domkapitels der Kathedrale von Toledo im Kreuzgang derselben ein und drohte, sie erst wieder freizulassen, wenn sie ihn zum Erzbischof wählten und ihm auch das Versteck der prall gefüllten Kasse verrieten. Die Domherren in ihrem „heiligen Gefängnis“ aber blieben standhaft und gaben das Versteck der Kasse nicht preis. Nach der entscheidenden Niederlage der Comuneros am 23. April 1521 gibt der unheilige Bischof Acuña seine „Belagerung“ der Toledaner Kathedrale auf und versucht vergeblich zu fliehen. Kurz vor seiner Hinrichtung läßt er es sich nicht nehmen, seine Richter (und seinen Herrscher Karl!) noch schnell zu exkommunizieren.

Karl V. schließt nach der Rückkehr nach Spanien seinen Frieden mit der rebellischen Stadt Toledo, wählt sie sogar zu seiner Lieblingsresidenz und prägt sie mit seinem Architekturgeschmack.

Hierhin kehrt er immer wieder zurück, nach großen Triumphen, wie auch nach Niederlagen. Er beauftragt den Renaissance-Architekten Covarrubias um 1550 mit dem Neubau des wuchtigen Alcázar, der sich am höchsten Punkt der Stadt befindet, und mit der Ergänzung der Stadtmauern durch einige neue Tore. Karls protziges Wappen, der gekrönte Doppeladler, prangt aufdringlich undezent an der Puerta Nueva de Bisagra und symbolisiert sein „Doppel-Weltreich“ – römisch-deutsches Kaisertum und spanisch-„indisches“ Königreich. Es ist ein interessanter Kontrast festzustellen zwischen den eher kleinen, aber reich verzierten maurischen, jüdischen und christlich-mudejaren Bauten des toleranten mittelalterlichen „Toledo der drei Kulturen“ und jenen Macht demonstrierenden, kalt und abweisend wirkenden „Bollwerken der Intoleranz“, die zur Zeit Karls V. in das Stadtbild hineingeklotzt wurden und zu donnern scheinen: „ein Reich, ein König, ein Glaube“. Dies war der Kernpunkt von Karls Herrscherprogramm: die Bewahrung bzw. Wiederherstellung der katholischen Glaubenseinheit im Reich, insbesondere in seinem deutschen Herrschaftsgebiet.

Und genau in diesem Punkt ist er (trotz aller sonstigen Erfolge gegen die Osmanen und Franzosen) klar gescheitert, wie man an den Ergebnissen des Augsburger Religionsfriedens von 1555 ablesen kann, der den deutschen Protestanten freie Religionsausübung zusicherte. Danach kehrt er enttäuscht nach Toledo zurück, als ob er, der „Herrscher der Welt“, nun die Geborgenheit dieser klerikalen Stadt im Schatten der riesigen Kathedrale gesucht hätte.

Aber auch hier hielt es ihn nicht mehr lange, denn 1556 dankte er ab, überließ seinem Sohn Philipp II. den Thron und zog sich in die Einsamkeit des Klosters von Yuste in die Extremadura zurück, wo er 1558 starb.

Nachdem der Imperator resigniert seine Residenz in Toledo verlassen hatte, fiel die Stadt in einen jahrhundertelangen Dämmerschlaf und politische Bedeutungslosigkeit, so als ob Karls Scheitern bei der Rettung der römisch-zentralistisch geführten Glaubenseinheit und der Verlust von Toledos Hauptstadt-Status in direktem Zusammenhang gestanden hätten.

Beide – die römische Zentralkirche und die mittelalterliche Burgstadt Toledo – schienen „Auslaufmodelle“ zu sein, die sich nicht genügend auf die Erfordernisse einer neuen Zeit ausrichten konnten. Toledo, die engwinklige archaische Stadt auf einem Felsen in der kastilischen Steppe schien „aus der Mode gekommen“ im Vergleich mit den ausufernden Handelsmetropolen des 16. Jahrhunderts. Heute stellt sich dieser Niedergang der ehemaligen Hauptstadt jedoch als Vorteil dar:

Toledo, eine der ältesten Städte Europas, ein „Weltdorf“, vor 500 Jahren das Machtzentrum des universalsten Imperiums, das je existierte, präsentiert dem Besucher an der Schwelle zum 21. Jahrhundert ein einzigartiges Architekturensemble. Denn seit dem Weggang Karls V. hat sich dieses „Toledo Imperial“ kaum verändert. Die Stadt auf dem Tajo-Felsen ist ein mit erstrangigen Monumenten ausgestattetes Museum, und wenn es nicht zahlreiche Antennen auf den Dächern und geparkte Autos in seinen engen Straßen geben würde, könnte man sich tatsächlich von einer Zeitmaschine ein halbes Jahrtausend zurückversetzt fühlen. Unter der Schirmherrschaft der UNESCO, die Toledo komplett auf ihre Liste des Weltkulturerbes gesetzt hat, soll nun hier ein ehrgeiziges Pilot-Projekt gestartet werden. Man hat geplant, alle Autos und Leuchtreklamen aus den Straßen Toledos zu verbannen, die Fernsehantennen verschwinden zu lassen, alle Häuser zu verkabeln. Außerdem sollen alle Bewohner und Besucher Toledos durch gigantische unterirdische Rolltreppen „Intramuros“ in die künftig autofreie Fußgängerstadt gelangen.
Obwohl dieses Projekt noch sehr umstritten ist, sind einige Vorbereitungen dafür bereits angelaufen. Wird es tatsächlich realisiert, so werden die Einwohner und Touristen in einer (beinahe) perfekten Illusion wandeln. Denn zumindest auf den ersten Blick würde sich dann das Erscheinungsbild dieser Mittelalter-Metropole wieder so präsentieren wie zu der Zeit, als Kaiser Karl V. sich vom Alcázar zur Kathedrale begab. Und jeder Besucher würde auf eine Zeitreise geschickt, sobald er die 1000jährige Puerta Vieja de Bisagra durchschreitet…

Tipp:
Die Carolus Kunstausstellung kann in Bonn in der Kunst- und Ausstellungshalle ab dem 25.Feb.2000 bis zum 21.Juni.2000 besucht werden (Friedrich-Ebert-Allee 4, Tel.: 0228-9171204). Vom 5.Okt.2000 bis zum 12.Jan.2001 wird sie in Toledo, der Wahlheimat Karls V., zu sehen sein.

Links:
Toledo: http://www.toledo.org
UNESCO: http://www.unesco.org
Weltkulturerbe: http://www.unesco.org/whc
Ausstellung „Carolus V.“: http://www.charlesV2000.org
Gent: http://www.gent.be