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Tiradentes – der Zahnzieher

Oder: der Verrat von Minas Gerais

„…die Wolken bilden sich über Brasilien, aber es regnet in Portugal. Das Wasser stammt nicht aus dem Meer, sondern von den Tränen der Unglücklichen und dem Schweiß der Armen, und ich frage mich, wie ihr Glaube und ihre Treue so lange haben währen können?“ (Antônio Vieira)

Tiradentes-Zahnzieher und Nationalheld
Tiradentes-Zahnzieher und Nationalheld

Der 21. April ist ein feriado (Feiertag) in Brasilien. Man nutzt den Tag, um an den Strand zu gehen, mit den Kindern zu spielen oder zu grillen. Es ist Tiradentes, der Tag des „Zahnziehers“, in Erinnerung an den 21. April 1792. An diesem Tag zog besagter Tiradentes nicht etwa der portugiesischen Königin Dona Maria I. einen Zahn, nein! Auf Befehl der Monarchin, die etwa zur gleichen Zeit im fernen Portugal für verrückt erklärt und abgesetzt wurde, zog man Tiradentes zuerst eine Schlinge um den Hals, diese dann dermaßen fest zu, dass dem Armen die Luft für immer weg blieb, und später dann seine Extremitäten in sich entgegengesetzte Richtungen, was gemeinhin als Vierteilung bekannt ist.

Alle anderen ebenfalls zum Tode Verurteilten hatte die Königin vor ihrer Entmachtung im fernen „Mutterland“ begnadigt, sie durften zwischen lebenslangem Gefängnis und der Deportation nach Afrika wählen. Nur Tiradentes, mit bürgerlichem Namen Joaquim da Silva Xavier, musste mit seinem Leben für das büßen, was in Brasilien seitdem als die „Inconfidência mineira“, der Verrat von Minas Gerais, bekannt ist.

Verraten hatte er das portugiesische Mutterland, war einer der Verschwörer, die die Unabhängigkeit Minas Gerais` von Brasilien und damit von Portugal anstrebten. Und dafür musste er hängen. Doch der eigentliche Verrat wurde an ihm verübt: er und die anderen Mitverschwörer wurden durch die Untreue des „companheiro“ Joaquim Silvério dos Reis ans Messer geliefert. Diesem wurden im Gegenzug seine Steuerschulden erlassen.

Seitdem ist sein Name ein Synonym für Verrat, ein brasilianischer Judas.Tiradentes stammte aus der Nähe von São João do Rei in Minas Gerais. Aus armen Verhältnissen kommend und früh zum Waisen geworden, verdiente er sein Geld als Zahnzieher. Danach wurde er Soldat im Dragonerregiment von Minas Gerais, doch aufgrund seiner Abstammung verwehrte man ihm eine militärische Karriere. Einen weiteren Rückschlag erfuhr er bei dem Versuch der Durchsetzung eines von ihm für die Kanalisation der Abwässer von Rio de Janeiro entworfenen Projektes, welches am Widerstand der portugiesischen Beamten scheiterte.

Frustriert schloss sich Tiradentes daraufhin einer Gruppe von Verschwörern an, die dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika folgend die kolonialen Fesseln sprengen wollten. Es handelte sich dabei um angesehene Persönlichkeiten; unter ihnen waren Rechtsanwälte, Dichter, Intellektuelle, Adelige und Männer der Kirche, die sich des als „unschuldigen Idealisten“ charakterisierten Tiradentes bedienten. Der hatte sich – wie sein Tod auf besonders plastische Weise zeigte – mit Leib und Seele der Revolution verschrieben.

Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts förderten schwarze Sklaven in den Bergwerken von Minas Gerais Edelsteine und Gold zu Tage, zwischen 1740 und 1744 alleine über 17 Tonnen. Die Hauptstadt Vila Rica de Nossa Senhora do Pilar do Ouro Preto war zu dieser Zeit die reichste und größte Stadt der südlichen Hemisphäre. Als seinen ihm zustehenden quinto („Fünftel“) setzte der portugiesische Königshof daraufhin eine jährliche Tributzahlung von 1,5 Tonnen Gold fest, unabhängig von der tatsächlichen Produktion. Als der Goldfluss ab 1760 immer stärker versiegte, verarmte die Region unter der Last des quinto zusehends.

Und so regte sich der Unmut, vor allem unter den Reichen von Minas Gerais. In Vila Rica versammelten sich im Dezember 1788 die Verschwörer, unter ihnen auch Tiradentes, um über die Form ihres zukünftigen unabhängigen Staates zu beraten. Wenig später verhaftete man sie, brachte sie nach Rio de Janeiro, wo ihnen der Prozess gemacht wurde. Tiradentes nahm die alleinige Verantwortung für die geplante Revolution auf sich, um seine Mitverschwörer zu schützen. Erst als er dem Verräter Joaquim Silvério dos Reis gegenüber gestellt wurde, musste er erkennen, dass die Behörden bereits alles über die Verschwörung wussten.

Warum gerade Tiradentes sterben musste und seine Mitverschwörer dem Tode entgehen konnten, bleibt die große Frage.

Jedenfalls war er der einzige, der mit seinem Leben bezahlte. Sein Kopf wurde zur Abschreckung auf dem zentralen Platz (heute die Praça Tiradentes) Vila Ricas, dem heutigen Ouro Preto, zur Schau gestellt.

Mit der Unabhängigkeit am 15. November 1889 wurde Tiradentes zum ersten Nationalhelden Brasiliens erklärt.

„Vamos pra`praia, hoje é Tiradentes!“

Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Jonas de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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