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Tequila-Jazz (10/2015)

Im Interview mit der mexikanischen Band Troker

Die Band Troker aus Mexiko legte auf der diesjährigen Musikmesse jazzahead in Bremen einen fulminanten Auftritt hin. Nachdem den Zuhörern die Gehörgänge freigepustet waren, fingen viele an zu tanzen (und einige verließen den Saal). Über ihren Hard-Groove-Jazz sprach Torsten Eßer mit der Band.

Bei eurem Auftritt gestern haben sicher einige Puristen gedacht: Was machen die denn auf einer Jazz-Messe?
Frankie Mares (Schlagzeug): Das Genre öffnet sich immer mehr allen möglichen Musikstilen. Wir wollen nicht in einem festgelegten, starren Rahmen spielen. In unserem Fall integrieren wir Hiphop, Funk und auch Rock in unser Spiel, in die Musik, die uns gefällt. Das sind unsere Einflüsse, schließlich haben wir vorher u.a. auch in Rockbands gespielt.

Frankie Mares
Frankie Mares: Schlagzeuger der mexikanischen Band Troker

Streckenweise erinnert mich eure Musik an Rock- Mestizobands wie Control Machete oder Molotov?
Arturo Santillanes (Saxophon): Mit dieser Musik sind wir aufgewachsen, einige der Musiker sind heute unsere Freunde. Diese Musik ist uns ins Blut übergegangen, genauso wie sehr mexikanische Elemente, z.B. der Mariachi, den man einfach mit der Muttermilch aufsaugt. Und wenn Du dann spielst, fließt all das aus dir heraus.

Samo González (Bass): Wir mögen die Vielfalt, wir möchten keine simplen Pop- oder Rocksongs spielen, sondern uns öffnen für Improvisationen. Daher ist unsere Musik mehr Jazz als alles andere.

In Stücken wie „Chapala Blues“ oder „Príncipe Charro“ habe ich Elemente der mexikanischen Folklore gehört.
Arturo: Das ist erstens Teil unserer Identität und zweitens gibt das unserer Musik eine gewisse Originalität. Wir sind stolz darauf Musikstile zu integrieren, die schon unsere Väter und Großväter gerne gehört haben. Aber letztendlich entsteht das auf natürliche Weise. Irgendwann haben wir das bemerkt, als Leute uns darauf ansprachen, das „Chapala Blues“ sehr mexikanisch klingt. Bei „Príncipe Charro“ haben wir das Ganze dann bewusst eingebaut, um traditionelle Elemente mit dem Hiphop und unserem DJ zu verbinden.

Ist es schwierig traditionelle Musik mit Jazz, Funk und Rock zu vermischen?
Frankie: Meistens kommen diese Elemente auf natürlichem Weg in unsere Musik. Bei einer Probe hören wir dann zum Beispiel so ein typisches Vibrato bei den Bläsern. Wir trinken sehr gerne Tequila, entspannen uns, und dann kommen unsere Wurzeln ganz von selbst ins Spiel (lacht!).

Samo: Wir haben einmal in der Provinz Oaxaca ein Projekt mit einem indigenen Symphonie-Orchester gemacht. Mit den Jugendlichen übten wir „Chapala Blues“ ein und führten es im Palacio de Bellas Artes in D.F. auf. Das war eine tolle Erfahrung. Danach haben wir hier und da auch indigene Instrumente benutzt.

Das Stichwort indigenas bringt mich zu der Frage, wie Ihr zur problematischen Situation eben jener Bevölkerungsgruppe steht?
Samo: Wir haben ein interaktives Programm für Kinder entwickelt, nicht nur indigene, in dem wir ihnen etwas über Musik vermitteln. Außerdem geben wir Gratiskonzerte in Jugendgefängnissen, Krankenhäusern, Schulen oder marginalisierten Vierteln. Wir mischen uns in die aktuelle Politik ein, indem wir z.B. in Interviews gegen die Regierung argumentieren. Wir wollen den Jugendlichen vermitteln, dass wir mit der Korruption der Regierung nicht einverstanden sind, auch nicht mit der zunehmenden Kriminalität, die dafür sorgt, dass man sich kaum noch auf die Straße traut. Dabei hilft uns natürlich unsere steigende Popularität.

Arturo: Dabei dürfen wir allerdings nicht vergessen, dass unsere Hauptaufgabe die Musik bleibt, damit die Leute auch mal für einen Moment diese Probleme vergessen können.

Ja, das verstehe ich. Was mir als Europäer aber unverständlich ist, dass Auftritte im „falschen“ Lokal für einen Musiker tödlich enden können, auch wenn das vor allem die Sänger von narcocorridos betrifft…
Frankie: Das hat unter anderem damit zu tun, dass sie dazu gezwungen werden, Botschaften zu „singen“, von einem Drogenkartell an ein anderes. Dann kommen diese zum Konzert und veranstalten hässliche Sachen.. Das und vieles andere ließe sich unserer Meinung durch eine Legalisierung der Drogen abstellen.

Euer DJ macht bei euch viel mehr als DJ’s üblicher Weise in Bands…
Frankie: Er benutzt seine turntables wie ein Instrument und gibt vielen unserer Stücke einen speziellen Klang. Er hat schon mehrere Preise gewonnen, u.a. bester DJ Mexikos. Als unsere Gruppe anfing, gingen wir in eine Bar, in der er auflegte. Sofort dachten wir darüber nach, ob es nicht cool wäre unserer Band einen DJ hinzuzufügen. Und schon bei der ersten Probe mit ihm waren wir begeistert. Er hat außerdem tolle Ideen für Samples aus alten mexikanischen Filmen etc. Diese Fusion geht weit über das Scratchen anderer DJ’s hinaus.

Samo: Wir integrieren ihn auf unterschiedliche Weise: er spielt Harmonien, manchmal sogar eine Melodie, wie in „Mosquita muerta“. Schon während des Komponierens denken wir oft darüber nach, was wir mit den Plattenspielern anstellen können, etwas Neues, Aufregendes halt.

Und nun zu einer brennenden Frage: Woher kommt der Name Troker, das klingt ziemlich deutsch?
Frankie (lacht): Zu Beginn suchten wir einen Namen, der die Kraft unserer Musik ausdrückte. Wir überlegten hin und her, fanden aber nichts. Zu der Zeit trugen wir dicke Schnauzbärte und oft Baseballkappen So sehen in Mexiko oft die Fahrer großer Lastwagen aus, Trucker halt. Und daraus haben wir dann dieses Kunstwort gemacht. Es weckt Assoziationen zu Kraft, Lärm, starken Motoren und zu Truckern, die Jazz hören. So ist das entstanden.

Interview + Foto: Torsten Eßer
Cover: amazon

Troker
Crimen Sonoro (2014)
troker.com.mx
(inkl. Video des Auftritts auf der jazzahead)