Print

Posted in:

Stefan Zweig in Brasilien – Interview mit Alberto Dines

Alberto Dines kämpft seit Jahren dafür, Stefan Zweigs Haus in Petrópolis in eine Gedenkstätte für die vor den Nazis geflohenen europäischen Immigranten umzuwandeln.

Der brasilianische Journalist und Autor mehrerer Bücher, darunter eine wunderbare Biografie über Stefan Zweig und seine Zeit in Brasilien, sprach mit dem Caiman über die Verbindung des österreichischen Schriftstellers und dem „Land der Zukunft“.

Welche Bedeutung hat Stefan Zweig für die Brasilianer?
Früher einmal ist er der am meisten übersetzte und bekannteste ausländische Autor gewesen. Das war so in den 40ern, 50ern und vielleicht sogar noch bis in die 60er Jahre hinein. Zum Teil lag es daran, dass sein brasilianischer Herausgeber ein sehr dynamischer junger Mann, die Bücher an den Haustüren der Menschen verkaufte. Und er verkaufte sehr viele Bücher. Heute noch findet man in den Antiquariaten die komplette 20 Bände umfassende Werksausgabe.

Zweig wurde sehr geliebt, besonders von den Frauen, speziell wegen Büchern wie „Marie Antoinette“ oder „Brief einer Unbekannten“. Er war der Feminist unter den Autoren und schrieb über die weibliche Psyche.

Zudem besaß er eine besondere Beziehung zu Brasilien, die vor allem ihren Ausdruck in „Brasilien, Land der Zukunft“ fand. Dabei wurde das Buch in Brasilien sehr schlecht aufgenommen. Als es 1941 herauskam, hassten die Intellektuellen es regelrecht. Sie dachten, dass er damit ein Loblied auf die Diktatur von Getulio Vargas anstimme. Dabei ist es in Wirklichkeit ein Lobgesang auf den brasilianischen Menschen und auf das Land Brasilien. Da haben die Intellektuellen Einiges durcheinander gebracht.

Zweig hat diese Reaktion sehr verletzt. Er war ein wohlhabender Mann und hatte es nicht nötig, sich wegen eines Buches zu verkaufen. Wobei es aber natürlich stimmt, dass die brasilianische Regierung ihm und seiner Frau ein Daueraufenthaltsvisum ausgestellt hat. Damals ein Privileg, haben doch in jener Zeit weder Brasilien noch Argentinien jüdischen Flüchtlingen Visa vergeben. Klar war das eine Art Geschäft zwischen Zweig und der brasilianischen Regierung.

Aber trotz allem wurde das Buch in Brasilien ein kommerzieller Erfolg. Und heute kennt jeder den Slogan „Brasilien – Land der Zukunft“. Er hat sogar Einzug in die Alltagssprache gehalten, obwohl viele Menschen gar nicht mehr wissen, dass er von Zweig stammt. Heutzutage gehört es zum brasilianischen Selbstverständnis, zu sagen, dass Brasilien das Land der Zukunft ist. Schon alleine aus diesem Grund kommt Zweig eine große Bedeutung zu.

In diesem Zusammenhang darf man auch die Auswirkung von Zweigs Freitod nicht unterschätzen. Einen Monat zuvor, im Januar 1942, hatte Brasilien die diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächten Deutschland, Italien und Japan abgebrochen.

Für Zweig war klar, dass der Krieg Brasilien erreicht hatte. Und sein Freitod traf auf großen Widerhall in der öffentlichen Meinung Brasiliens, besonders bei den einfachen Brasilianern. Er wurde als Opfer des Nationalsozialismus gesehen, und dies erzeugte Druck auf die brasilianische Regierung. Nur wenige Monate später, im August 1942, erklärte dann die Vargas-Regierung den Achsenmächten den Krieg.

Wurde sein Freitod denn als eine Art Protest gegen die Nazis angesehen?
Genauso hat man das gesehen. Zweig war niemals ein Militant, ein Flugblattschreiber. Aber sein Abschiedbrief, die „Declaração“, galt als Protest gegen eine Welt, die nicht mehr die seine war. Und es war das Eingeständnis, dass alles anders werden würde, dass alles, was danach geschehen, vollkommen anders und neu sein würde. Natürlich handelte es sich nicht um einen direkten Protest, aber es blieb das Bild eines Opfers im Gedächtnis, eines Mannes der zuerst Widerstand praktizierte und sich dann doch umbrachte.

Ich habe etwas sehr Interessantes herausgefunden, das zuvor noch niemand erwähnt hat: obwohl sich Zweig selber umbrachte, hat der Rabbiner von Rio de Janeiro seinen Tod nicht als Selbstmord eingestuft und erteilte Zweig das Recht, auf dem jüdischen Friedhof in Rio beerdigt zu werden. Der Rabbiner hat ihn demnach nicht als Selbstmörder verdammt. Allerdings verweigerte die brasilianische Regierung ihre Zustimmung, und so wurde Zweig auf dem Friedhof von Petrópolis beigesetzt.

Was hat Zweig eigentlich bewegt, in Petrópolis zu wohnen?
Damals war Rio de Janeiro sehr viel kosmopolitischer als São Paulo. Heute ist das natürlich genau das Gegenteil. Aber aus diesem Grund wollte Zweig in der Umgebung von Rio bleiben, allerdings etwas abseits der Hektik der Hauptstadt. Andererseits war er verletzt von den sehr gnadenlosen Kritiken, die man „Brasilien – Land der Zukunft“ entgegen gebracht hatte. Als Konsequenz dessen wollte er sich etwas absetzten. Er dachte zuerst daran, nach Teresópolis zu ziehen. Doch Teresópolis war nicht gerade eine sympathische Stadt.

Und so ging er dann schließlich nach Petrópolis, immerhin eine „kaiserliche“ Stadt, die vom brasilianischen Kaiser Dom Pedro II. gegründet worden war. Das ist wichtig, schließlich verehrte Zweig den Habsburger-Nachkömmling. Er war der Meinung, Brasilien trage etwas vom österreichischen Erbe in sich. Und das bestärkte ihn in dem Entschluss, hierher zu kommen. Er mochte die USA nicht besonders, und das hatte nichts damit zu tun, dass er Antikapitalist war. Er war Antimaterialist und als reicher Man konnte er es sich ja auch leisten, Antimaterialist zu sein.

Aber ihm war nicht bewusst, dass Petrópolis so weit ab vom Schuss lag. Nicht, was die reine physische Entfernung betraf – das sind ja nur etwa 90 Kilometer. Aber niemanden verschlug es damals nach Petrópolis.

Die Bibliothek in Petrópolis war ein Witz, während die Nationalbibliothek in Rio eine formidable Institution darstellte. Er sehnte sich nach Büchern und nach seinen Freunden, nach intellektuellen Gesprächen.

Zudem suchte er sich ein recht einfaches Haus, wo er unter nahezu ärmlichen Umständen lebte. Für jemanden, der zwanzig Jahre lang in Salzburg in einem kleinen Schloss gelebt hatte und bereits unter Depressionen litt, müssen die Umstände eines „ärmlichen Lebens“ noch zu einer Verschlimmerung der Depression beigetragen haben. Und hinzu kamen dann noch die Nachrichten von den Kriegsfronten, was meiner Meinung nach auch eine große Rolle hinsichtlich seines Allgemeinzustandes spielte.

Alles in allem tat ihm Petrópolis also nicht gut. Und für seine Frau war es noch viel schlimmer. Sie war um einiges jünger als er und litt unter starkem Asthma. Damals war die Luftfeuchtigkeit in Petrópolis um einiges höher als heute, und Zweigs Haus lag an der Passage, über die die von Rio und vom Meer hinauf ziehenden Wolken die Berge erklommen. Für einen Asthmatiker also eine denkbare ungünstige Umgebung. Zudem sprach sie kein Portugiesisch, die Angestellten konnten nicht kochen, und all dies führte zu ernsten Alltagsschwierigkeiten.

Ich denke, Zweig hat eine falsche Entscheidung getroffen. Er wollte dem direkten Dunstkreis der Hauptstadt entfliehen, doch entfernte er sich zu weit.

Wie kam der Mensch Zweig denn mit der brasilianischen Mentalität zurecht?
Zweig empfand eine Art Zärtlichkeit für das brasilianische Volk, für die einfachen Brasilianer. Und was besonders interessant ist: er erkannte im Brasilianer einen traurigen Menschen. – Nicht viele Gelehrte haben sich hierüber jemals ausgelassen. Paulo Prado, der berühmte brasilianische Anthropologe, hat einmal das Bild Brasiliens als Bild vom traurigen Menschen gezeichnet. In der damaligen Zeit erkannte Zweig diese brasilianische Traurigkeit, und sie berührte ihn sehr.

Mit den Intellektuellen verstand er sich gut, zumal es keine Sprachbarriere gab, da sie alle das Französische beherrschten. Aber er hat sich zu sehr von den Intellektuellen der Brasilianischen Schriftstellerakademie vereinnahmen lassen. Heute wie damals war die Academia Brasileira de Letras eine offizielle Institution, und die Intellektuellen standen der Regierung des Diktators Getulio Vargas sehr nahe. Dies entfernte ihn von den wirklichen Schriftstellern wie Jorge Amado und anderen, die in jener Zeit auftauchten. Er hat damit eine sehr radikale Wahl getroffen, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein.

Zweig mochte Brasilien und wollte hier Arbeiten realisieren, die eng an die Kultur des Landes angelegt waren. So plante er ein Ballett mit Kompositionen von Vila-Lobos. Zudem hatte er die Absicht einen Film über das Leben der Marquesa de Santos zu drehen, der offiziellen Geliebten des ersten brasilianischen Kaisers Dom Pedro I.. Und ein anderer interessanter Fakt ist, dass Zweig 1940 nach Argentinien reiste, um die Rechte an zwei Filmen zu verkaufen, die auf seinem Werk basierten. Die Projekte wurden jedoch nie realisiert. Zweig war sehr viel daran gelegen, sich Möglichkeiten in Südamerika zu schaffen um an die Kultur angelehnte Projekte durchzuführen.

Die Lektüre von Hermann Graf Keyserlings Buch „Südamerikanische Meditationen“ machte ihm klar, dass Südamerika rein gar nichts mit Nordamerika zu tun hatte. Die Lektüre dieses Werkes erweckt sein Interesse an Projekten, die einen Bezug zu Südamerika aufwiesen.

Er hielt zwei Konferenzen ab, eine in Brasilien und eine in Argentinien, die unter dem Motto der „Spirituellen Einheit der Welt“ standen. Dort sprach er viel davon, dass Lateinamerika der Kontinent der Zukunft sei. Denn Europa sei vom Hass zerstört, und die USA seien zu materialistisch geprägt. Aber Lateinamerika habe den europäischen Humanismus geerbt. Heutzutage ist das nichts als pure Phantasie, aber damals, in den 30er und 40er Jahren, hat es tatsächlich diese Option gegeben.

Erinnern Sie sich an das Treffen mit ihm?
Ich war damals acht Jahre alt als er 1940 während seines zweiten Brasilienbesuchs in meine Schule kam. Und später hing im Büro meines Vaters ein Bild von Zweig, von ihm eigenhändig meinem Vater gewidmet. Und so trat jener berühmte Autor, der mich besuchte und meinem Vater eine Widmung schrieb, und der sich zwei Jahre später umbrachte, in mein Leben. Mein Vater ist damals sogar auf Zweigs Beerdigung gewesen. Später dann als Jugendlicher las ich seine Bücher.

Im Jahre 1979, also während der Militärdiktatur, schrieb ich eine Satire über Brasilien und mitten im Text schrieb ich: jener Stefan Zweig, der das Paradies erfand, brachte sich im Paradies um. Da dachte ich: hier hast Du einen Ausgangspunkt gefunden! Und da ich ja sowieso immer schon ein Buch über Zweig schreiben wollte, dachte ich mir, dass dies genau der richtige Betrachtungswinkel sei: der Tod im Paradies.

Ich begann mein Vorhaben also bereits mit einem fertigen Titel, der in Wirklichkeit nicht bloß ein Titel ist, sondern eine komplette Anschauung. Und so begann ich eine Biografie über die Zeit Zweigs in Brasilien zu schreiben. Das war etwas, was zuvor noch niemand getan hatte. Aber immerhin hat Zweig Brasilien dreimal besucht, hat ein unglaublich wichtiges Buch über dieses Land geschrieben und entschied sich für dieses Land, um sich das Leben zu nehmen – man kann die Bedeutung Brasiliens für Stefan Zweigs Leben also nicht einfach ignorieren.

Fotos: Thomas Milz

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

36 posts