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Spanien: Logistisches Glockengeläut

Nennt mir Namen! Nein, nicht die Namen der üblichen Verdächtigen, der Dichter und Denker, Politiker und Künstler, Stars und Sternchen. Nein! Nennt mir die Namen großer Logistiker, Namen der Männer und Frauen, die wirklich Unbegreifliches bewegen, von der Organisation in Sachen Kost und Logie für große Feierlichkeiten bis hin zur Koordination ganzer Völkerwanderungen. Und? – Diese Stille habe ich befürchtet.

So entzünde ich also weiterhin allabendlich eine Kerze und opfere den ersten Schluck Rum dem geweihten Boden in Gedenken an all die imaginären Persönlichkeiten, die dem Glanz und Gloria dieser Welt erst ihre Brillanz verleihen.

Ein unendlich langer Kuss begrüßt den nasskalten Sonntagmorgen im November. Und neben der Gewissheit, dass dieser Tag uns dem Bette nicht entlocken wird, ist bei einer wirklich hervorragend prickelnden Flasche Sekt die Hochzeit beschlossen.

Höflich bittet man Vormund und Wachhund, die Hand der großen Liebe ewig sein nennen zu dürfen, wobei die unzähligen Besuche diverser Standesämter und Registro Civils schon fast in Vergessenheit geraten, wäre da nicht die herzzerreißende Episode der Verlobung:

  • Standesbeamtin: Unterschreiben!
  • Ich schiebe das heilige Dokument liebestrunken in die Richtung meiner Angetrauten in Spee, die über eine wunderschöne Handschrift verfügt.
  • Standesbeamtin: Nein! Sie unterschreiben!
  • Zu Befehl! (Da fällt der Blick auf die Kopfzeile: Der Verlobte ist Antragsteller…)
  • Aber wir sind doch gar nicht verlobt.
  • Standesbeamtin: (Der seichte Protest, der in der Stimme mitschwingt, wird umgehend im Keim erstickt…) Ab sofort sind sie verdammt noch mal verlobt – offiziell.

Mit unserem EFZ, dem EheFähigkeitsZeugnis, im Kuvert machen wir uns auf den Weg, Katalonien auf die Hochzeit vorzubereiten. Übergehen wir die kleineren Probleme wie Einladungskarten oder Website, Design oder Understatement, Wein-, Bier-, Longdrinkauswahl, Zusammenstellung der Tapas mit oder ohne Gottes Segen, Krawatte und Havaianas oder nur Havaianas… kommen wir zu den wahren Herausforderungen, zu den logistischen Sahnestückchen, zu Kost und Logie.

Es gibt da diese kleine Bar, unscheinbar und doch ein Refugium.

Ein Tisch mit zwei Stühlen in der Mittagsonne und kaltes Bier. Von dieser Bar fällt der Blick auf eine zauberhafte Pension.

  • Buenos Dias. Wir hätten eine Zimmeranfrage für Anfang Juni.
  • Um Gottes Willen, da seid ihr zwei Monate zu früh.
  • Wir suchen mehrere Zimmer, daher kommen wir so früh. Können wir eines der Zimmer sehen?
  • Zweiter Stock um die Ecke, die 201.
  • (Eine Minute später) Gefällt uns sehr gut. Wie viele Zimmer haben Sie?
  • Wie viele braucht ihr denn?
  • Zwanzig bis Dreißig.
  • Um Himmelswillen. Also wir haben maximal (Denkpause) acht.
  • Gut dann möchten wir diese gerne reservieren.
  • Ach, wenn ich mir es so recht überlege, wann sagt ihr, Anfang Juni, nein, da fahre ich eventuell nach Ibiza. Kommt in zwei Wochen noch einmal, vielleicht weiss ich dann mehr.

Irgendwie denken wir zu diesem Zeitpunkt, für ein volles Hotel wird sie den Urlaub schon um ein paar Tage verschieben. Recht euphorisch, ein günstiges, schnuckeliges und zentrales Hotel gefunden zu haben, betreten wir wieder die kleine Bar.

  • José. Wir heiraten und suchen jemand, der einige Tapas zubreitet.
  • (So ganz einig waren wir uns nicht, ob die Tapas der kleinen Bar für ein Hochzeitsbankett den nötigen Esprit besäßen, aber Freunde muss man halt einspannen.)
  • Glückwunsch!
  • Wir dachten, wir bestellen bei euch einige Tapas.
  • Da müsst ihr mit meiner Frau sprechen. Serafina komm mal rüber. Machen wir Tapas für die Hochzeit der beiden?
  • Seid ihr verrückt, ich hab doch die Kleine. Wie stellt ihr euch das denn vor?
  • Tranquilo. Kennt ihr jemanden, der uns eine Paella zubereitet?
  • Klar! … Vielleicht. Nächste Woche weiss ich mehr.

War der Tag nun erfolgreich oder nicht? Immerhin haben wir die Karte für den Großmarkt entliehen. Zwei Wochen später klingeln wir erneut an der Pforte der Pension.

  • Ach, ihr schon wieder. Ich kann immer noch nicht sagen, ob ich in Urlaub bin oder nicht. Sucht euch lieber etwas anderes.

Einen Monat später starten wir den letzten Versuch.

  • Nee, jetzt reicht es mir. Schluss, aus, vorbei. Ibiza ist so gut wie gebucht. (Und ihr, mit eurer vorsaisonalen Komplettauslastungsanfrage, stört mich nie wieder.)

Was meinst du? Glaubst du wirklich, dass sie nach Ibiza fährt?
Nicht so richtig. Vielleicht sollten wir es einer Woche wieder versuchen.
Schätze der Zug ist abgefahren. Schauen wir bei José vorbei.

  • Ja. Ein Koch hat sich bereit erklärt bei euch eine Paella zu zelebrieren. Er verlangt nur 40 Euro pro Person.
  • Gracias y adios.

In unserem Leben gibt es glücklicherweise nicht nur die kleine Bar, sondern auch noch das kleine Restaurant mit der immergleichen Menüauswahl. Der Koch wäre schon eine echte Attraktion, wenn er mit seinen rundum einen Meter fünfzig die Paella im Hof anrichten würde.

  • Nein. Nein. Arbeite ich denn nicht schon genug. Wir machen zwar um 16 Uhr Feierabend, unverständlich: aber dann brauche ich auch die küchenfreie Zone. Ich kann euch anbieten, den Sud zuzubereiten und euch die Mengenangaben aufschreiben. (Immerhin.) Ansonsten fragt mal in den Restaurants, wobei mir aber niemand einfällt, der da in Frage kommen würde.

Zehn für uns erfolglose Restaurants später, treffen wir eine Bekannte, die Apothekerin.

  • In Deutschland vermittelt uns die TV-Werbung diese romantische Vorstellung, dass in ganz Spanien die Dörfer im riesigen Paella-Kochen gegeneinander antreten. Ich glaube, sie heißen Vilarriba und Vilabajo.
  • Ja, die Werbung läuft in Spanien auch. Ist lustig, wie sie um die Wette putzen.
  • Na ja, genauso eine Pfanne mit Koch suchen wir gerade.
  • Keine Ahnung, ich habe so etwas auch noch nie gesehen.

Zwei Tage später aber winkt sie uns freudestrahlend zu sich in die Apotheke:

  • Ich habe mich umgehört und die Pescadores de Rose (Fischer von Rosas) sind bekannt für ihre Paellas. Das sind richtige Inventkocher. Die rücken je nach Paellagröße mit mehreren Köchen an. An die Nummer kommt ihr über einen Anruf beim Rathaus von Rosas.

Die folgenden zwei Tage verbringen wir am Telefon bis wir endlich den Fischer am Apparat haben, der für Paellas zuständig ist.

  • Wie viele Personen sagst ihr, etwa 100. Nein, da kann ich euch nicht weiterhelfen. Für so wenige Personen bieten wir keine Paella an.

Das ist erneut ein Schlag ins Gesicht und wir stehen wieder bei Null, erholen uns aber aufgrund des Zeitmangels schnell wieder. Der kurzen Resignationsphase folgen neue Energien; erste Überlegungen in Sachen Paella in Eigenproduktion und ein Blick in die Gelben Seiten. Catering – Spezialisten für Paella. Nach 14 Telefonaten lautet das Ergebnis: nicht erreicht, machen wir nicht, Urlaub, nicht erreicht, geschlossen, Portionsweise für Selbstabholer (30 Kilometer entfernt), nicht erreicht, machen wir nicht, Urlaub, max. 10 Leute, nicht erreicht, Urlaub, keine Lust, nicht erreicht.

Zumindest steht uns an diesem Tag wettertechnisch der Sonnengott zur Seite und wir beschließen, das Paellaproblem auf den Abend zu vertagen und mit dem Rad zum Strand zu fahren, um uns dort nach Appartements zu erkundigen. Und nun sieht sich der Hobbylogistiker mit einer neuen Herausforderung konfrontiert:
Loslassen. Er muss von einer gereiften Idee loslassen können, um neuen bislang unbeachteten da unbekannten Alternativen den Weg zu ebnen.

Konkret bedeutet dies, dass sich uns auf einen Schlag und aus heiterem Himmel die Option bietet, all unsere Gäste in anspruchsvollen Häusern direkt am Strand zu moderaten Preisen unterzubringen, wir aber mit den Gedanken bei dem romantischen kleinen Hotel gegenüber der kleinen Bar verharren. Eine Siesta später hat der Spuk ein Ende, die Bungalows sind reserviert und die großen logistischen Probleme auf die Paella reduziert.

Am Abend erkundigt sich José (Chef kleine Bar) nach dem Stand der Dinge.

  • Bis auf die Paella haben wir alles im Griff. Die meisten Gäste nächtigen am Strand. Einige wenige bringen wir in dem Hotel direkt gegenüber deiner Bar unter.
  • In welchem Hotel?
  • Das mit dem Stier, hier direkt gegenüber.
  • Da bringt ihr niemanden unter, das Hotel hat seit 4 Wochen wegen Baufälligkeit geschlossen.
  • (Dies war nicht wirklich ein Tiefschlag nach diesem erfolgreichen Tag. Die paar Leute werden wir schon irgendwie unterbringen.)
  • Lieber hätten wir die Gäste in dem kleinen Hotel neben dem anderen baufälligen untergebracht, aber die Herrschaften sind verreist.
  • Das dort drüben? Im Urlaub?! Die Dame, der das Hotel gehört, war noch nie im Urlaub. Ihr habt ihr doch hoffentlich nicht gesagt, dass ihr mehrere Zimmer haben wollt.
  • Doch. Natürlich. Wir wollten alle.
  • Ay, das mag sie gar nicht. Wenn ihr mehrere Leute dort unterbringen wollt, dann ruft ihr an und reserviert zwei Zimmer, einige Tage später noch einmal zwei usw. (Sein Blick unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Aussage.)

Am nächsten Morgen öffnet sich ein neues Kapitel. (Das bislang nicht abgeschlossen ist und daher die Spannung vor allem für das Brautpaar aufrecht erhält.) Wir müssen am Abend zurück nach Deutschland. Seit sechs Wochen versuchen wir den spanischen Bürgermeister, der uns trauen wird, zu kontaktieren. Mehrfach hat man uns versichert, er werde auf jeden Fall noch am gleichen Tag, an dem wir wieder und wieder beim Rathaus vorstellig geworden sind, anrufen. Vergeblich. Nun am letzten Tag klingelt das Telefon und seine Majestät persönlich ist am Apparat. Wir vereinbaren, in 10 Minuten bei ihm auf der Matte zu stehen.

Und da sitzt der Mann, der sich all unserer Probleme annehmen wird. Der Mann, von dem ich in der ersten Sekunde überzeugt bin, er ist ein wahrhaft großer Logistiker. Der Mann, der uns beschwört alle paellatechnischen Aktivitäten einzustellen und sie ihm zu überlassen.

Einen Dämpfer erfährt die Euphorie nur eine halbe Stunde nach unserer Audienz durch unsere Freundin aus der Apotheke.

  • Bürgermeister? Welcher Bürgermeister? Da müsst ihr aufpassen, es handelt sich um eine ganze Mafia von Bürgermeistern.
  • Nun sind zwei Wochen vergangen und wir sind zurück aus Deutschland und haben unseren großen Logistiker wieder getroffen.Ergebnis 1: Wir treffen uns erneut in zwei Tagen, um noch einmal über die Paella zu sprechen.
  • Ergebnis 2: Seine ersten Bemühungen waren umsonst.

Das ortsansässige Bischof-Patronat gewährt auch einem Bürgermeister keine protestantische Hochzeit in einer ihrer katholischen Kirchen. Falls wir nach der Trauung Fotos vor der Kirche zu schießen gedächten, müsse ein formloser schriftlicher Antrag in doppelter Ausführung eingereicht werden. Willkommen im Mittelalter!

Und nun? Nennt mir Namen! Namen der Männer und Frauen, die wirklich unbegreifliches Bewegen. Namen großer Logistiker. Und? Ihr hattet nun genug Zeit zu überlegen. – Und doch: Diese Stille habe ich befürchtet.

Es bleiben die spannenden Momente: Wird Paella die Hochzeit krönen? Wird sich der Bürgermeister seinen Namen als großer Logistiker verdienen? Fragen, die wir an dieser Stelle unbeantwortet lassen und in der nächsten caiman Ausgabe auflösen werden.

Written by dirk klaiber

dirk klaiber

dirk klaiber, geb. 1969, lebt in berlin, ist herausgeber des online kultur- und reisemagazins caiman.de / internet: www.caiman.de

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