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Spanien: Heilige Nacht mit Guaraná

Nicht ganz ernst gemeinte Chronik der Semana Santa (2007)

Palmsonntag, 1. April 2007

„Oh Gott, ist das kalt hier! – Und das soll die heißeste Stadt Europas sein?“ Sabine, mein Besuch aus Deutschland, ist gestern in Sevilla angekommen und steht nun im sonnengelben T-Shirt fröstelnd neben mir. Wir befinden uns in der Nähe der Herkules-Allee auf der Dachterrasse eines Hauses, das eher ein Palast ist, und unter uns liegt die Hauptstadt Andalusiens im bläulichen Licht einer erwartungsvollen Abenddämmerung. Während der Horizont sich langsam violett verfärbt, ist die Frage, die alle beschäftigt: kommt die „Amargura“ raus oder nicht?

Am Nachmittag, vor ein paar Stunden, hat es kurz und heftig geregnet, deshalb ist ungewiß, ob die beiden letzten Prozessionen mit den wertvollsten Kunstwerken des Tages – Amargura und Amor – überhaupt stattfinden.

Unsere Gruppe hat Zuwachs bekommen seit letztem Jahr und besteht aus: meiner Sevillaner Freundin Carmen und ihrem Mann Manolo, drei Pilgern aus Madrid (Amparo, Vicente, Cayetana), der Französin Antoinette, die seit Jahren in Sevilla lebt, sowie Sabine (alle Namen geändert) und mir. Für Dienstag abend erwarte ich noch ein befreundetes Ehepaar aus Köln und Amparo kündigt in diesem Zusammenhang an, dass für die Madrugá (Karfreitagnacht) noch zwei Teenies aus Madrid zu uns stoßen, die eine neu entwickelte, abenteuerliche Limonade mit Guaraná-Extrakt mitbringen werden – „damit wir weder einschlafen, noch vor Kälte erstarren.“ Ja, es ist wirklich sehr kalt für Sevillaner Verhältnisse. Da hilft nur heißer Kaffee und der dunkle, sirupartige Likörwein, den unsere Gastgeber herumreichen.

Aber das Warten hat sich gelohnt! Denn tief unter uns in der Gasse formiert sich jetzt die Doppelreihe der mit weißen Gewändern und unheimlichen Kapuzen maskierten Nazarenos der Bruderschaft Amargura, die mit flackernden Kerzen würdevoll voran schreiten im Dämmerlicht.

Von hier oben sehen diese verkleideten Büßer aus wie die kleinen Zuckerguss-Nazarenos in den Schaufenstern der Konditoreien von Sevilla. Die Perspektive ist großartig, denn wir schauen wie aus dem Himmel hinein in diese tiefe Straßenschlucht. Leider ist es fototechnisch der schlechteste Moment, denn im diffusen Dämmerlicht ohne Stativ ist das Ergebnis meiner fotographischen Bemühungen meist nur „abstrakte Kunst“. Sieht zwar interessant aus, wenn sich statt Kerzenflammen Lichtschlangen durch verschwommene Nazareno-Reihen bewegen, bleibt aber weit entfernt von der Intention des Fotografen. Aber vielleicht ist dieser Moment zu schön, um ihn festhalten zu können, wie Sabine neben mir mit einem Anflug von philosophischer Tiefe verkündet.

Als wir um halb zwei nachts mit jeweils zwei Pullovern übereinander in der Calle Cuna die letzte Prozession des Tages von der Bruderschaft El Amor anschauen, wird plötzlich für ein paar Augenblicke ein schönes Wortspiel direkt vor uns komponiert.

Die Doppelreihe der schwarz gewandeten Büßer hat kurz angehalten. Auf den schwarzen Kreuzen, die sie tragen, steht der Name der Bruderschaft: Amor. Auf der gegenüberliegenden Seite wird das „r“ von Amor durch den Schatten des anderen Kreuzes verdeckt, so dass man lesen kann: „Amo Amor“ – „Ich liebe die Liebe“ – könnte es ein schöneres Motto für die Semana Santa geben? Die statistische Tagesbilanz des Palmsonntags fällt allerdings weniger romantisch aus.

Es mussten 75 Tonnen Abfall von der Müllabfuhr aufgesammelt werden, 2200 Polizisten waren im Einsatz, 23 Klappstühle klappten für immer zusammen.

Es gab sechs Ohnmachtsanfälle und die Herzattacke eines 85-Jährigen als er zum ersten Mal die monströsen Betonpilze auf der Plaza de la Encarnación sah..

Heiliger Montag, 2. April 2007

Auf der anderen Seite des Guadalquivir, in der Hauptstraße von Triana, San Jacinto, warten wir auf den Paso (Altarbühne) des Christus von San Gonzalo. Die Popularität dieser noch jungen Bruderschaft ist enorm und die schöne Christusstatue von Ortega Bru wird hoch geschätzt. Meine Freundin Carmen, die immer für kühne Pioniertaten zu haben ist und zu den glühendsten Verehrerinnen dieser Christusskulptur gehört, schlägt vor, dass im Rahmen der Gleichberechtigung der Geschlechter ein Fanclub zu Ehren des Christus von San Gonzalo gegründet werden soll. Seine Anhängerinnen sollen einen leidenschaftlichen Chor bilden und – nach dem Vorbild der berühmten „Macareeena – Guapa!“-Rufe – die Prozession begleiten und die ganze Zeit über aus bald heiseren Kehlen „San Gonzalo – Guapo!“ („San Gonzalo – Du Schöner!“) heraus brüllen. Es würde uns nicht wundern, wenn sie diese bizarre Idee nächstes Jahr in die Tat umsetzt, sie war schon immer verwegen…

Cayetana scheint sich mehr für einen der Leuchter-Träger in der Prozession zu interessieren, der ist in der Tat nett anzuschauen und nicht aus Zedernholz wie der Christus, dem er voranschreitet, sondern aus Fleisch und Blut.

Als ob wir Carmens Fanclub-Plan schon in die Tat umsetzen wollten, hängen wir uns an den vergoldeten Paso, der in der Sonne glänzt, und folgen ihm bis zur Kapelle der Sternenmadonna, wo die Costaleros (Träger) von San Gonzalo ihrem Ruf, zu den besten in Sevilla zu gehören, alle Ehre machen.

Sie gönnen sich keine Pause, zwei Märsche und ein Trompetensolo lang bewegen sie den fast drei Tonnen schweren Paso kunstvoll im Takt der Musik und eine Welle von Applaus begleitet sie auf ihrem Weg zum Flussufer. Die goldene Altarbühne des Christus aus dem Barrio León tritt den Triumphmarsch über die alte Brücke an. „San Gonzalo – Guapo!“ – ruft Carmen ihm übermütig hinterher.

Heiliger Dienstag, 3. April 2007

Wir befinden uns unter den Arkaden des schönsten Patios von Sevilla im Pilatos-Palast und es regnet in Strömen. Ratlos und ziemlich genervt schauen wir uns an. Denn dies ist kein feiner Nieselregen, der jeden Moment wieder aufhören könnte, sondern eine Dauer-Sintflut, und es sieht so aus, als ob dieser Prozessionstag komplett ins Wasser fällt. Um uns zu trösten, beschließen wir, zum Tapas-Essen in die Bar Estrella zu gehen.

Als wir den Palast verlassen, sehen wir im Patio eine Gruppe von Costaleros der Bruderschaft San Esteban, die wohl vergeblich angetreten sind, ebenso wie eine schon als himmelblaue Nazarenos verkleidete Familie.

Um vier Uhr nachmittags hat es aufgehört zu regnen und Vicente, der ständig mit einem Ohr in die Nachrichten des Radiosenders Cadena Ser hineinhört, grinst zufrieden und verkündet: „San Esteban geht doch!“

Wir brechen sofort auf um die Prozession der „Himmelblauen“ in der Calle Cuna zu sehen. Bei Anbruch der Nacht stehen wir an der wahrscheinlich engsten Stelle der Gasse Cardenal Spínola und warten auf die Prozession der Bruderschaft des süßen Namens Jesu (Dulce Nombre). Schon dringen die ersten Nazarenos mit dem silbernen Leitkreuz in die Gasse ein.

Als der goldglänzende Paso sich nähert, müssen wir uns eng an die Wand quetschen, denn er füllt fast die ganze Breite der Gasse aus. Er geht so dicht vorbei, dass eine der Eckfiguren – ein Engel – leicht die Stirn von Vicente berührt. Das soll ja Glück bringen. Aber offenbar nicht was das Wetter betrifft, denn mit sorgenvollem Gesicht meint Antoinette, sie hätte zwei Regentropfen gespürt. Tatsächlich bleibt es nicht bei zwei, bald setzt leichter Regen ein. Doch die Prozession der tapferen Bruderschaft Dulce Nombre wird fortgesetzt.

Plötzlich stupst mich ein kleiner Nazareno an und bietet mir und Antoinette ein Bonbon und eine „estampa“ an – ein Bildchen der Madonna des süßen Namens. Sabine ist so gerührt, dass ich es gleich weiter verschenke. Da holt der Kleine gleich noch ein Dutzend estampas der Madonna hervor und verteilt sie in unserer Gruppe. Vielleicht ahnte der kleine Nazareno schon, dass er es nicht bis zur Kathedrale schaffen würde, dass diese Prozession ein allzu schnelles Ende finden würde.

Die folgenden Szenen habe ich so noch nie gesehen. Der Regen wird intensiv, einige Zuschauer versuchen, Regenschirme aufzuspannen, können es aber nicht, da die Gasse zu eng ist und die Schirme gegen die hohen spitzen Kapuzenmasken der Nazarenos stoßen. Diese werden natürlich ebenfalls nass, schreiten aber tapfer weiter; auch die ganz Kleinen, oft an den Händen der Mütter geführt. Und da das Publikum keine Schirme aufspannen kann, beschließt es, der mutigen Bruderschaft zu applaudieren. Der Applaus wälzt sich wie eine Welle durch die ganze Straße.

In all dem Chaos löst sich auf einmal eines der als Messdiener verkleideten Kinder, die in einer Gruppe in der Prozession mitgeführt werden und Körbchen mit Nachschub (Bonbons und Madonnenbildchen) tragen, von den anderen, läuft voraus durch die Reihen der Nazarenos und Zuschauer, schwenkt sein leeres Körbchen und brüllt gar nicht traurig, dafür aber so laut wie möglich: „Wir haben keine Bonbons mehr, wir haben keine Bonbons mehr!“

Da der Regen anhält, wird alsbald klar, dass es nicht nur keine Bonbons, sondern auch keine Prozession mehr gibt. Der Paso des Christus mit den kostbaren Skulpturen wird in das Kloster Santa Rosalía hinein gerettet, das sich zum Glück in dieser Gasse befindet. Aber was ist mit der Madonna? Ihr Paso, über den sich ein Baldachin wie ein überdimensionaler Schirm spannt, war bereits in die Gasse eingebogen und ist nur noch dreißig Meter entfernt, man kann schon ihr schönes, sehr dunkles Gesicht erkennen.

Der Paso bewegt sich, kommt aber nicht näher – er entfernt sich! Die Costaleros tragen sie jetzt rückwärts schreitend zur Kirche zurück. Wenn die Szene nicht für alle Beteiligten so traurig wäre, könnte man fast lachen, denn es sieht schon unfreiwillig komisch aus, wie sich die Madonna mit der flackernden Kerzenpyramide im Rückwärtsgang bewegt – wie ein Videofilm, bei dem man die Rücklauftaste gedrückt hat. Wenigstens hat sie einen kurzen Ausflug gemacht.

Heiliger Mittwoch, 4. April 2007

Um sechs Uhr abends stehen wir unter einem wieder beängstigend bewölkten Himmel auf der schönen Plaza de San Martín vor der gleichnamigen Kirche in einer dichten Menschenmenge. Alle Balkone und Dachterrassen rund um den Platz sind zum Bersten gefüllt mit Zuschauern, aber die Prozession lässt auf sich warten: 10 Minuten, 20 Minuten, sollte sie etwa abgesagt worden sein?

Nein, plötzlich öffnet sich das Portal und die rotweiß gewandeten Nazarenos der aristokratischen Bruderschaft La Lanzada kommen heraus.

In dem Moment, als der riesige, üppig vergoldete Paso mit der Szene des Lanzenstoßes gegen den gekreuzigten Christus aus der Kirche getragen wird, reißt der Himmel auf und Sonnenstrahlen tauchen das Gold der Altarbühne in einen blendenden Glanz, der wie bestellt wirkt. Ein Raunen durchläuft das Publikum und es gibt Szenenapplaus für diese „Lichtregie“.

Gründonnerstag, 5. April 2007

Wir „zelebrieren“ gerade, es ist vier Uhr nachmittags, das (vorgezogene) Letzte Abendmahl, einen von Manolo köstlich im Backofen zubereiteten Bacalao, verfeinert mit Orangenblütengelee von den Nonnen des Klosters Santa Paula, als Amparo plötzlich mit todernstem Blick, der den Gedanken an einen üblen Scherz gar nicht erst aufkommen lässt, die gefürchteten Worte in den Raum wirft: „Es regnet!“ Alle lassen Gabel, Messer und Sherrygläser fallen und stürzen zum Fenster. Ja, es regnet. Wie am Dienstag. Nicht nur ein bißchen, sondern so richtig. Und es regnet immer heftiger, der Himmel verdunkelt sich, kein Blau der Hoffnung mehr zu entdecken. Wir schalten das Radio ein und Cadena Ser meldet jetzt 100% Regenwahrscheinlichkeit für den Rest des Tages – eine vernichtende Prognose, denn es wird wohl keine einzige Prozession die Kirche verlassen. Nach dem Essen werden die Regenschirme aufgespannt und wir widmen uns aus Trotz der üblichen Sevillaner Beschäftigung an einem Regentag der Karwoche: Pasos-in-den-Kirchen-gucken. Nach dem Motto: wenn die Pasos nicht aus den Kirchen kommen, kommen eben wir zu ihnen.

Und dann gibt es doch wieder Hoffnung: kurz vor Sonnenuntergang hört der Regen auf, die Wolkendecke bricht auf und gibt ein paar leuchtend blaue Stellen frei. Dann die frohe Botschaft: die Quinta Angustia, ausgerechnet die noble Hochadels-Bruderschaft, der man traditionell am wenigsten Risikobereitschaft zugetraut hätte, kündigt an, dass ihre Prozession stattfinden wird und wagt sich mit ihrem kostbaren Paso hinaus in das Wetterchaos. Feierlich schreiten ihre violett gekleideten Nazarenos durch die kalte, aber Gott sei dank trockene Nacht. Und wie jedes Jahr erwarten wir die kunstvollste Passionsszene Sevillas mit dem frei vor dem Kreuz schwebenden Christus von Pedro Roldán auf der Plaza de Molviedro.

Ein magischer Moment: Weihrauchnebel, lateinische Gesänge gefolgt von einer Saeta, einem heiser gesungenem Flamenco-Gebet.

Die Wolken geben erstmals den Vollmond frei und der Blick wandert nach oben zu der bizarr gekrümmten Statue des Erlösers, die vom Kreuz herab gelassen wird.

Alle sind wir noch ganz ergriffen als der Paso der „Fünften Todesangst“ knirschend um die Ecke biegt. Da werden mir plötzlich von Vicente die angekündigten Neuankömmlinge vorgestellt: die beiden Teenies Juan und Jorge, die mir feierlich die versprochene Flasche „Guarana Red Force“ überreichen und das Ehepaar aus Madrid (José und Marisa) – das zu allem Überfluss auch noch Mitglied in der Bruderschaft der Esperanza de Triana ist. „Da sind wir ja jetzt ganz schön viele….“, meine ich etwas verunsichert. „Zwölf!“, entgegnet Amparo stolz – „Wie die 12 Apostel.“

La Madrugá, Karfreitagnacht, 6. April 2007

Es ist derselbe schwierige Anfang wie jedes Jahr. Kurz nach Mitternacht will ein Platz erobert werden, um den „Jesus der großen Macht“, die berühmteste Christusstatue Sevillas, möglichst nah an seiner Kirche zu sehen. In der Straße, die seinen Namen trägt, stehen die Zuschauerreihen schon dicht und in geschlossener Abwehrhaltung. Dabei wird es noch eine Stunde dauern bis er hier vorbei getragen wird! Aber etwas ist ganz anders als in den letzten 20 Jahren meiner Semana Santa Erfahrung: es ist kalt, winterlich kalt. Eine Stunde Wartezeit ist also keine erfreuliche Aussicht. Da entdecken wir plötzlich doch eine Lücke und sofort schlagen wir unsere Stühlchen auf. Eine endlose Reihe schwarz vermummter Nazarenos schreitet vorbei, wir vertreiben uns die Zeit, indem wir die bunt gemischten Zuschauer auf den Balkonen beobachten.

Plötzlich sieht jemand am Ende der Straße das erste Blitzlicht, schnell folgen weitere – bei Schweige-Prozessionen wie dieser das einzige Zeichen, dass der Paso im Anmarsch ist.

Eine Minute später steht er vor uns – der Herrscher Sevillas im violetten Gewand. Die ganze Straße eine Schlucht des Schweigens als der „Jesús del Gran Poder“, dieser göttliche Rebell mit dem stolzen und finsteren Gesicht vorbeizieht. Er trägt sein Kreuz nicht nach Golgotha, er reißt es beinahe zornig mit sich und Tausende folgen ihm mit ihren Blicken.

Inzwischen ist es fast halb drei und wir sind auf der Plaza del Salvador angelangt. Auch bei der nächsten Prozession ist Schweigen angesagt, denn bei der schon 1340 gegründeten ältesten Bruderschaft Sevillas, El Silencio, ist der Name Programm. Vorher aber müssen wir uns dringend kurz aufwärmen, es ist mindestens noch zwei Grad kälter als um Mitternacht. Als wir endlich eine offene Bar finden (wieso sind so viele Bars geschlossen in dieser Nacht?), ist sie so voll, dass wir uns kaum hinein quetschen können. Drinnen werden wir von sehr unheiligen Liedern, die nicht mehr geradeaus gesungen werden, empfangen – noch dazu auf englisch! Es ist eine Gruppe von Tottenham Hotspur Fans, die sich nach ihrer heutigen 2:3-Niederlage im Stadion des FC Sevilla schon mal Mut fürs Rückspiel ansäuft und gerade zum zehnten oder zwanzigsten Mal mit abenteuerlichen Intonationsschwankungen „Football is coming home!“ anstimmt. Der Rest der Gäste nimmt es gelassen, ab und zu ertönt ein Ruhe gebietendes Zischen, ansonsten sind auch drollige Verbrüderungsszenen in dieser heiligen Nacht zu beobachten. Da legen Engländer ihre Arme um Spanier, die ihnen kaum bis an die Schultern reichen, und verkünden feierlich – sofern sie noch sprechen können – dass Sevilla heut verdient gewonnen habe. Und die Sevillaner laden ihre Gegner zu Sherry ein, wobei ein Sherry nach dreißig Bier unkalkulierbare Folgen haben kann.

Bei all dem Trubel vergessen wir fast, den „Cardenal Mendoza“ in unseren eigenen Gläsern auszutrinken und – El Silencio! Ich stürze hinaus in die kalte Nacht und da schreiten auch schon unheimliche schwarze Schatten mit Kreuzen über den Platz.

Meine ganze Gruppe folgt mir bedingungslos – so gefällt mir das – bei dem Versuch, noch den bestmöglichen Platz zu erobern. Eigentlich wollten wir uns noch in die enge Calle Cuna drängen, aber das können wir vergessen, kein Durchkommen mehr, die Doppelreihe der Nazarenos von El Silencio hat diese Gasse schon in Besitz genommen. Also gerät unser Vordringen durch die Menschenmenge kurz vor der Mündung der Gasse in die Plaza del Salvador ins Stocken; erst im letzten Moment fällt mir ein, dass die Christusstatue mehr nach rechts blickt, daher wechseln wir noch schnell die Seite und die Hälfte von uns besetzt sogar einen Platz in der ersten Reihe, der Rest postiert sich direkt dahinter.

Im nächsten Augenblick werden wir auch schon von einer Weihrauchwolke umnebelt und verschwommen erkennen wir den Paso, auf dem der Christus von El Silencio getragen wird – im Augenblick ist er nur als schemenhafter Schatten hinter dem Weihrauchnebel zu erkennen. Wir haben Glück, der Capataz entscheidet sich, den Paso genau vor uns anzuhalten.

Als sich der Nebel lichtet, blicken uns mitten aus dem goldenen Schnitzwerk des Paso zwei niedliche Engelsköpfe an, die jetzt zitternd empor fliegen, denn die Altarbühne wird weiter getragen. Im Reich der Englein scheint vorübergehend auch Marisa zu sein, denn sie schläft im Sitzen auf ihrem Klappstühlchen, den Kopf weit nach vorn gebeugt. Als wir sie so sanft wie möglich wecken, schämt sie sich ein bißchen, den Paso von El Silencio verpasst zu haben, und meint etwas resigniert zu ihrer Verteidigung: „Die Temperaturen sind einfach nicht geeignet, um sich Schweige-Prozessionen anzusehen. Ich brauche jetzt endlich ein bißchen Action!“

„Sollst Du haben, meine Liebe, denn jetzt ist die Macarena angesagt – mit Trommeln, Trompeten und einer ganzen römischen Legion.“ Da meint Amparo zu mir: „Du bist also jetzt einer von sieben.“ Ich verstehe zuerst nicht, was sie meint.

Dann fällt mir ein, dass der „Diario de Sevilla“ gestern Statistiken über die Zahlen von Ausländern in den Bruderschaften Sevillas veröffentlicht hat: es gibt aktuell sieben Deutsche in der Macarena-Bruderschaft, von denen einer ich bin.

Als Belohnung für die Kälte, die wir ertragen müssen, wird auch der Paso des schönen Christus der Macarena, der aussieht wie ein maurischer Prinz, genau vor uns abgesetzt. Daneben formiert sich eine Truppe von Costaleros und vor unseren Augen vollzieht sich die Auswechslung der Trägermannschaft. Danach lassen wir uns wie immer zusammen mit den „Römern“ der Macarena fotografieren, die hinter dem Paso marschieren, der jetzt verschwindet.

Aufgrund der erbarmungslosen Kälte halten es einige von uns für unmöglich, hier noch eine Stunde auf die Madonna zu warten. Wir stimmen ab und beschließen fast einstimmig, ihr entlang der Prozession entgegen zu gehen.

Doch vorher halten wir den Moment für gekommen, „Guaraná Red Force“ seiner Bestimmung zuzuführen und wir lassen die Flasche mit dem Wunder-Elixier kreisen. Schmeckt wie ein Liter flüssig-rote Gummibärchen, die im Kreis tanzen. Ich spüre jedenfalls gar nichts. Ich finde, diese rote Limo schmeckt nur eiskalt und frage mich, wieviel Gift in diesem Farbstoff ist. Nur Cayetana kichert und behauptet, sie spüre „so ein Kribbeln“, kann es aber nicht genau definieren.

Guaraná-gestärkt manövrieren wir vorsichtig zwischen Nazarenos und Zuschauerreihen Richtung Kathedrale. Geschafft! Wenigstens stehen die Zuschauer hier so dicht, dass man die Kälte weniger spürt. Nach dem guten Gefühl, uns endlich mal bewegt zu haben, richten wir uns hier wieder auf eine lange Wartezeit ein. Daher können wir unser Glück kaum fassen, als Klangfetzen von Trompetenfanfaren von der Kathedrale her zu uns dringen – und tatsächlich, dort unten, wo die Gasse Argote de Molina beginnt, sieht man schon Blitzlichtgewitter. Im nächsten Augenblick erkennen die größeren unter den Zuschauern die diffusen Lichtpunkte der Kerzenpyramide der Macarena, die rasch deutlicher werden. Jetzt gibt es kein Halten mehr, alle drängeln nach vorne, denn die Macarena muss man immer in der ersten Reihe sehen. Elegant im Rhythmus der Musik und erstaunlich schnell bewegt sich ihr Paso die steile Gasse Argote de Molina empor, endlich erkennt man ihr dunkles, unvergleichliches Gesicht hinter den flackernden Kerzen, ihre Goldkrone, den Mantel aus Grün und Gold.

Ein Strom von Menschen wälzt sich vor dem silbernen Podest dieser orientalischen Göttin durch die Straße und hinter ihr der heisere Chor der Verehrerinnen, die immer wieder den Huldigungsruf „Macareeeena – Guapa!“ anstimmen.

Längst habe ich mich in die erste Reihe vorgekämpft, um die Silberstäbe ihres Baldachins zu berühren. Als der Paso in die Kurve geht und in die Placentines-Gasse einbiegt, beugen sich viele Zuschauer von den Balkonen, um den Baldachin zu berühren. Viele Sevillaner wären bereit, für den nächtlichen Anblick der Macarena auf ihrem Weg von der Kathedrale zurück zu ihrer Kirche alles zu geben. Als ihr Paso aus dem Blickfeld verschwindet, bedeckt mit Rosenblättern, die von den Balkonen auf sie herab regnen, sieht man in der Menge viele die sich wie wir umarmen – überwältigt von einer Lawine der Emotionen, viele mit feuchten Augen in verschiedenen Stadien, vom tränenglänzenden Blick bis hin zu hemmungslosem Heulen. Rational ist das alles nicht, aber irgendwie großartig.

Inzwischen ist es sechs Uhr morgens, die Dämmerung bricht an und die Kälte erreicht ihren gruseligen Tiefpunkt (später erfahren wir, dass der Sevilla-Kälterekord von Null Grad gemessen wurde!).

Wir befinden uns inzwischen in der Calle Adriano, um wie letztes Jahr die Esperanza de Triana vor der Rosenkranz-Kapelle zu sehen.

Vorher ist allerdings der neunte oder zehnte Kaffee dieser Nacht fällig. Eine dichte, unübersehbare Menschenmenge bevölkert die Straße doch wir finden kein Café, das schon/noch offen ist. Neben Kaffeedurst und kaum zu verdrängender Müdigkeit spüren Antoinette und ich ein viel dringenderes menschliches Bedürfnis, das keinen Aufschub mehr duldet. Endlich finden wir einen geöffneten Gastronomiebetrieb und die – beängstigend lange – Schlange vor den Toiletten. Als Antoinette endlich an der Reihe wäre, stürzt aus dem Hinterhalt eine männliche (!) Gestalt an ihr vorbei in die Damentoilette und presst nur die verzweifelten Worte hinaus: „Niña, um der Liebe Gottes Willen…“ Es ist ein schweißgebadeter Costalero aus Triana, der nach fünf Minuten mit einem befreiten Strahlen das Damen-WC wieder verlässt, dabei Antoinette dankend umarmt und ihr verspricht, eine Kerze vor der Esperanza für sie anzuzünden, die ihr Glück bringen soll. Und sie sei ja so hübsch, ob man sich nicht mal auf einen Kaffee treffen könnte? Antoinette stürzt an ihm vorbei, um endlich auch zu ihrem WC-Recht zu kommen. Nachdem sie schon die Tür zugeschlagen hat, ruft sie von innen: „Vielleicht! Aber schlaf erstmal ne Runde!“

Als sie raus kommt und wir mit jeweils sechs Plastikbechern Kaffee eilig zurück zu den anderen laufen, meint sie: „Der war ja dreist! Aber schon O.K., Costaleros haben immer Vorfahrt, denn ohne sie würde dieses ganze Spektakel ja gar nicht stattfinden…“

Und es geht weiter: Als die Szene mit dem schönen, maurisch aussehenden Christus und dem Römer zu Pferd schon über die Brücke nach Triana getragen wird, ist längst die Sonne aufgegangen und die Esperanza de Triana, nach der Macarena die populärste Jungfrau Sevillas, erreicht die Kapelle. Inmitten der begeisterten Menge junger Zuschauer drehen die übermütigen Träger sie zu den betörenden Klängen des „Salve Trianera“ einmal ganz im Kreis.

Carmen kommentiert das mit den Worten: „Ich glaube, die Träger bewegen sich soviel, weil sie genauso frieren wie wir.“

Als die Herrscherin von Triana sich Richtung Ufer entfernt, wiederholen sich ähnliche Bilder wie bei der Macarena: völlig übermüdete Menschen liegen sich in den Armen und lassen ihren Gefühlen und Tränen freien Lauf.

Es gibt kaum Worte, die diese kollektive Ekstase beschreiben könnten und man glaubt es nur, wenn man es selbst gesehen hat.

Nach diesem glanzvollen Schlusspunkt stellen wir gemeinsam fest, dass diese Madrugá nicht nur die kälteste, sondern auch die schönste war, die wir bisher erlebt haben. Gegen elf Uhr morgens falle ich in mein Bett, kann aber zuerst nicht einschlafen – setzt jetzt etwa die Wirkung des Guaraná ein?

Karsamstag, nachts, 7. April 2007
Es ist schon wieder zwei Uhr nachts und ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben, aufzustehen. Wir befinden uns in der Gasse Doña María Coronel, lehnen uns halb schlafend an ein Orangenbäumchen und sehen zu wie die feierliche Prozession von La Mortaja in Schwarz und Violett vorüber zieht.

Als der kostbare Paso mit der schönen Piedad herankommt, wird ein neuer Weihrauch-Rekord aufgestellt – die ganze Straße verschwindet im Nebel. Als der sich wieder lichtet und den Blick auf den goldstrahlenden Paso freigibt, werde ich aus meiner Trance gerissen.

Völlig entzückt wenden sich zwei junge Iren aus Dublin, die gar nicht wissen, wohin mit ihrer Begeisterung, mit der Frage an uns: „Sorry, what means beautiful in Spanish?“ Bevor ich etwas sagen kann, antwortet Amparo prompt: „Es una maravilla.“ Und sie übt mit den beiden Dublinern das Nachsprechen, wobei sie ihnen auf die Schultern klopft, als würde sie wie eine Lehrerin mit kleinen Kindern sprechen: „Es u-na Ma-ra-vi-ja!“

Dienstag nach Ostern, 10. April 2007

Ich stehe im Flughafen vor der Sicherheitskontrolle und hole meinen Schlüssel aus der Hosentasche.

Dabei ziehe ich noch zwei andere Kleinigkeiten mit heraus: ein nach Weihrauch duftendes Bonbon, das mir der kleine Nazareno am heiligen Dienstag geschenkt hat, und ein Bildchen der Jungfrau des süßen Namens, das mich immer an die kälteste Semana Santa aller Zeiten erinnern wird.