Print

Posted in:

Spanien: Girona – Musterstadt in Katalonien

Sie steht fast immer im Schatten ihrer übermächtigen Schwester Barcelona. Und viele der Touristen, die mit Ryanair hier am Flughafen „Costa Brava“ landen, fahren sofort weiter Richtung Barcelona. Dabei hat Girona, die schöne Unbekannte und östlichste Provinzhauptstadt Spaniens, sehr viel zu bieten. Bei einer 1993 von der renommierten spanischen Tageszeitung EL PAIS durchgeführten Untersuchung über Lebensqualität in spanischen Städten belegte Girona mit deutlichem Abstand Platz 1.

Eine Reihe von blitzsauberen Statistikwerten verhalfen Girona zu diesem erstaunlichen Sieg, wie z.B. der überdurchschnittliche Wohlstand mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Europa, die für spanische Verhältnisse sehr niedrige Arbeitslosenquote und kaum vorhandene Kriminalität.

Aber auch das für eine Kleinstadt von 72.000 Einwohnern sehr reichhaltige Kulturangebot, Freizeitmöglichkeiten und die günstige Lage spielten eine Rolle bei dieser Auswertung. Denn in nur jeweils 20 Minuten kommt man sowohl an den 25 Kilometer entfernten Mittelmeerstrand als auch mitten in die Pyrenäen, deren Gipfel man vom Kathedralenhügel aus sehen kann.

 

Die Statistiken über Lebensqualität werden die Touristen, die Girona eine kurze Visite abstatten, weniger interessieren. Aber schon beim ersten Blick auf die Postkartenansicht des idyllisch gelegenen Altstadthügels, dessen farbenfrohe Fassaden sich in den Wassern des Riu Onyar spiegeln, überkommt den Besucher das Gefühl, dass man sich in diesem Bilderbuch-Städtchen einfach wohl fühlen muss.

Es sind weniger die spektakulären Einzel-Monumente, die den Reiz von Girona ausmachen – da haben andere spanische Städte ähnlicher Größenordnung (Toledo, Segovia, Salamanca) mehr zu bieten.

Es ist vielmehr das harmonische Gesamtbild des Stadtkerns „Barri Vell“, das jeden Neuankömmling fasziniert. Vor allem in der Abendsonne entfaltet es seinen ganzen Reiz: als ob die Bewohner Gironas die nach Westen ausgerichtete Uferkulisse speziell für die Stunden vor Sonnenuntergang gebaut hätten. Es dominieren Farben wie goldgelb und terrakottarot, die im Abendlicht besonders leuchtend zur Geltung kommen. Der ganze Häuserhügel aus warmen, glühenden Farben wirkt wie ein von Kindern aufgetürmtes buntes Bauklötzchen-Gebilde. Wie in einer Spielzeugstadt fühlt man sich auch, wenn man über eine der winzigen Fußgängerbrücken geht, auf denen kaum zwei Menschen aneinander vorbei passen.

Auf der Altstadtseite angekommen und eingetaucht in die oft überdachten Gassen und Arkadengänge fühlt man sich eher in eine schicke Patrizierstadt Norditaliens versetzt. Nicht nur wegen der zahlreichen noblen Geschäfte, sondern auch wegen der „toskanisch“ anmutenden Landschaft ringsherum.

Dominiert wird das Stadtbild Gironas von der Kathedrale, die sich ähnlich bunt zusammengewürfelt wie die ganze Stadt präsentiert. Von weitem sieht man nur die wuchtige Barockfassade mit Glockenturm, um 1616 vom katalanischen Barockkünstler Pedro Costa entworfen (und erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts endgültig fertig gestellt).

Dann steigt man staunend die steile barocke Freitreppe (1690) empor, von der sich ein grandioser Blick auf die nahen Gipfel der Pyrenäen eröffnet. In der Nähe entdeckt man den alten romanischen Glockenturm (circa 1150) der Kathedrale auf der linken Seite des Chores.

Später sollte man nicht auf eine Besichtigung des Kreuzgangs verzichten, der den klassischen Stil der katalanischen Romanik aufweist. Doch sobald man das Innere betritt, erkennt man, dass das Herzstück dieses Gotteshauses aus reinster Gotik besteht. Und es bietet sogar einen Weltrekord: Nach langen Diskussionen über den Weiterbau entschloss sich der kühne Dombaumeister Jaime Bofill um 1415, die Kathedrale einschiffig zu vollenden – dabei aber mit 23 Metern Spannweite das breiteste gotische Kirchenschiff der Welt zu konstruieren. Durch diese für die Gotik untypische Breite wirkt der Tempel trotz des eingebauten Chorgestühls, das die Raumwirkung beeinträchtigt, größer als er ist. Besonders schön ist der Blick in den Chor, dessen schlanke Säulen das schlichte Rechteck des Kirchenschiffs auflockern.

 

Das Museum der Kathedrale von Girona lohnt einen Besuch, denn es bietet Raritäten wie beispielsweise einen der ältesten Wandteppiche Europas aus dem 11. Jahrhundert, ein Apokalypse-Manuskript (Kopie vom Beato de Liébana) aus dem 10. Jahrhundert (eines der kostbarsten Bücher Spaniens) und einen steinernen Thron, auf dem angeblich Karl der Große während seines kurzen Ausflugs über die Pyrenäen gesessen haben soll, beflügelt von dem Gedanken, die Araber aus Katalonien zu vertreiben.

 

Ende des 9. Jahrhunderts wurden die Araber endgültig aus dem Norden Kataloniens zurückgedrängt und die romanische Kunst und Architektur hielten Einzug in katalanische Städte. Unweit der Kathedrale, im äußersten Norden direkt an der Stadtmauer gelegen, erhebt sich das schönste romanische Bauwerk von Girona: die um 1130 errichtete Benediktinerabtei Sant Pere de Galligants. Bemerkenswert ist der kunstvolle Glockenturm mit seinen Arkadengeschossen und das Hauptportal mit großer Fensterrose und exquisiten „Monstern“ über dem Torbogen, die böse Geister und Sünder erschrecken sollten. Heute ist in der Klosterkirche das Archäologische Museum der Stadt untergebracht.

Nur ein paar Straßen weiter erhebt sich ein weiterer spektakulärer Turm aus dem Gassengewirr: die gotische Kirche Sant Feliu, von der die Einwohner Gironas – sofern sie fromm sind – sagen, sie sei heiliger als die Kathedrale. Vielleicht weil sie die letzte Ruhestätte für viele angesehene Patrizier der Stadt ist, die sich im Mittelalter hier bestatten ließen und über deren wappenverzierte Grabplatten man fast mit jedem Schritt durch diese Kirche läuft.

Der spitze, hoch emporragende Turm von Sant Feliu ist wohl einmalig, denn er sieht aus wie „geköpft“. Im Jahre 1581 wurde er von einem Blitz getroffen und seitdem fehlt die damals verbrannte Turmspitze.

Neben Sant Feliu kann man durch ein finsteres Tor schreiten und gelangt in den sogenannten „Call“, das mittelalterliche Judenviertel von Girona. Im Laufe der über 2000-jährigen Geschichte der Stadt spielte die jüdische Gemeinde Jahrhunderte lang eine Hauptrolle und trug dazu bei, Girona in einen blühenden Handelsplatz zu verwandeln. Bis im Jahre 1392 – genau 100 Jahre vor der offiziellen Ausweisung der Juden aus Spanien durch die Katholischen Könige – ein grausames Progrom der Judería von Girona ein Ende bereitete: die Bewohner des Judenviertels wurden ermordet oder vertrieben.

 

Durch die engen, finsteren Gassen, in denen sich diese furchtbaren Szenen abgespielt haben, kann man heute noch gehen.

Am Rande des Call liegt eine der interessantesten Sehenswürdigkeiten von Girona: die so genannten „Arabischen Bäder“. Der Name ist allerdings irreführend, denn diese Bäder können gar nicht arabisch sein, da sie erst um 1150 erbaut wurden, während die Araber schon im 9. Jahrhundert aus Girona weichen mussten. Der Baustil dieser Anlage, die wohl das älteste öffentliche Bad Europas ist, zeigt allerdings deutlich arabisch inspirierte Mudéjarelemente.

Gegenüber den Arabischen Bädern führt eine Treppe unterhalb der Kathedrale vorbei zum Passeig de la Muralla: entlang der alten Stadtmauer verläuft dieser schön angelegte Spazierweg, den man auf jeden Fall einschlagen sollte, wenn man ein paar Stunden Zeit mitbringt. Man wird belohnt mit sehr schönen Ansichten der Altstadt-Monumente, ein paar römischen Mauerresten und blühenden Parkanlagen, die besonders in der Sommerhitze Schatten spenden. Außerdem führen von dieser grünen Flaniermeile mehrere schöne und gut ausgeschilderte Wanderwege in die Umgebung von Girona.

Egal, ob man sich für eine längere Wanderung oder nur für die „kleine Runde“ um die Stadtmauer entscheidet: man sollte einen Tag in Girona auf jeden Fall ausklingen lassen mit einem Tapas – Abendessen auf der Rambla Llibertat, die parallel zum Ufer des Onyar verläuft – am besten im „L`Arcada“ oder auf dem Rathaus-Platz.

Wenn man das Treiben auf den Straßen und Plätzen der Altstadt Gironas betrachtet, kommt einem die Stadt wie ein großes Wohnzimmer unter freien Himmel vor.

 

Und das macht Girona, abgesehen von seiner architektonischen Harmonie, so sympathisch: diese menschlichen Dimensionen – nichts ist zu groß geraten – und das gemütliche Tempo, in dem das Leben hier in mediterraner Gelassenheit dahin plätschert.