Print

Posted in:

Spanien: Auf dem Jakobsweg mit Don Carmelo und Cayetana (8)

Achte Etappe: Zwei Kirchenwunder in der Provinz - Los Arcos und Torres del Río

24. August 2012. Aus dem Tiefschlaf aufgeschreckt starre ich ins Dunkel und muss ein paar Sekunden lang überlegen, wo ich überhaupt bin. Geräuschvolle Schatten um mich herum, sie flüstern, klappern und packen. Ich bin im Massen-Schlafsaal der Pilgerherberge von Estella.

camino-de-santiago-8550

Cayetana und ich hatten beide keine Steckdose zum Handy-Aufladen gefunden und haben deshalb keine Ahnung, wie spät es jetzt ist. Der Dunkelheit zum Trotz fährt ein halbes Dutzend Frühaufsteh-Pilger fortgeschrittenen Alters unbeirrt fort, mit rücksichtslosem Rucksackrascheln und Skistock-Geklapper den ganzen Schlafsaal aufzuwecken, frei nach dem Motto: Wir brechen auf – ihr wacht auf!

Jetzt schnallen sie sich sogar Grubenlampen auf die Stirn und bieten den Ausdemschlafgerissenen eine bizarre Lightshow. Und sie unterhalten sich im Kommandoton und ungenierter Lautstärke: natürlich in Deutsch mit deutlich alpenländischem Akzent! Cayetana schaut aus ihrem Hochbett verschlafen zu mir herab und fragt mich, ob die mit den Taschenlampen Einbrecher seien. Ihre zweite Frage gilt der Uhrzeit und bleibt unbeantwortet. Fakt ist, wir sind nun wach und können nicht mehr einschlafen. Also rüsten auch wir zum Aufbruch, allerdings im Flüsterton und bemüht, die wenigen, die von den Skistock-Opas nicht aus dem Reich der Träume gerissen wurden, dort zu belassen.

Unausgeschlafen stolpern wir aus der Herberge in die Nacht und dass meine andalusische Begleiterin in dieser Situation nicht die beste Laune hat, ist verständlich. Wir kommen an einer Apotheke vorbei und erspähen endlich eine Uhr: 5.20 (!) Wir blicken uns einigermaßen entsetzt an. „Das war ja wieder klar – die Deutschen müssen zuerst halb Europa aufwecken, um dann halbblind mit Bergwerksleuchten durchs Dunkel zu tapsen!“, macht eine unausgeschlafene Cayetana ihrer spanischen Wut Luft. Ich bitte sie, jetzt keine Vorurteile von Disziplin und Frühaufstehern zu bemühen und gebe außerdem zu bedenken, dass unser rabiates Weckpersonal eher aus Österreichern bestand. „Aber das sind doch die deutschesten Deutschen!“, bemerkt Cayetana und kann sich kaum beruhigen. Ich selbst bin auch ein wenig ungehalten über diese Grubenlampen-Fraktion, deren Lichter einen halben Kilometer vor uns durch die Finsternis irren.

Es macht keinen Sinn, derart früh aufzubrechen: man sieht nichts von der Landschaft, kann keine Fotos machen und die Gefahr, in der Dunkelheit einen der als Wegweiser dienenden gelben Pfeile zu übersehen, ist hoch. „Und sie erschrecken die Hunde!“, beklagt Cayetana. In der Tat werden wir bei der Ankunft am Kloster Irache von wütendem Hundegebell begrüßt. Und es ist zu dunkel, um Fotos zu machen. Das Blitzlicht-Foto vom berühmten Weinbrunnen des Klosters, an dem jeder Pilger sich gratis Rotwein abzapfen kann, will nicht gelingen. Während ich mir ein Fläschchen zum späteren Genuss abfülle, trinkt Cayetana ihren Wein sofort. Ich weise sie darauf hin, dass wir uns zeitlich noch vor Sonnenaufgang befinden. Sie kontert: „Ja genau, mein Englischlehrer hat immer gesagt: No alcohol before sunset – aber jetzt ist total danach!“

Der Wein wird uns sowieso den ganzen Tag begleiten, denn im Süden Navarras ist er das wichtigste landwirtschaftliche Produkt und wir marschieren stundenlang durch Weinfelder. Als endlich die Sonne aufgeht und die Österreicher ihre Grubenlampen wegpacken können, nähern wir uns dem kegelförmigen Hügel mit Burgruine, unter dem das romantische Dorf Villamayor de Monjardín die Pilger mit schöner Aussicht und einer hübschen Dorfkirche erwartet. Und auch dieser Ort ist umgeben von Weinreben, soweit das Auge reicht.

Nach dem Aufstieg müssen wir zuerst am Dorfbrunnen unsere Wasservorräte auffüllen, bevor wir die Aussicht genießen und dann weiter nach Westen Richtung Los Arcos marschieren. Hinter Monjardín wird die Landschaft trockener und eintöniger. Statt üppiger Weinberge dominieren hier vorübergehend graugelbe, abgeerntete Kornfelder mit turmhoch aufgeschichteten Strohballen und statt romantischer Burgruinen grüßen nun Armeen von Windrädern von den Bergrücken. Lang und ereignislos zieht sich der Camino durch diese Kornfeldsteppe mit weiten Horizonten. Wenn die Umgebung mit visuellen Reizen geizt, schaltet man irgendwie ab, versinkt in den meditativen Rhythmus gleichmäßigen Gehens und wandert irgendwann wie in Trance. Ein langes Schweigen brechend, frage ich meine Begleiterin: „An was hast Du gerade gedacht?“ – „An nichts! Und Du?“ – „Ebenso.“ Erstaunlich!

Es ist erst 11 Uhr, als wir Los Arcos erreichen und ich hatte Cayetana eine echte Barockkirche (im Nordosten Spaniens eine Seltenheit) versprochen, die ihren andalusischen Geschmack treffen würde. Die Kirche Santa María Asunción (St. Maria Himmelfahrt) ist äußerlich ein Bau der Renaissance: monumental für eine Dorfkirche, mit platereskem Portal, achteckiger Kuppel und einem majestätischen, sehr schönen Turm. Aber sie ist geschlossen! Auf den Schock müssen wir den ersten Kaffee des Tages trinken, begleitet von einem Schoko-Croissant und der vagen Hoffnung, dass dieses spektakuläre Gotteshaus seine Pforten doch noch öffnen möge.

Und das Wunder geschieht. Als wir schon enttäuscht wieder losziehen wollen, sehen wir, wie das Portal von zwei resoluten Großmüttern geöffnet wird. Wir treten ein und verlieren uns in der barocken Bilderwelt dieser fast andalusisch wirkenden Kirche. Hier wurde kein Zentimeter ohne Schmuck belassen.

Zahlreiche Hochaltäre, vor allem die goldstrahlende Wand des Hauptaltars mit ihrem Gewimmel von Skulpturen, bunte Fresken an den Deckengewölben, tanzende Englein in der Kuppel. Cayetana steht entzückt vor einer Statue des Santiago mit Pilgerstab, während ich fasziniert einen schönen Altar mit spätgotischen Gemälden betrachte. Und die beiden Schlüssel-Omas, die uns das Tor zu diesem Paradies geöffnet haben, sitzen tuschelnd und sich Luft zu fächelnd auf einer Kirchenbank und beobachten mit Stolz unsere Begeisterung über ihre Dorfkirche, die eher wie eine Kathedrale wirkt.

Spontan beschließen wir, uns bei den beiden zu bedanken, aber nicht mit schnödem Geld. Uns kommt eine bessere Idee. Als leidenschaftliche Anhänger der Semana Santa von Sevilla haben wir ganze Päckchen von „estampitas“ (kleine Madonnen- bzw. Christusbildchen, denen magische Wirkung zugeschrieben wird) dabei. Und auch in Nordspanien sind diese Mini-Ikonen der religiösen Bruderschaften Sevillas oft heiß begehrt, denn die Macarena-Madonna und andere Prozessions-Kunstwerke sind nationale Berühmtheiten. Also hole ich ein kleines Macarena-Foto hervor und überreiche es einer der beiden Wächterinnen mit dem Wunsch, es solle sie beschützen und ihr Glück bringen. Cayetana überreicht mit einem ähnlichen Spruch ein Foto des Christus von Triana. Die Reaktion ist überwältigend, selten wurden mit einem so kleinen Geschenk so viele Emotionen ausgelöst. Die Empfängerinnen sind begeistert, natürlich kennen sie die Macarena-Prozession und auch die von Triana aus dem Fernsehen und nun vergleichen sie die beiden Segen bringenden Bildchen und beginnen schon zu diskutieren, welches schöner ist.

Cayetana überreicht mit einem ähnlichen Spruch ein Foto des Christus von Triana. Die Reaktion ist überwältigend, selten wurden mit einem so kleinen Geschenk so viele Emotionen ausgelöst. Die Empfängerinnen sind begeistert, natürlich kennen sie die Macarena-Prozession und auch die von Triana aus dem Fernsehen und nun vergleichen sie die beiden Segen bringenden Bildchen und beginnen schon zu diskutieren, welches schöner ist.

Wir überlassen die beiden alten Damen ihrem entzückenden Estampita-Vergleich und wenden uns dem Kreuzgang der Kirche zu. Durch die gotischen Bögen hat man einen besonders schönen Blick auf den Kirchturm und Cayetana entdeckt am Deckengewölbe ein rätselhaftes Detail: eine Sonne (oder Vollmond?), von einem Halbmond umfasst. Was dies bedeuten soll, können uns auch unsere beiden wackeren Kirchenhüterinnen nicht erklären, von denen wir uns nun herzlich verabschieden.

Nach dem Bilder-Paradies erwartet uns draußen die Hölle – staubgrau führt der scheinbar endlose Weg durch die Hitze flimmernde Ebene Richtung Sansol. Es ist zwar relativ bewölkt, die Sonne brennt weniger gnadenlos, aber die schwüle Luft scheint ein nahendes Gewitter anzukündigen. Der Kirchturm am Horizont wirkt nah, doch es ist ein quälender Marsch bis Torres del Río. Unterwegs passieren wir ein Schild, auf dem ein Pilger folgende Inschrift hinterlassen hat: „El Planeta es nuestro“ (der Planet gehört uns!). „Sowieso!“ kommentiert Cayetana selbstbewusst und marschiert mit letzter Kraft weiter. Drei Ewigkeiten später haben wir den Hügel erklommen, auf dem das romantische Dorf Torres del Río liegt, das in den letzten Jahren durch seine Beliebtheit bei den Jakobspilgern einen großen wirtschaftlichen Aufschwung erfahren hat. Wir klingeln an der Pilgerherberge Casa Mari, die längst nur mehr eine von vielen ist. Es ist Siesta und wir haben nach diesem Gewaltmarsch nichts dagegen, diese mit einem kurzen Mittagsschlaf zu ehren.

Später dann nähern wir uns voller Erwartung dem zweiten Kirchenwunder im Süden Navarras: der Kirche vom Heiligen Grab – Santo Sepulcro. Davor sitzt wieder eine betagte „Herrin der Schlüssel“, die gegen 1 Euro für jeden die Kirchentür aufschließt. Sie befindet sich in angeregter Unterhaltung mit einer jungen Pilgergruppe, die aussieht wie Hippies der Flower Power Generation. Offenbar verweilen sie schon länger hier in diesem Ort, denn sie kennen sich erstaunlich gut aus und scheinen kein besonderes Interesse daran zu haben, überhaupt in Santiago anzukommen. Einer von ihnen hat der Schlüssel-Oma, deren Alter ich auf knapp 80 schätzen würde, aus der Bar gegenüber ein Glas Cuba Libre mitgebracht. Sehr skeptisch beäugt die alte Dame das Getränk und meint, bei Rotwein wüsste sie ja, auf was sie sich einließe, aber dieses dunkle Gemisch sei ihr nicht geheuer. Der junge Hippie redet ihr zu, versucht sie zu überzeugen. In diesem Moment stellen wir zaghaft die Frage nach dem Schlüssel.

Wir treten ein in den kühlen, dämmrigen Sakralraum und sind sofort umgeben und erfüllt von absoluter Stille. Santo Sepulcro wurde wahrscheinlich wie die Kapelle von Eunate im frühen 12. Jahrhundert als Grabkirche von den Tempelrittern am Camino erbaut – daher erklärt sich die Ähnlichkeit beider Kirchen. Auch hier stehen wir staunend in einem achteckigen Zentralbau mit achteckiger Kuppel und kleinen Fenstern. Auch hier wie in Eunate – und ganz im Gegensatz zur bunten Kirche von Los Arcos – herrscht Architektur pur, fast ohne Dekoration. Einziger Schmuck sind interessante Kapitelle und eine kleine romanische Christusskulptur.

Allerdings ist Santo Sepulcro deutlich höher und monumentaler als Eunate. Und rein architektonisch betrachtet, stehen wir hier in einer Moschee. Der achteckige Stern der Kuppel über uns mit ihren sich überkreuzenden Rippen wurde zweifellos von der Mihrabkuppel der Großen Moschee von Córdoba inspiriert und möglicherweise sogar von muslimischen Baumeistern in christlichem Auftrag ausgeführt. Die steinernen, filigranen Fenstergitter sind ebenfalls in arabischem Stil und tauchen den ganzen Sakralraum in ein gefiltertes und geheimnisvolles Licht. Cayetana hat sich auf einer Bank nieder gelassen und starrt Minuten lang bewegungslos in diese maurische Sternenkuppel. Diesmal weint sie nicht, aber ihr Anblick ist viel dramatischer. Sie sieht aus wie eine Statue, als habe ihre Seele den Körper verlassen, irgendwo schwebend im Kuppelgewölbe. Ich bin so fasziniert von ihrer unerwarteten Ergriffenheit, dass ich mich kaum auf meine eigene Meditation konzentrieren kann. Wir müssen sehr lange in diesem mystischen Zustand versunken sein, als plötzlich von draußen die alte Herrin der Schlüssel besorgt herein ruft: „Geht es euch gut? Braucht ihr noch lange? Ihr müsst nämlich wissen: meine Enkel warten auf mich…“

Als wir hinaus ins Abendlicht treten, ist das Cuba Libre Glas in der Hand der alten Dame fast leer und sie selbst erfreut sich bester Stimmung. Nachdem wir uns bedankt haben, hören wir noch, wie der Hippie, der gerade seinen Joint zu Ende raucht, sie für ihren Mut lobt, in ihrem Alter den ungewohnten Longdrink auszuprobieren. Beim Sonnenuntergang auf der Terrasse sitzend, murmelt Cayetana – ich weiß nicht, ob an mich gerichtet oder nur zu sich selbst: „In dieser Kirche muss einfach jeder beten, sogar wenn er an gar nichts glaubt.“ Und ich würde hinzufügen: in Santo Sepulcro, dieser Moschee-Kirche, könnten Christen und Muslime gemeinsam beten.

 

Tipps und Links:

http://es.wikipedia.org/wiki/Los_Arcos
www.turismonavarra.es
www.arteguias.com/iglesia/torresdelrio.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Torres_del_Rio

Etappe Estella über Los Arcos nach Torres del Río: 30 Km

Unterkunft in Los Arcos:
Private Pilgerherberge „La Fuente – Casa de Austria“, Travesía del Estanco, Tel. 948-640797: sehr stimmungsvoll (von der Decke strahlt eine Nachbildung der Milchstraße – des Sternenwegs) und komplett: Küche, Waschmaschine, Trockner, Internet, Getränkeautomat. Übernachtung 8 Euro.

Verpflegung in Los Arcos:
Auf dem Kirchplatz bieten mehrere Restaurants mittags und abends Pilger- Menüs für 10-12 Euro an

Unterkunft in Torres del Río:
Private Pilgerherberge Casa Mari, C. Casas Nuevas 13, Tel. 948-648409: empfehlenswert, klein und gemütlich, schöne Terrasse, Waschmaschine, Getränkeverkauf, freundliche Herbergsmutter. Übernachtung 8 Euro

Private Pilgerherberge „La Pata de Oca“, Calle Mayor 5, Tel. 948-378457: Luxusausgabe einer Herberge: neu und groß, mit Schwimmbad und Terrasse, Waschmaschine und Trockner, Restaurant. Übernachtung 10 Euro

Verpflegung in Torres del Río:
Empfehlenswert: Restaurant der Herberge „La Pata de Oca“ (siehe oben): Pilgermenü 12 Euro

Kirchen:
Kloster Santa María de Irache (Weinbrunnen!), ca. 3 Km hinter Estella, geöffnet: Mi. – So. 9.00 – 13.30 und 17.00 – 19.00 Uhr, Di. nur vormittags 9.00 – 13.30, Mo. geschlossen
Iglesia de San Andrés, Villamayor de Monjardín: im Ortszentrum, geöffnet: täglich 8.00 – 20.00
Iglesia Santa María, Los Arcos: geöffnet: nur vor und nach den Messen ca. 12.00 – 14.00 und 18.00 – 20.00, evtl. hat man Glück und es wird auch zwischendurch aufgeschlossen
Iglesia del Santo Sepulcro, Torres del Río, geöffnet täglich 9.00 – 13.00 und 16.30 – 19.00 Uhr, Eintritt: 1 Euro