Print

Posted in:

Sierra Morena: Schlemmen und Meditieren

Ein kulinarischer Pilgerpfad zum Felsen des Arias Montano in Alájar

In Sevilla steigt das Thermometer auf 45° Grad im Schatten, doch die Lust, sich mit dem Auto in die Blechlawine einzureihen, die gen Westen zum Strand rollt, ist sehr gering. Da schlägt meine Freundin Carmen eine goldrichtige Alternative vor. Dabei nutzt sie natürlich auch ihr Wissen um meine Schwächen: spanische Mystik und spanische Gaumenfreuden. Lächelnd wie eine Märchenfee verkündet sie theatralisch: „Ich führe Dich zu einem geheimen Ort und verspreche Dir dort drei Dinge. Abkühlung, mystische Erbauung und eine leckere Belohnung!“ Nachdem wir Sevilla Richtung Nordwesten verlassen haben, verrät sie mir, wohin es gehen soll. „Wir fahren nach Alájar, zum Felsen des Einsiedlers Arias Montano“.

Während wir gemütlich über die fast leere Straße durch Olivenhaine bergauf rollen, erzählt mir Carmen von Benito Arias Montano.

Er war einer der größten christlichen Gelehrten des 16. Jh. (1527 – 1598), Mönch, Theologe und Bibelforscher., schrieb mystische Gedichte auf Latein und war ein Sprachgenie, weshalb er auch mit der Übersetzung und Herausgabe der ersten viersprachigen Bibel (1576 in Antwerpen) beauftragt wurde. König Philipp II bestimmte ihn zu einem seiner Beichtväter.

In dessen Auftrag organisierte er Bibliothek des Escorial und gehörte als einer der Abgeordneten zur spanischen Delegation beim Konzil von Trient.

Da er somit einer der berühmtesten Söhne der Region ist, streiten sich gut ein Dutzend Dörfer hier in der Sierra um die Ehre, Geburtsort von Arias Montano zu sein. In einen dieser Orte kehrte er nach großen Erfolgen in Literatur und Theologie zurück: nach Alájar. Auf dem Felsen, der hoch über dem Dorf thront, suchte er als Eremit die Einsamkeit der Natur, Inspirationen, und wahrscheinlich auch Ruhe vor den Intrigen am Königshof. Aber Arias Montano widmete sich auch irdischen Dingen, von denen diese Gegend noch heute profitiert. Carmen erklärt mir, dass er als Naturforscher seltene Pflanzen sammelte und viele Hänge dieser schönen Bergwelt mit Kastanienbäumen aufforsten ließ, die heute Schatten und Abkühlung spenden.

Mittlerweile sind wir fast angekommen. Nur eine Autostunde von der Gluthitze Sevillas oder den Stränden der Algarve entfernt, befinden wir uns fast 1000 Meter über dem Meeresspiegel und atmen kräuterduftende Bergluft. Direkt unterhalb des Felsens gibt es einen kleinen Parkplatz, so dass den Besuchern kein allzu anstrengender Aufstieg zugemutet wird. Die Tagestouristen, die vor allem an Wochenenden den Weg hierhin finden, suchen bei ihrem kurzen Rendezvous mit der Einsamkeit letztlich das Gleiche wie Arias Montano (nur vor Hofintrigen müssen sie in der Regel nicht mehr flüchten).

Bald stehen wir vor der Kapelle, die man zu Ehren des Einsiedlers auf dem Gipfel errichtet hat. Im Gegensatz zu der originellen Glockenwand „Espadaña“, die isoliert daneben steht, ist das Kirchlein nicht wirklich sehenswert.

Das ist auch gar nicht notwendig, denn die Aussicht, die sich hinter der Glockenwand offenbart, ist grandios und kaum eine Kirche könnte mit diesem Anblick konkurrieren. Zwischen uralten Steineichen öffnet sich ein stilles, scheinbar grenzenloses Meer von Bergwäldern aus Korkeichen, Pinien und Kastanien. Die Natur selbst wird hier zum grünen Gotteshaus. Die Landschaft der Sierra de Aracena im äußersten Nordwesten Andalusiens gehört auch heute noch zu den einsamsten und schönsten Europas und ist vielleicht das „letzte Arkadien“.

Aber schon damals war die Ruhe hier nicht so vollkommen wie erhofft. Es sind Briefe überliefert, in denen sich der Eremit Arias Montano beklagt über lästige „Fan-Besuche“ von Anhängern, die ihn als Heiligen verehrten. Neben der Kapelle erinnert ein weiteres von Menschenhand geschaffenes Monument an den Besuch seines wohl prominentesten Bewunderers:

König Philipp II. besuchte seinen Beichtvater in diesem entlegenen Winkel seines Reiches. Zum Andenken an den königlichen Besuch errichtete man eine Pyramide. Das Caiman-Publikum sollte sich darunter aber bitte nichts Ägyptisch-Monumentales vorstellen. Dieses jämmerliche Denkmal ist eher ein plumpes Türmchen, das den Betrachter kaum überragt, und entbehrt nicht ganz der Lächerlichkeit. Ohne den Text auf der Gedenktafel wüsste man gar nicht, wozu es überhaupt aufgestellt wurde.

Die Einsamkeit Suchenden des 21. Jh. lassen nach einer kurzen mystischen Meditation neben der Espadaña schnell die Kirche, Philipps-Pyramide und ein halbes Dutzend Spezialitäten-Geschäfte hinter sich. Denn die Umgebung lockt mit sehr schönen Wanderwegen durch lichte Wälder und lädt zum Kräutersammeln ein. Besonders Rosmarin findet man in gewaltigen Mengen.

Auf einer Wiese entdeckt Carmen plötzlich eine Herde von auffallend dunklen, gemütlich grunzenden Schweinen und erklärt feierlich: „Da laufen die teuersten und leckersten Schinken der Welt!“ Jamón de Pata Negra – der Schinken der Schwarzfußschweine ist in der Tat ein exquisites Produkt der westlichen Sierra Morena und so kultig, dass sich sogar schon andalusische Rockgruppen nach ihm benannt haben.

Und die Schweine, die ihn liefern, gehören in dieser garantiert tiermehlfreien Zone zu den glücklichsten Schweinen der Welt, denn sie laufen das ganze Jahr über frei herum und fressen kalorienreiche Eicheln, um danach unter den Eichen zu dösen. Ein stressfreieres Leben ist kaum vorstellbar – bis zum Schlachttag.

Als es Abend wird und wir wieder auf dem Felsen des Arias Montano ankommen, sage ich zu Carmen: „Abkühlung und mystische Erbauung haben wir gefunden – aber was ist mit der „leckeren Belohnung?“ „Natürlich gehen wir gleich noch Jamón de Pata Negra essen, aber heute gibt es den Nachtisch zuerst. Zielstrebig steuert sie auf den mittleren der Läden zu, die neben der Kapelle Spezialitäten anbieten. Neben dem allgegenwärtigen Schinken gibt es Mandelsüßigkeiten, Marmeladen und mindestens 20 verschieden Honigsorten. Besonders zu empfehlen sind der goldgelbe, cremige Lavendelhonig (Miel de Espliego) und der würzige, fast schwarze Steineichenhonig (Miel de Encina), die meist in Kilogläsern angeboten werden. Natürlich darf man auch alles probieren. Angepriesen wird auch – als „geheimnisvolle Waffe gegen das Altern“ – Jalea Real („Gelée Royale“). Bei dieser nicht ganz billigen gelbweißen Substanz handelt es sich um die Nahrung der Bienenköniginnen, die damit immerhin 40 Mal älter werden als eine gewöhnliche Biene. Dieser „Wunder-Gelee“ schmeckt übrigens wirklich scheußlich.

Nachdem wir einige Kilo Honig gekauft und mindestens 12 Sorten probiert haben, hat uns auf dem Weg zu den obligatorischen Tapas de Jamón fast der Appetit verlassen.

alajar6
Caiman-Autor auf dem Weg zu Tapas de Jamón

Als auf der nächtlichen Rückfahrt die bizarren Schatten der Korkeichen und schlummernde Rudel von Schwarzfußschweinen an uns vorbeigleiten, lassen wir dieses spanische Arkadien langsam hinter uns. Und bringen etwas Wertvolleres mit als Lavendelhonig: die Vision (oder zumindest Illusion) einer perfekten Idylle, in der die Harmonie von Mensch und Natur noch (fast) ungestört scheint. Die besondere Stimmung dieses heiligen Ortes haben wir auch dem weisen Einsiedler Arias Montano zu verdanken, der hier versucht hat, ein kleines Paradies zu schaffen. Und so zuletzt der Caiman-Aufruf an unseren mit Heiligsprechungen aller Art nicht gerade knauserigen Papst Johannes Paul II., den großen Theologen Benito Arias Montano endlich heilig zu sprechen! (Dann könnte man all die Schinken, Honiggläser und Mandelkuchen mit dem Siegel des Heiligen versehen und ein paar Euro teurer verkaufen.)