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Schwimmende Inseln und der Alltag der Uros-Nachfahren

Es ist acht Uhr früh. Die ersten Ausflugsboote erscheinen am Horizont. Auf zahlreichen Schilfinseln stehen Frauen in farbenfroher Tracht. Sie winken den nahenden Touristen zu, hoffen und bangen gleichzeitig. Es werden nur ein paar der Inseln von den Booten angefahren. Weißhäutige Besucher in funktional-moderner Outdoor-Kleidung steigen aus und fotografieren. Schnell werfen die Fremden einen Blick in Wohnhäuser und auf Kunsthandwerk. Manche kaufen eine getöpferte Vase, eine bestickte Tasche oder ein Mobile aus Schilf. Kaum sind sie da, treibt der Tour-Führer die Touristen zur Eile an. Eine Stunde ist für den Besuch zweier schwimmender Inseln der Uros-Nachfahren eingeplant, dann ziehen die Ausflugsboote weiter zu anderen Zielen im Titicaca-See. Auf den Uros-Inseln kehrt für 23 Stunden Ruhe ein. Am nächsten Tag um acht Uhr früh werden die nächsten Touristen kommen und mit ihnen die Hoffnung der Inselbewohner, für ihre Souvenirs und fürs Fotografiert werden etwas Geld zu erhalten.

Die schwimmenden Inseln liegen 30 Bootsminuten von Punos Hafen entfernt und gehören zu den wichtigsten Touristenattraktionen Perus. Zum Schutz vor den kriegerischen Inka begannen die Uros vor Jahrhunderten, Inseln aus Totora-Schilf im Titicaca-See zu bauen und auf diesen ein autarkes Leben zu führen. Zwar gibt es heute keine reinrassigen Uros mehr. Es leben aber noch immer 1.800 Uro-Aymara-Mischlinge auf 64 künstlich angelegten Eilanden. Sich selbst nennen sie Kotsuñis, Seemenschen.

„Unsere Lebensweise ist einzigartig auf der Welt. Deshalb finde ich es wichtig, dass Touristen kommen und sie kennenlernen“, erzählt Cristina. Von der Tourismusart, die sich auf den Uros-Inseln entwickelt hat, ist sie allerdings nicht begeistert. „Fotografieren und schnell gucken ist alles, was die Fremden machen. Geld verdienen vor allem die Tour-Anbieter in Puno. Bei uns bleibt kaum etwas hängen. Es ist nicht eingeplant, dass die Touristen bei uns essen, übernachten und tatsächlich etwas über unseren Alltag erfahren“, so die quirlige Uro-Aymara-Indígena.

Vor acht Jahren hat Cristina zufällig ein holländisches Paar kennengelernt, das unbedingt auf einer Schilfinsel schlafen wollte. Sie stellte ihr Haus zur Verfügung und malte sich aus, wie es wäre, Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen auf den Uros-Inseln anzubieten. Aber außer ihrer Familie konnte sie niemanden aus der Dorfgemeinschaft von der Idee begeistern. Und so war sie die einzige, die an einem Seminar für Kommunalen Tourismus auf dem Festland teilgenommen hat. Die Themen Küche, Ausflüge und Fremdenverkehr wurden behandelt. „Dort habe ich gelernt, dass Touristen einen empfindlichen Magen haben, mit Besteck essen, auf Hygiene großen Wert legen und man vor ihnen keine Angst haben muss“, berichtet Cristina lachend. Mehrmals kam eine Ausbilderin auf die Isla Q´hantati, die Schilfinsel, auf der Cristina mit ihrer Großfamilie lebt. Gemeinsam wurden Ideen entwickelt, wie sich authentischer Inselalltag und ein touristischer Mindeststandard verbinden lassen.

Wenngleich die Moderne in Form von Solarzellen, Handys und Fernseher Einzug gehalten hat, ist das Leben der Uros-Nachfahren entbehrungsreich und hart. Drei bis sieben Familien wohnen zusammen auf einer Insel, die sie aus Totora-Wurzeln und Totora-Halmen selbst bauen. Weil die Inseln auf der Unterseite verrotten, müssen oben immer wieder neue Schilfschichten nachgelegt werden. Im Stile ihrer eigenen Wohnhäuser hat Cristinas Familie auf der Isla Q´hantati zehn Schilfhütten für Touristen errichtet. Diese bieten Schutz vor den eisigen Temperaturen, die auf 3.800 Meter Höhe des Nachts unter den Gefrierpunkt sinken. Morgens nehmen Ehemann Vilca und Schwager Wilbert die Besucher in ihren Schilfbooten mit zu den Totorales, den berühmten Schilfgebieten des Titicaca-Sees. Hier leben unzählige Fische und Vögel, die die Uro-Aymara-Indígenas jagen und essen oder auf lokalen Märkten auf dem Festland gegen Getreide und Gemüse eintauschen.

Während die Männer ihren Tätigkeiten auf dem See nachgehen, kümmern sich die Frauen zu Hause um Kinder, Wäsche und Essenszubereitung. Sie machen mit getrocknetem Schilf Feuer und kochen darüber in Tontöpfen Andenkärpflinge, Wasserhühner, Quinoa und Kartoffeln. Auf Anraten der Ausbilderin hat Cristina das Menü für ihre ausländischen Gäste um Pommes Frites, Joghurt und Omelette erweitert. Außerdem richtet sie die Speisen dekorativ auf weißen Tellern an. Das hat sie in einem Fünf-Sterne-Hotel gesehen, als sie dort einen Tag hospitieren durfte.

Wenn nicht gerade zwischen acht und neun Uhr früh die Ausflugsboote die Uros-Inseln ansteuern, kann man auf der Isla Q´hantati richtig gut relaxen. Die Höhensonne wärmt den weichen Schilfboden, so dass man sich überall hinlegen und dem leichten Schaukeln der Insel hingeben kann. Dass sie wegschwimmt muss man nicht befürchten, denn jede Insel ist zwölf Mal im Seeboden verankert. Abwechslung bietet der Aussichtsturm mit seinem wunderbaren Blick über den strahlend blauen Titicaca-See. Kinder fahren in kleinen Booten von der Schulinsel nach Hause. Ihren Weg kreuzt das Supermarktboot, das die Inselbewohner mit dem Nötigsten versorgt. „Wir haben hier fast alles, was man zum Leben braucht. Jeden zweiten Tag kommt ein Arzt auf die Arztinsel und es gibt ein Müllboot, das den Abfall zum Festland fährt. Ein großes Problem existiert allerdings. Auf den Uros-Inseln fehlen Trinkwasser und sanitäre Anlagen“, berichtet Cristina sorgenvoll. Für die Touristen jedoch war schnell eine Lösung des Wasserproblems gefunden. Diesen stehen auf der Isla Q´hantati zwei Toilettenkabinen und ein Wasserspender zur Verfügung. Den befüllt Tochter Maribel morgens und abends mit wohltuendem, heißem Wasser und gekocht wird mit Mineralwasser aus PET-Flaschen.

Für ihren neuen Ansatz im Tourismus der Uros-Inseln erhielt Cristina im Jahr 2011 vom peruanischen Tourismusministerium und der Universidad del Pacífico den INNOVA-TRC-Preis. Das ist eine Auszeichnung für innovativen und hochwertigen Kommunalen Tourismus. Nach der Preisverleihung besuchte sogar der Tourismusminister die Isla Q´hantati und gratulierte Crisitina persönlich. Die hat die Gelegenheit genutzt und dem wichtigen Mann aus Lima ihren größten Wunsch mit auf den Weg in den Regierungspalast gegeben: Trinkwasser und ein Abwasserkanalsystem für alle Uros-Inseln.

Fotos: Jutta Ulmer / Michael Wolfsteiner

Written by Dr. Ulmer, Dr. Wolfsteiner

Dr. Ulmer, Dr. Wolfsteiner

lobOlmo setzt sich aus den beiden spanischen Wörtern lobo (Wolf) und olmo (Ulme) zusammen. lobOlmo, das sind wir: Michael Wolfsteiner und Jutta Ulmer. Wir sind freie Fotografen und Journalisten. Website: lobOlmo.de

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