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Schulfunk in Guatemala – Mathe via Radio

Pünktlich um 18.00 sitzt Melisa mit aufgeschlagenem Schulbuch in der ärmlichen Hütte ihrer Familie. Ein gackerndes Huhn macht es sich unter ihrem wackeligen Schreibtisch bequem. Melissa achtet nicht darauf. Konzentriert wartet die 14-jährige, dass Radio Asunción 92,3 FM ankündigt: „Bienvenidos a nuestro programma el maestro en casa.“ Das tragbare Radio knackt und rauscht. Aufmerksam beginnt Melisa die Lektion in ihrem Mathematikbuch mitzulesen. Überall in der Region Tacaná sitzen jetzt Schüler vor ihren Radiogeräten und lernen die Begriffe „Radius“ und „Durchmesser“, denn das Programm „Der Lehrer im Haus“ ist für 243 Kinder und Jugendliche die einzige Möglichkeit, in ihren abgelegenen Dörfern einen Schulabschluss zu machen, der über die Grundschule hinausgeht.

Seit zwei Jahrzehnten gibt es das Radioschulprogramm IGER (Instituto Guatemalteco de Educación Radiofónica) in Guatemala, doch in die Region in den Bergen kurz vor der Grenze zu Mexiko kam es erst vor drei Jahren, denn dies ist eine der abgelegensten und ärmsten Regionen des Landes.

Der überwiegende Teil der rund 78.000 Menschen, die in der unwirtlichen Gegend auf gut 3.000 Metern Höhe leben, sind Indigenas, Nachfahren der Maya. Nur auf Betreiben der Diözese San Marcos und mit der finanziellen Unterstützung der deutschen Kindernothilfe wurde hier die Infrastruktur für die Radioschule geschaffen.

Melisa hat einen langen Tag hinter sich. Im Morgengrauen ist sie aufgestanden, um Holz für das Frühstück zu hacken und die Hühner zu füttern. Das Tageslicht hat sie genutzt, um mit ihrer Familie den Mais zu ernten. Erst mit Einbruch der Dunkelheit hat sie überhaupt Zeit, sich um ihre Ausbildung zu kümmern. „Diese Radiokurse und Bücher sind sehr gut gemacht, ich verstehe alles.“ Melisa ist nicht die einzige in der Familie, die dem Radioprogramm aufmerksam lauscht. Ihr 23-jähriger Bruder León, der eigentlich in einer kleinen Schreinerwerkstatt arbeitet, hört wie sie nach einem harten Tag die 1. Sekundarschulklasse, was in etwa unserer 7. Klasse entspricht.

„Als ich mit der Grundschule fertig wurde, gab es diesen Radiounterricht noch nicht. Jetzt nutze ich dieses Chance, um doch noch einen Schulabschluss zu bekommen, auch wenn ich schon älter bin.

Und selbst wenn ich nachher kein Zeugnis in der Hand habe, habe ich etwas gelernt, was ich für meinen Beruf gebrauchen kann“, sagt León. Und noch jemand ist dabei, wenn das Radio den Unterricht ausstrahlt: Melisas Vater José hört oft gespannt zu und schaut manchmal sogar in die Schulbücher seiner Kinder, besonders dann, wenn es um Themen wie Haushaltsplanung und Kostenkalkulation geht.

Einen Lehrer bekommen Melisa und León nur am Wochenende zu Gesicht, und das auch erst nach einer guten Stunde Fußmarsch. Endlich ist ein einfaches Häuschen mit Wellblechdach in dem Dorf „La Reforma“ erreicht. Dies ist das nächst gelegene „Centro de Orientación“, eines der Lehrzentren, die in neun der insgesamt 148 Ortschaften der Region eingerichtet wurden. Auch die Lehrerin ist bereits eingetroffen – Herlinda Velasquez sieht noch etwas mitgenommen aus nach ihrer zweistündigen Fahrt auf der Ladefläche eines wackeligen Pickups, der über eine ausgewaschene Schotterpiste gebrettert ist. 26 Schüler haben sich eingefunden, um sich die Dinge erklären zu lassen, die sie in den Radiostunden nicht verstanden haben. Herlinda ist zufrieden mit ihren Schülern: „Schüler, die sich die Zeit nehmen, nach der täglichen Arbeit noch einen Radioschulkurs zu besuchen, sind ehrgeizig.

Sie wissen, wie wichtig es ist, etwas zu lernen, um im Leben voranzukommen. Und deswegen lernen sie, wann immer sie können.“ Für eine Lehrerin ist Herlinda mit ihren 21 Jahren sehr jung, was daran liegt, dass sie noch gar keine richtige Lehrerin ist.

Herlinda lernt das Lehrerdasein noch in der Hauptstadt der Region, Tacaná. Studieren muss man in Guatemala nicht, um den Titel „Maestro“ verliehen zu bekommen. Noten geben darf sie trotzdem. Vier mal im Jahr teilt sie Prüfungsbögen aus, Multiple Choice Tests, mit denen überprüft wird, ob die Schüler den Stoff auch beherrschen. „Es hilft mir sehr, diesen Unterricht zu geben, dabei lerne ich selber viel für meine Zukunft“, erklärt sie ihr Engagement.

Neun solcher Lehrzentren befinden sich in der Region, die etwas kleiner ist als der Stadtstaat Bremen, und so unwegsam, dass sie nur mit Geländewagen zu bereisen ist. Da nicht alle Dörfer von den Radiowellen erreicht werden, machen sich manche Schüler nicht nur am Wochenende, sondern jeden Tag, in die Lernzentren auf, um dort gemeinsam die Lektionen auf CD zu hören. Als Enrique Gonzales Perez, der Koordinator des Projektes und Mitarbeiter der Diözese damit begann, den Schulfunk in die entlegenen Dörfer zu senden, gab es gerade einmal fünf Lernzentren. „In diesem Jahr sollen es zwölf werden, wenn wir das Geld zusammen bekommen, um die Lehrer zu bezahlen“, wie Enrique erklärt. Die Nachfrage nach Weiterbildung wächst: Jedes Jahr melden sich mehr Schüler zum Unterricht an – wenn sie ihn sich denn leisten können. Denn umsonst ist er nicht. Die Schüler müssen nicht nur ein Radiogerät und Bücher kaufen, sondern außerdem eine Gebühr von bis zu 100 Euro pro Semester für den vom Staat konzipierten Unterricht entrichten. In einer Gegend, in der das Jahresdurchschnittseinkommen bei 1.300 Euro liegt, ist das mehr Geld als viele Familien aufbringen können.

Melisa und León bringen dieses Geld irgendwie zusammen. Bildung, dass wissen die Geschwister, ist der einzige Weg, um einem Leben in einer windschiefen Hütte mit gestampftem Erdfußboden zu entkommen. Melisa würde gerne Ärztin werden, aber das wird wohl ein Traum bleiben, denn dass Kinder von landlosen Bauern eine Universität besuchen, das ist eine absolute Ausnahme. Sie weiß das und lernt trotzdem weiter. „Für irgendwas wird es nützlich sein“, da ist sie sich ganz sicher.
Fotos: Christian Nusch