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Santiago de Chile – Skizzen aus der Hauptstadt

Man kommt gar nicht umhin, bereist man Chile mit dem Ziel, möglichst viele Landesteile kennen zu lernen, auch die Hauptstadt mehrfach aufzusuchen. Das der internationale Flughafen meist in den Hauptstädten der Welt angesiedelt ist, entspricht der Normalität. In Chile allerdings muss man auch davon ausgehen, dass jeder Standortwechsel von Nord nach Süd oder auch umgekehrt immer mit einem Zwischenaufenthalt in der Hauptstadt verbunden ist. Das ist einerseits logisch in einem Land, was sich über 4300 Kilometer in der Länge, aber nur maximal 250 Kilometer in der Breite erstreckt (vernachlässigen wir mal das Territorium der Osterinseln), andererseits ist es für den Besucher gar nicht so übel, wenn er zwischen der Einsamkeit der Wüste des Nordens und der Gletscherwelt Feuerlands mal wieder urbane Betriebsamkeit erleben kann.

Schneidet man Chile aus einem Atlas aus, steckt dann eine Nadel in den Standort seiner Hauptstadt, so hat man eine fast gleichschenklige, Windmühlen ähnliche Konstruktion, in der Santiago den zentralen Punkt darstellt. Und genau diesen Dreh- und Angelpunkt bildet die Stadt für das gesamte Land, wenn man dann in sein Straßennetz eintaucht.

Im Großraum von Santiago leben immerhin fast 40 Prozent der chilenischen Bevölkerung, von denen aber beim Landeanflug auf den Flughafen im Stadtteil Pudahuel nichts zu sehen ist, weil wieder einmal Smog über dem Talkessel der Stadt liegt. Ich habe nicht einen einzigen Start, geschweige denn eine einzige Landung, erlebt, bei denen einmal freie Sicht auf die Stadt geherrscht hätte. Das liegt zum einen daran, dass die Stadt in einem regelrechten Kessel liegt, umgeben von den Andenbergen und der Küstenkordillere. Zum anderen an dem enormen Ausstoß von Auto -und Industrieabgasen, die an manchen Tagen alles in regelrecht diffusem Licht erscheinen lassen. Fahrverbote und auch schärfere Auflagen für emittierende Industrieanlagen haben noch keine durchschlagenden Verbesserungen gebracht, doch gibt es inzwischen durchaus hoffnungsvolle Aktivitäten, die zukünftig Besserung erwarten lassen.

Diese Probleme haben dem Gründer der Stadt, Pedro de Valdivia, 1541 noch keine Sorgen bereitet. Eher schon die Frage, wie er denn den Landflecken benennen sollte, den er auf seinen Zügen gen Süden als Standort für die spanische Krone auserwählt hatte. Da er aus Santiago de Compostela, dem Nordwesten der iberischen Halbinsel, stammte, war es dann das Heimweh und die Verbundenheit zur alten Heimat, die seine Entscheidung beeinflusste. Große Bedeutung aber erlangte die Stadt für die Spanier nicht, Lima blieb immer die eigentliche Hauptstadt des Kolonialreiches. Erst mit der Unabhängigkeit und der Gründung der „Republica de Chile“ 1818 sowie der einsetzenden wirtschaftlichen Entwicklung, gerade auch dem Salpeterabbau im Norden, entwickelte sich Santiago zum Wirtschafts- und Verwaltungszentrum des Landes. Interessanterweise geht diese Entwicklung einher mit einer erstaunlich hohen Anzahl an Einwanderungen aus Europa, besonders stark auch aus dem deutschsprachigen Raum. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum man beim Bummeln in der Stadt eher selten das Gefühl hat, man befinde sich in Südamerika, sondern eher im vertrauten Europa.

Wer nun der Meinung ist, er reise nicht tausende Kilometer um ein Spiegelbild der alten Welt zu erleben, dem sei angeraten, zunächst etwa in den Stadtteil Macul, einem Vorort von Santiago, zu fahren, um dort im Estadio Monumental ein  Spiel von Chiles erfolgreichstem  Fußballverein CSD Colo-Colo zu besuchen. Eines vornweg: Der Name ist nicht – so wie bei uns inzwischen üblich auf Werbeeinnahmen zielend – mit einem bekannten Brausehersteller in Verbindung zu bringen, sondern bezieht sich auf einen Mapuche-Häuptling. Wenn man südamerikanisches Temperament, überschäumende Begeisterung und Lebensfreude auf kleinstem Raum betrachten möchte, dann ist man hier richtig. Die glänzenden Augen der Anhänger, wenn sie darüber berichten, dass der Club 1991 als einzige chilenische Mannschaft die „Copa Libertadores“ gewann und dabei Mannschaften wie Penarol Montevideo, Botafogo und Flamengo Rio de Janeiro und die Boca Juniors aus Buenos Aires hinter sich ließ, zeigen etwas von dem Stellenwert, den der Fußballsport hier genießt. Aus den euphorischen Berichten, die man mir ohne Pause zur Kenntnis bringt, muss unser Revierschlager Schalke gegen Dortmund ein unbedeutender Fußballkick sein verglichen mit dem hiesigen Clasico, das Spiel der Colo-Colos gegen den Erzrivalen Universidad. Ganz erstaunlich ist es auch festzustellen, welche aktuelle Bedeutung noch die  Fußballweltmeisterschaft von 1962 im Bewusstsein der Fans hat, die in Chile stattfand. Es war der größte Erfolg für die Nationalmannschaft sich den 3. Platz durch ein 1:0 gegen Jugoslawien zu erkämpfen und  noch heute schwärmen die Anhänger des runden Leders vom legendären Linksaußen Leonel Sanches, der, wie könnte es anders sein, für Colo-Colo spielte. Und alle Fußballkenner des Landes sind sich einig: Wäre Chile damals nicht im  Halbfinale auf die Übermannschaft aus Brasilien mit ihren Superstars Garrincha, Didi, Vava und wie sie alle hießen getroffen, das Finale wäre erreicht worden.

Nach soviel Begeisterung fällt es nicht leicht, zurück im Zentrum der Stadt, auf sehr nachdenklich machende Bauwerke zu treffen. Natürlich gehört der Präsidentenpalast „La Moneda“ zum festen Bestandteil einer Stadtexkursion und natürlich verbinden sich hier zwangsläufig die Gedanken mit dem Armeeputsch von 1973. Tatsache ist, dass die folgende 17- jährige Diktatur mit unglaublicher Gewalt verbunden war und auch heute noch tief im  Bewusstsein der  Menschen verankert ist. Es war dieser Putsch, der dazu führte, dass viele Chilenen ihre  Heimat verlassen mussten. Etliche von ihnen fanden in Deutschland, speziell in der damaligen DDR, Aufnahme und konnten sich so vor der Verfolgung in Sicherheit bringen. Da klingt es fast wie ein Anachronismus, dass Jahre später die Familie Honecker aus ähnlichen Gründen in dem feinen Stadtteil La Reina Alta von Santiago ihr Exil bezieht.

Nur zeigt schon ein Blick in das Grundstückskataster (hier ist kein Objekt für weniger als US-$ 500.000 zu haben), dass allein schon deshalb die Situation wohl nicht miteinander verglichen werden kann, wie manche das gerne tun. Ein altes irisches Sprichwort sagt: „Erinnerungen sind wie reifender Whiskey – je länger die Zeit vergeht, umso besser werden sie.“ Das mag für das edle Getränk wohl zutreffen, aber mit Blick auf den Regierungspalast habe ich dann doch eine ganz andere Meinung. Trotz allem verblassen sie, die Schatten der Vergangenheit und die Stadt zeigt sich heute als weltoffenes, quirliges, urbanes Gebilde mit Charme und Esprit.

Auskosten kann man dieses Gefühl, besucht man eines der Wahrzeichen der Stadt, den Cerro San Christobal. Hier tummeln sich, vor allen an den Wochenenden, ganze Familien und genießen die üppigen Angebote an Freizeitvergnügungen oder einfach ein Picknick mit schöner Aussicht auf die Stadt. Der nur 350 Meter über dem Plaza de Armas liegende Cerro verführte mich zu der Entscheidung, ihn zu Fuß zu erklimmen. Nach all den Bergen der Anden ja wohl ein Kinderspiel, wie ich meinte, zumal die Kabinenbahn am frühen morgen noch nicht in Betrieb war. Der seltsame Blick des Fahrkartenverkäufers an der Talstation der Bahn, der mir bedeutete, dass die Gondeln in einer Stunde ihren Betrieb aufnehmen würden, hätte mich zumindest etwas stutzig machen müssen.

„Da bin ich doch schon lange oben“, so meine unbedarfte Antwort, die auf dem Gesicht meines Gesprächspartners nur ein mitleidiges Lächeln hervorrief. Tatsächlich erreichte ich den Gipfel dank unendlich vieler und lang gestreckter Serpentinen zu einem Zeitpunkt als die Bergbahn bereits Hunderte von Besuchern auf den Berg transportiert hatte. Dem Aufstieg zur 36 Meter hohen Marienstatue – dem Wahrzeichen der Stadt und dem Bauwerk in Rio de Janeiro recht ähnlich – folgte dann wie zur Entschädigung der schönste Ausblick auf die Metropole … wenn, ja wenn da nicht wieder der Smog sein hinderliches Spiel getrieben hätte. Auf einen Abstieg zu Fuß habe ich dann sehr gern verzichtet. Allein schon, weil an diesem letzten Abend meines diesmaligen Aufenthaltes ein Treffen mit einem Freund geplant war, der mir avisiert hatte, wir würden im besten Fischrestaurant ganz Südamerikas essen und das wollte ich nun keinesfalls verpassen.

Als wir am Abend über die O´Higgins zum Restaurant schlenderten und der Weg uns dann auf schier endlosen Nebenstraßen in ein recht dunkel und verlassen wirkendes Viertel führte, tauchte bei mir allmählich die Frage auf, ob man denn hier wirklich Südamerikas bestes Fischrestaurant finden könne. – Und wie man das kann! Von einer finsteren, absolut einsamen Straße aus tritt man ein in ein Ambiente gediegenster Eleganz, in dem befrackte Kellner dezent zu plüschbezogenen Sitzgruppen führen und sofort mit großer Sachkunde die aktuellen Angebote einer übereichen Speisekarte erläutern. Flankiert von erlesenen Weinen der besten Weingüter Chiles erreichte uns mit unserer Bestellung eine wagenradgroße Silberplatte, darauf aufgeschichtet das Appetitlichste, was der Ozean so zu bieten hat. Hier ist eine wahre Orgie zu beschreiben, denen zuallererst unsere Augen Tribut zollten. Eine solche Fülle an unterschiedlichen Farben, ausgefallenen Formen von Fischen und sonstigem Meeresgetier und alles in ausgewogener Form drapiert mit feinem Gemüse und erlesenem Obst habe ich weder zuvor noch später in solch einer Formvollendung gesehen. Und selbstredend war alles von einer Frische, die eigentlich nicht überrascht, denn auch Santiago ist ja beinahe eine Küstenstadt, wenn man die paar Kilometer nach Valparaiso mal vernachlässigt.

Auf jeden Fall hätte ich mir gewünscht, nachdem unser Menü komplett vor uns auf dem Tisch stand, ein Maler vom Formate eines Gauguin hätte dieses Bild auf eine Leinwand gebannt. Die Ästhetik dieser Komposition wäre dann wohl auch irgendwann im Louvre zu bewundern gewesen. Und was die Augen dem Gaumen versprachen, wurde in keiner Weise enttäuscht und die Verbindung der Hauptzutaten mit einem ausgesprochen ausgefallenen Kompendium an würzigen Kräutern führte zu einer regelrechten Geschmacksexplosion. So begannen wir zu speisen und wie es nun mal ist im Leben: die allmähliche Zerstörung dieses wunderbaren Stilllebens erhöhte unser körperliches Wohlbefinden mit jedem Bissen. Auch die Tatsache, dass sich die Kreditkarte beim Bezahlen vor Schreck leicht verbog, änderte nichts an diesem Gefühl, denn selten war so klar wie hier, dass jeder Cent berechtigt war.

Skizzen zeigen immer nur Details auf. Doch auch noch so viele Skizzen zeichnen kein Gesamtbild. So auch hier, wenn man eine Stadt wie Santiago beschreiben möchte. Einzelne, sehr unterschiedlich strukturierte Schlaglichter lassen allerdings schon erkennen, welch liebenswerte Stadt hier pulsiert. Und so wird das Skizzieren weitergehen, denn wie bereits gesagt, man kommt ja gar nicht umhin auf seinem Weg von Nord nach Süd und von Süd nach Nord immer wieder in dieser schönen Stadt eine Zwischenstation einzulegen!

Fotos: Bernd Küpperbusch