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San Miguel SELECTA XV (Spanien)


Der Weltschmerz! Du weißt nicht, wie ich fühle, denn du hast den Weltschmerz noch nicht gespürt.
Weltschmerz?! Ich hab schon ganz anderes gespürt und den Weltschmerz sowieso.
Aha?! Nur zu!
Es geht nicht darum, den persönlichen Weltschmerz in Worte zu fassen, sondern ihn gespürt zu haben. Weißt du, was dein Problem ist? Du befindest dich in einer Zwischenstufe auf dem Weg wohin auch immer. Du hängst am großen schwarzen Vogel. Du glaubst an das Singen und Tanzen in der Welt, in die er dich trägt.*
An diesem Punkt hielt ich mich tatsächlich lange Zeit auf: Der Freitod als Übergang in ein besseres Leben. Dann ereilte mich jedoch ein viel weiter gefasster Gedanke. Nicht der Freitod an sich ist der zentrale Aspekt, sondern die Option. Die Option, der potentiellen Aussichtslosigkeit eines fernen Hier und Jetzt zu entfliehen. Lapidar gesprochen: Sorge dich nicht, wenn das Morgen keinen Spaß mehr bringt, rufe den großen schwarzen Vogel herbei. Der Freitod als Schlüssel zum Glück des Lebens, des Lebens im Hier und Jetzt.
Hab ich mirs doch gedacht. Du verharrst. Kenne ich. Doch mich traf die Erleuchtung abermals! Sie traf mich nicht nur, sie sprengte alle bestehenden Gefüge. Alle Konstrukte des doppelten Bodens auf einen Schlag zerschmettert. Vergrault auf alle Ewigkeit der große Schwarze. Der wunderschöne Vogel verjagt von einem Käfer. Genauer: einem Marienkäfer.
Ein Marienkäfer kippte deine Überlebensstrategie? All die Jahre, die du an diesem Lebensausweg gefeilt hast, die mit viel Schmerz hart ersonnene Einbahn, durch die allein dein Leben überhaupt lebbar wurde – alles dahin? Zurück auf Null? Zurück auf die ewige Verdammnis von früh bis spät vom Schmerz gepeinigt den ganzen Irrsinn des Daseins zu ertragen?
Mitnichten! Der Marienkäfer als Sumpfwart, als gepunkteter Narr wider des alltäglichen Frustes. Als positiver Synapsenpflug. Als Killer der Gedanken, die da kreisen um den Sinn der Existenz. Und um die Angst, diese zu verlieren, ohne das Ass des Auswegs in der Hinterhand. Alles vernichtet. Tabula Käfer Rasa.

san miguel selecta xv aus spanienWir blenden an dieser Stelle die Unterhaltung zwischen Maria Josefa Hausmeister und ihrem Bruder Máximo Tigre Hausmeister wegen selbstzerstörerischer Sinnlosigkeit aus. Zu verkosten galt es ein San Miguel SELECTA. Eine 6,2-prozentige Cerveza Extra der Brauerei San Miguel aus Barcelona. Das Etikett gibt das Geheimnis des Extras preis: Jeweils drei Sorten Hopfen und Malz, die perfekter nicht zu einander passen könnten, verleihen dem SELCTA XV außergewöhnlichen Geschmack und Aroma.

Im Folgenden der Versuch der Transkription der Lalllaute für ein Statement zum Bier. Für die abschließende Punktevergabe waren alle Register der Zeichensprache erlaubt.

Maria Josefa: Kastanienfarben mit herbstlichen Rottönen. Das sanfte Prickeln vermittelt kurzzeitig das Gefühl einer angenehmen Frische. Ebenso wohltuend ist der leicht bittere Hopfeneindruck, der im Abgang die Zunge umspült. K.O.-Kriterium ist allerdings der widerlich süße Malzgeschmack. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es mit einem „echten“ Bier zu tun habe, sondern mit gemeinem Malzbier.

Máximo Tigre: Biere wie dieses verursachen Schmerzen, die kein Marienkäfer austreiben kann. Für mich wäre es einer Folter gleich gekommen, hätten wir nicht den Selbstversuch nach der ersten Flasche abgebrochen und wären auf Trinkbares umgestiegen.

Maria Josefa fasst sich mit Zeige- und Mittelfinger vorsichtig stupsend an die Stirn und kneift die AUgen zusammen: Aua! Ich hab ihn mir weder austreiben noch ausreden lassen den Weltschmerz.

Bewertung SELECTA XV:

Bewertung zopfiges caiman
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Written by dirk klaiber

dirk klaiber

dirk klaiber, geb. 1969, lebt in berlin, ist herausgeber des online kultur- und reisemagazins caiman.de / internet: www.caiman.de

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