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Salsa auf dem Trockenen und abgelaufenes San Miguel

Das Leben meint es diesen Monat wirklich nicht besonders gut mit mir. Erst verbringe ich ein tierisch verregnetes Wochenende zwischen fassungslos vor Entsetzen starren und ängstlich wimmernden Kindern, die am Thüringer Meer ihren Eltern beim Salsa-Workshop des Grauens beiwohnen müssen.

sanmiguelDann treffe ich auf die beiden vor Selbstmitleid zermürbten Redaktions-Täubchen, die bittend und bettelnd auf Knien rutschend eine Kolumne erflehen. Mir fällt nix ein, Jungs, entgegne ich und will schon weitergehen, da zieht einer der beiden eine Flasche San Miguel Edition 1516 aus dem Ärmel und heuchelt, ich sei die beste Verkosterin jen- und diesseits des Reinheitsgebot-Äquators. Zudem würde es sich um ein gigantisch leckeres Bier handeln.

Nur um den Jammerlappen so schnell wie möglich zu entkommen, greife ich nach dem ansprechenden Fläschchen und verspreche mich morgen im Zug gen Süden zu bemühen, etwas zu Papier zu bringen.

Einen Schritt vor, einen zurück. Jetzt die Jungs. Vor und zurück. Halbe Drehung. Mein Blick fällt auf der Suche nach meiner Tochter auf die Salsa-Gesellschaft. Mitleid! Tag zwei des Workshops und immer noch keine Musik. Kein Hauch von Spass liegt in der Luft. Ernsthaftigkeit pur. Trauer allenthalben. Salsa halt.

Jetzt sitze ich im Zug. Müde, leer, verloren, ein Städchen nach dem anderen passierend. Wie läuft wohl ein Salsa-Workshop in Hildesheim, Fulda, Hanau ab?, frage ich mich gerade, da entdecke ich, dass das San Miguel bereits im Mai abgelaufen ist… Danke Jungs!

Beim Öffnen fällt mir dann noch auf, dass ich das 1516er die ganze Nacht in der Tasche und nicht in der Kühlung hatte. Angewidert schweifen meine Gedanken nach Saalfeld zum Salsa-Lehrer: Blond, schütteres Haar, Bierbauch, aber vermutlich leichten Schrittes, so mein erster Eindruck. Obwohl in Anbetracht der plattgetretenen schrill schreienden Tanzschuhe… Passend zum Schuh das Shirt, in der Jeans getragen. Unheimlich das alles.

Wie dann der Zufall will, steht er plötzlich neben meiner Freundin aus El Salvador und mir und erklärt uns Lateinamerika: In Kuba sitzt an jeder Ecke eine alte Frau ohne Zähne und raucht eine dicke Zigarre. Brasilien ist Samba, Tanga, Fußball. In Peru spielen die Lamas Panflöte. Und in Mexiko hab ich an der Seite der Azteken die Spanier verdroschen. – Toll ich, oder?

Also doch lieber ein warmes San Miguel Edition Reinheitsgebot von 1516. Schluck! Geht! Nicht so schlecht! Weg in einem Zug! Auf den Geschmack gekommen, eile ich ins Bord-Bistro und spüle nach. Per SMS buche ich den Salsa-Trainer für die nächste Redaktionssitzung als Überraschungs-Akt und wünsche den beiden Täubchen, dass sie den Kindern gleich das Grauen frösteln lässt.

Foto: Maria Josefa Hausmeister