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Salpeter und Kupfer für die Welt

Reise nach Antofagasta am Rande der Atacama

Fast hatte es den Anschein, als wäre der Pilot nur widerwillig zwischengelandet auf seinem Weg von Santiago nach Arica. Einzig wegen eines einzelnen Passagiers musste er hier in Antofagasta den Erdboden aufsuchen und tatsächlich hatte sich noch nicht einmal der aufgewirbelte Staub der Landung gelegt, da heulten die Turbinen schon wieder auf und der Flieger suchte in eiliger Geschäftigkeit das Weite in Richtung Norden. Nur gut, dass auch hier gilt: Aussteigen während der Fahrt ist verboten. Überrascht war ich allerdings schon, als einziger auszusteigen, denn immerhin war dies hier oben im Norden die größte Stadt.

Die 1400 Kilometer zwischen der Hauptstadt und Antofagasta waren in 90 Minuten zurückgelegt und der Flug bot wieder einmal herrliche Ausblicke auf die Kordilleren und die mächtigen Andengipfel einerseits und die Weite des Pazifischen Ozeans andererseits. Dieses Panorama in seinem Wechselspiel von unendlich erscheinender Wassermasse und der augenscheinlichen Trockenheit nur wenige Kilometer von der Küstenlinie entfernt, ist stets beeindruckend, weil rational kaum nachzuvollziehen. Und dabei ist es gar nicht so schwierig zu verstehen: Bedingt durch den kalten Humboldtstrom trifft kein Seewind auf die Küste und das steil aufragende Küstengebirge hält jeglichen Feuchtigkeitsnebel von den inneren Landesteilen ab. So erklärt sich das Phänomen, das auch die direkte Nachbarschaft des Pazifiks nicht verhindern kann, dass in der Atacamawüste die geringste Luftfeuchtigkeit herrscht und Niederschlag eigentlich nicht stattfindet. Die Stadt Calama beispielsweise – nur rund 200 Kilometer von der Küste entfernt – soll mit einer jährlichen Niederschlagsmenge von 0 Millimetern, der trockenste Ort der Erde sein.

Mit den Klimamerkwürdigkeiten an dieser Küste ist es ohnehin nicht ganz so einfach. Schließlich treibt hier ja auch „El Nino“, aus der Weite des Ozeans kommend, sein Unwesen. Das spüren wir dann sogar im heimischen Europa mit sehr unangenehmen Folgen.

Mit diesen mehr oder weniger ernsthaften Gedanken hatte ich inzwischen das Abfertigungsgebäude erreicht und es verwunderte mich kaum, dass weder die Autovermietung geöffnet, noch ein Stadtbus zu sehen war. Einzig ein leicht in die Jahre gekommenes Taxi samt schlafendem Fahrer erweckte Hoffnung, die Stadt doch noch auf halbwegs bequemem Wege zu erreichen. Meine Hoffnung trog nicht und als besonderen Glücksumstand konnte ich vermerken, dass mein Fahrer José auch noch bestens mit der deutschen Sprache vertraut war, was ich nun gar nicht erwartet hatte. Er hatte vor Jahren im sächsischen Freiberg studiert und es war ihm deutlich anzumerken, dass auch er Freude empfand, sich wieder einmal daran zurück zu erinnern. „Sehr viele von deinen Landsleuten habe ich hier noch nicht getroffen.“ Und daher seine Frage: „Was treibt dich denn hier her?“ Meine Erklärung, dass mich sehr interessiere, wie es denn einst so war mit dem Salpeter und wie es mit dem Kupfer heute so sei, löste ein Strahlen in seinem Gesicht aus, denn José arbeitete bis zu seinem krankheitsbedingten Ausscheiden als Geologe in einem hiesigen Minenunternehmen und erwies sich als profunder Kenner der Materie. „Jetzt bringe ich dich erst mal ins Hotel und dann machen wir einen Plan, was du sehen musst und wie wir das am besten organisieren.“ Da zeigte sie sich wieder, diese großartige chilenische Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft!

Als wir dann in der Hotelbar mit einem ersten „Pisco sour“ auf unser Zusammentreffen anstießen, lernte ich von José sogleich, dass dieser sowohl in Chile als auch in Peru als Nationalgetränk reklamierte Mix aus Traubenschnaps, Limettensaft, Zucker und Eiweiß in seiner Übersetzung auf ein altes indianisches Wort mit der Bedeutung „frei fliegender Vogel“ zurückgehen soll. Ich vermute stark, dass es da einen kausalen Zusammenhang zwischen der Anzahl vertilgter Piscos und dieser Wortbildung geben muss! Da mich aber die Neugier auf Geschichten um alte und neue Bodenschätze in das nördliche Chile geführt hatte, durfte ich auch umgehend von Joses außergewöhnlichen Kenntnissen auf diesem Gebiet profitieren.

„Eigentlich war es euer Justus von Liebig, der dafür verantwortlich war, dass aus einem bis dahin völlig verschlafenen, von niemandem beachteten, unfruchtbar und trostlos wirkenden Landstrich plötzlich ein Zankapfel zwischen Chile, Peru und Bolivien wurde. Seine Entdeckung, Natronsalpeter zu nutzen, um daraus Kalisalpeter und daraus wiederum sehr kostengünstig Schießpulver herzustellen, führte schlagartig zu einem eskalierenden Streit zwischen den drei Ländern. Da Natronsalpeter praktisch unbegrenzt in der Region zur Verfügung stand und eigentlich nur eingesammelt werden musste, versprach dies Aussicht auf gigantischen wirtschaftlichen Gewinn. Und da man sich bis zu diesem Zeitpunkt weder um einen konkreten Grenzverlauf, noch um die geringste Infrastruktur gekümmert hatte, sprachen nun erst mal die Waffen.

In diesem Salpeterkrieg von 1879 bis 1883 wurde die Auseinandersetzung mit allen Mitteln geführt und im Ergebnis verlor Peru seine südliche Provinz Tarapaca und Bolivien mit seiner Provinz Antofagasta den einzigen Zugang zum Meer. Der Hunger nach dem Nitrat in Europa, welches im 1. Weltkrieg unglaubliche Mengen davon im wahrsten Sinne des Wortes „verpulverte“, führte in Nordchile zu einem enormen wirtschaftlichen Aufschwung, der in dieser Form mit dem „Goldrausch“ in Amerikas Norden vergleichbar ist.

Das Entstehen von Unternehmen, Orten, Fabriken, Eisenbahnstrecken, der Ausbau von Häfen und ein enormer Zuzug von Arbeitskräften waren augenscheinlicher Ausdruck dieser Entwicklung. So wurden damals beispielsweise die Häfen in Antofagasta und Inquiqe zu Einrichtungen, die weltweit an der Spitze der Umschlagsvolumina lagen. Sie bildeten zudem den zentralen Punkt eines fantastischen Kapitels von Seefahrtsgeschichte, denn hier schlug die letzte Stunde der großen, kommerziell genutzten Windjammer, die das Nitrat in rund drei Monaten um das Kap Hoorn nach Europa transportierten. Unvergessen die berühmten P-Liner, die Pamir, die Passat und die Preussen, die auf ewig mit dem Transport des Salpeters nach Deutschland verbunden bleiben werden. „Morgen wirst du einen Blick auf die Stadt werfen und … deutschen Boden betreten“, so José beim Abschied augenzwinkernd. Sollte es doch ein Pisco zuviel gewesen sein?

An diesem zeitigen Morgen wirkte die Stadt noch recht verschlafen. Ihre rund 300.000 Einwohner gehören wohl nicht unbedingt zu den Frühaufstehern. Ein Blick auf einen der beiden Strände direkt hinter dem Hotel, die aber wohl auch bei höherem Sonnenstand dank des kalten Humboldtstromes nicht unbedingt zu längerem Schwimmen einladen dürften, verstärkte den Eindruck, das Antofagasta einen eher bescheidenen, fast ärmlichen Eindruck vermittelt. Das verwundert doch insofern, als dass die Stadt nicht eben als ärmlich definiert werden kann. Als Sitz wichtiger Montanunternehmen zur Gewinnung und Verarbeitung umliegender Bodenschätze, des eindrucksvollen Tiefseehafens, sowie der bedeutenden Transandenstrecken nach La Paz und nach Salta, verfügt die Stadt über ein beachtenswertes Steueraufkommen und ein kurzer Blick in den kommunalen Haushalt würde manchem unserer Kämmerer ein neidvolles Staunen ins Gesicht zaubern. Auch aus der Zeit des Salpeterbooms ist recht wenig zu entdecken. Nur einige herausgeputzte Bauwerke erinnern hier an diese Ära, so der aus England herangeschaffte Uhrenturm am Plaza Colón oder das seinerzeit vorgefertigt aus Europa angelieferte ehemalige Zollgebäude, das eine Mischung aus spanischer Architektur und schweizerischen Almelementen zur Schau stellt.

So war der für mich dann doch beeindruckende Teil der Besichtigung Joses Ankündigung, nunmehr deutschen Boden betreten zu wollen. Wir wanderten zum Plaza Colón durch verschiedene Grünanlagen und herrliche Palmen gesäumte Alleen am Hafen. „Mein Großvater half damals beim Entladen von bestem deutschen Mutterboden, den die Schiffe aus ihrer Heimat mitbrachten und der den Windjammern als Ballast diente, ohne den ein Segeln unmöglich gewesen wäre. Und dieses Substrat wurde dann hier ausgebracht und sorgte in der wüstenähnlichen Stadt für ein Aufblühen der ansonsten nur spärlichen Flora!“ Diese Information überraschte mich. Woher konkret die Erde stammte, wusste niemand zu sagen. Vermutlich war sie irgendwo aus Norddeutschland, denn lange Transportwege zu den Seehäfen wollte sicher niemand. Fakt ist jedenfalls: Die chilenischen Palmen müssen sich bestens mit dem „Einwanderer“ verstehen, denn sie gedeihen prachtvoll in dem deutschen Humus!

Das Mietauto brummte monoton vor sich hin als ich die letzten Bretterhüten am Stadtrand hinter mir lies und mich ein Stück auf die legendäre „Panamericana“ begab, die Alaska und Feuerland so spektakulär miteinander verbindet. Allerdings galt es für mich heute nur die bescheidene Strecke nach Calama zurückzulegen. Versehen mit den vielen Tipps und Hinweisen, die mir José zum Abschied noch mit auf den Weg gegeben hatte, war dies nun wahrlich kein Problem. Schon bald nach Verlassen der Stadt finden sich erste Spuren und Hinterlassenschaften des Salpeterabbaus links und rechts der Straße.

So rasant der Beginn des Abbaus war, so abrupt fand er sein Ende. Mit der Erfindung der synthetischen Herstellung des Nitrats kam schlagartig das Aus für Förderung und Verarbeitung und das sofortige Ende aller Aktivitäten. Fabrikanlagen und Wohnstätten wurden umgehend von ihren bisherigen Nutzern verlassen, manche Anlagen wirken, als wäre dies erst kürzlich geschehen. Geisterstädte wie aus alten Westernfilmen, mit Maschinen und Geräten, die ihre deutsche, englische oder nordamerikanische Herkunft noch immer anzeigen können, weil Substanzverlust hier mehr durch Erosion als durch Korrosion erfolgt. Und manches Teil, was hier vollkommen unbeachtet in der Wildnis liegt, wäre in manchem unserer Industriemuseen glanzvoller Mittelpunkt technischer Präsentationen! So wie in Baquedano, wo in einem kleinen Museum Lokomotiven und Wagen aus alter Zeit fast unbeachtet stehen, die in ihrer Einmaligkeit und Authentizität das Herz eines jeden Eisenbahnfreundes Purzelbäume schlagen lassen dürfte.

Und mit diesen leicht melancholischen Gedanken zur Vergänglichkeit kam nunmehr mit dem Erreichen der größten Kupfermine der Welt in Chuqicamata das Jetzt und Heute wieder zu seiner gebührenden Aufmerksamkeit. Das Kupfer, dieses „Rote Gold“, ist es, um das sich hier heutzutage alles dreht und welches den Lebensrhythmus der gesamten Region bestimmt.

Der Verlust der Salpetergewinnung hatte dafür gesorgt, dass nach neuen Möglichkeiten gesucht werden musste, den völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch der Region zu verhindern. Und wieder war es eine Erfindung, die die weitere Entwicklung beeinflusste: Edisons Glühlampe sorgte für einen Riesenbedarf an Kupfer für Stromleitungen und sonstige Elektrizitätselemente. In der Atacama waren entsprechende Vorräte erkundet, bereits seit 1881 gab es vereinzelt Förderungen und so verwundert es nicht, dass 1911 die amerikanischen Guggenheimbrüder damit begannen, die Chuqicamatamine zur größten Abbaustätte der Welt auszubauen.

Seit 1971 ist die Mine verstaatlicht und erwirtschaftet über 75% der chilenischen Deviseneinnahmen. Das Besondere der Mine ist der Tagebaubetrieb. In seinem Kern nimmt die Abbaustätte etwa 15 Quadratkilometer in Anspruch. Einmalig ist aber die Tiefe des Tagebaus von etwa 700 Metern und das bei immer noch vorhandenem Spielraum nach unten! In diesem gigantischen Loch werden täglich so um die 200.000 Tonnen Gestein abgebaut, mit Technik, die die Relativität des Daseins bestens verdeutlicht. Steht man nämlich vor einem der Transportkipper, die pro Fahrt über 100 Tonnen Material befördern, fühlt man sich als winziger Zwerg. Sieht man aber dann die lange Reihe der Kipper in den Serpentinen der Grube dahinrollen, glaubt man ein Ameisenvolk sei im Anmarsch. Es ist eben alles relativ!

Im Übrigen beträgt der Kupfergehalt durchschnittlich 1,5%. Da kann man sich leicht ausrechnen, wie oft diese Kipper auf Tour gehen müssen bis die ungefähr 700.000 Tonnen Kupferbarren auf der Waage liegen, die hier in etwa pro Jahr erzeugt werden! Und der Hunger der Welt nach dem roten Gold ist ungebrochen. Viele Edisons sind ständig zugange Neues zu entwickeln, was den edlen Rohstoff erfordert. Und zu recht wollen immer mehr Menschen teilhaben an diesem Neuen. Da klingt es fast wie ein Anachronismus – allerdings in sehr sympathischer Form -, wenn eine weltbekannte schottische Destillery verkündet: Für die dringend erforderliche Reparatur ihrer uralten Brennblasen kann nur Kupfer aus der Atacama eingesetzt werden, da ansonsten die Qualität ihres bekannten Whiskys nicht mehr gewährleistet werden kann. Wenn das kein Nachweis für die Güte des hiesigen Kupfers ist!

Trotzdem kann eines nicht vergessen werden: Bei aller Hochachtung für die menschlichen und technischen Leistungen, die hier beim Abbau und der Verarbeitung des roten Goldes erbracht werden, bei aller Einsicht, technischen Fortschritt mit notwendigem Material abzusichern und vor allem auch mit Sicht auf die sozialpolitische Komponente für die Menschen hier und im ganzen Land – es bleibt ein sehr zwiespältiges Gefühl, weil der Preis für das alles doch recht hoch ist – und damit meine ich nicht den stetig wachsenden Weltmarktpreis an den Metallbörsen. Betrachtet man die in den Jahren verursachten Umweltschäden, gerade im Umgang mit Giften wie Arsen, Schwermetallauswaschungen oder die allgegenwärtige Feinstaubbelastung bleibt mehr als nur ein mulmiges Gefühl zurück. Erhebliche Krankheiten unter Beschäftigten und Anwohnern haben zur Evakuierung der gesamten Stadt Chuqicamata geführt.

Und so liegt bei meiner Weiterfahrt nicht nur ein kleiner Beutel mit norddeutscher Erde aus Antofagasta neben einem prachtvollen Stück rotem Gold im Auto, sondern auch eine große Portion Nachdenklichkeit und Sorge um diese großartige Region!

Fotos: Bernd Küpperbusch