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Salar de Uyuni – Am Ende der Welt

Endlose Wüsten, bunte Lagunen, kochende Geysire und rauchende Vulkane. Boliviens Südwesten bietet seinen Besuchern einmalige Naturschauspiele.

Zu sehen ist nur Weiß. Endlos breitet es sich bis zum Horizont aus, dazwischen ein paar Inseln, die zu schweben scheinen. Kaum zu glauben, dass das alles Salz ist. Gleißend grell blenden seine winzigen Kristalle. Soweit das Auge reicht, haben sich auf der Oberfläche große Sechsecke gebildet. Unterbrochen nur von einer Spur, die Geländewagen hinterlassen haben.

In der Ferne ist ein dunkler Fleck in der weißen Endlosigkeit zu sehen: Das Hotel Playa Blanca. Davor steht eine kleine Bank – aus Salz. Die Wände: gebaut aus Salzziegeln, Tische und Stühle, ja selbst die Betten, alles aus Salz.

Der Salar de Uyuni im äußerten Südwesten Boliviens ist mit seinen 12.000 qkm der größte Salzsee der Erde. Unwirtlich und karg ist das Hochland der Anden, und kalt ist es, elend kalt. Doch wer bereit ist, das alles auf sich zu nehmen, den erwarten hier am Ende der Welt phantastische Landschaften.

Wie eine Fata Morgana taucht urplötzlich eine Insel auf. Ausgerechnet Isla Pescado, Fischinsel, heißt das Eiland, das trockenen Fußes zu erreichen ist. Zwischen den Felsen wächst nicht viel: Ein paar trockene Grasbüschel und Kakteen. Und was für welche: Bis zu sechs Metern ragen sie in die Höhe, bewaffnet mit zentimeterlangen, spitzen Stacheln. Hier machen die Touristengruppen Rast. Einige Jeeps mit kleinen Gruppen von sechs Reisenden, einem Fahrer und einer Köchin. Maria, eine rundliche Indigena mit langen, schwarzen Zöpfen belegt Sandwichs für uns.

Zwischen den Kakteen tauchen zwei Lamas auf, und ein Adler schwebt träge heran. Auf die Tourjeeps haben sie schon gewartet, denn das bedeutet auch für sie Mittagessen. Nachdem wir den Salzsee verlassen haben, steigt die holprige Straße stetig an, bis wir auf knapp 4000 Meter das Dorf San Juan erreichen. Kinder fordern uns zum Basketballspielen auf, aber hier oben geht auch dem mitreisenden italienischen Profispieler bald die Puste aus. Jetzt hilft nur noch ein Mate de Coca, ein Tee aus Cocablättern, der die Höhe erträglicher macht.

Kaum haben wir am nächsten Morgen San Juan hinter uns gelassen, finden wir uns abermals in einer ausgestorbenen Landschaft wieder. Soweit das Auge reicht, breitet sich die endlose Wüste aus, unterbrochen nur von einigen Felsen, die der ewige, eisige Wind zu bizarren Statuen geschliffen hat. Darüber spannt sich ein stahlblauer Himmel und eine fast unheimliche Stille liegt über allem. Mitten im Nirgendwo plötzlich eine Kontrollstadion – Chile ist nicht mehr weit. Ein dick vermummter Beamter möchte die Pässe sehen. Damit hatte keiner gerechnet, die Dokumente sind im Gepäck auf dem Dach. Unser Fahrer Lorenzo, ein untersetzter Mann mit Hakennase und ledriger Haut, einigt sich mit dem Grenzposten auf südamerikanische Weise: Er schiebt einen Schlauch in den Tank, saugt das Benzin mit dem Mund an und lässt ein paar Liter in einen Eimer fließen.

Die Passkontrolle hat sich damit erledigt, und es geht weiter, immer entlang an der Grenze zu Chile. Sie ist gesäumt von Schnee bedeckten Vulkanen, die wie eine Barriere am Rande der Wüste emporragen und über dem Kegel des aktiven Ollagüe hängen kleine Rauchwolken in der klaren Luft.

In dieser Einöde überholen wir zwei Fahrradfahrer auf der rauen Piste, die erschöpft ihre Räder eine Anhöhe hinauf schieben und neidisch unserem Wagen hinterher blicken. „Estos gringos locos“ – diese verrückten Ausländer –murmelt Lorenzo, und schüttelt den Kopf. In der Ferne hebt sich rötlich schimmernd die von Plankton gefärbte Laguna Colorada in der braunen Landschaft ab. An ihren Ufern staksen rosafarbene Flamingos auf der Suche nach Nahrung durch das Wasser.

In der untergehenden Sonne leuchtet der See noch einmal glutrot auf, bevor die Nacht über die Einöde herein bricht. Mit der Nacht kommt die Kälte, die bis in die Knochen dringt, doch Über uns breitet sich ein Sternenhimmel aus, wie es ihn sonst nirgends auf der Welt zu sehen gibt. Kein Wunder, dass auf der anderen Seite der Grenze in Chile die Europäische Südsternwarte errichtet wurde. Denn hier, fernab von menschlichen Siedlungen und gleichzeitig dem wohl trockensten Platz auf der Erde, wird die Sicht durch nichts getrübt. Der Nachthimmel ist von Milchstraßen durchzogen, kein Stück am Firmament ohne Stern.

Zu hören ist nur der Wind und ab und an ein leisen Krächzen der Flamingos, das von der Lagune herüber dringt. Lange stehen wir da und schauen überwältigt in die Unendlichkeit, bis uns der immer eisiger werdende Wind zu unserem Abendessen und in die warmen Betten treibt.

Im Morgengrauen passieren wir die 5000 Meter Marke, es ist bitterkalt, 25 Grad unter Null. Vor uns breitet sich ein Geysirfeld aus. Glühende Lava blubbert aus Felslöchern, kochende Geysire schießen aus der Erde. Um mich ein wenig aufzuwärmen, stelle ich mich so dicht wie möglich an die Schlunde und hüpfe von einem Fuß auf den anderen. Doch hier oben in der dünnen Luft kostet jeder Schritt unendliche Kraft, und nach einigen Minuten bin ich völlig außer Atem.

Ein paar Minuten weiter liegen heiße Quellen dampfend in der Morgensonne und verströmen einen leichten Schwefelgeruch. Es kostet einige Überwindung, sich bei den Minusgraden aus der dicken Kleidung zu schälen. Aber was für eine Wohltat, sich in dem heißen Wasser zu aalen. So wunderbar warm, fast schon zu warm, war mir seit Tagen nicht mehr. Nur meine Haarspitzen, die nass geworden sind, gefrieren sofort zu Eiszapfen. Vor mir breitet sich die Steppe aus, in der Ferne suchen Vicunas, eine Lamaart, nach kargen Grasbüscheln während Maria hinter mir Rühreier brät.

Gegen Mittag sind wir an der Laguna Verde angelangt, die die Südwestliche Grenze zu Chile markiert. In der hochstehende Sonne beginnt sich das Plankton im kristallklare Wasser zu verfärben, bis der See türkisgrün leuchtet. Darin spiegelt sich der Vulkan Lincancábur mit seinem weißen Kegel. Vor der Lagune steht ein verwittertes Schild: „Esta es mi tierra. Bolivia. Bienvenido“ – Dies ist meine Heimat. Bolivien. Herzlich Willkommen.