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Salamanca (mit etwas weniger Don Quijote)

Die alte römische Brücke über den Río Tormes führt vorbei am uralten iberischen Stier, der als solcher – kopflos – praktisch nicht mehr erkennbar ist und deshalb nicht fotografiert, sondern angefasst werden will. Augen schließen und Europa sein…

 

Salamanca ist also nicht einfach irgendeine Stadt, sondern ein Ort mit Geistern und Geist. Die Völker kamen und gingen hier wie flüchtige Schatten und beinahe fühlt man sich schon selbst ganz wurmig.

„Ich Unglücklicher!“, rief Sancho, „wenn etwa dies ein Abenteuer mit Geisterspuk sein sollte, wie mir es das Aussehen hat, wo soll man Rippen genug hernehmen, um dies Abenteuer zu bestehen?“

Ein idealer Ort für einen Hort des Wissens, befand die kastilische Krone nicht von ungefähr, und so entstand 1218 die älteste Universität Spaniens. Hier soll Hernán Cortés, damals kränkelnd-schwächelnd, später berühmtester Conquistador Amerikas, einige Semester (Frauen?) studiert haben. Hier lehrte aber auch Fray Francisco de Vitoria, der Wegbereiter des modernen Völkerrechts und subtilste Gegner der Conquista. In seinen Vorlesungen De Indis bzw. „Über das kürzlich entdeckte Amerika und das Recht zum Krieg der Spanier gegen die Barbaren“ stellte er den Herrschaftsanspruch der spanischen Könige auf deren überseeische Besitzungen recht deutlich in Frage.

„Ich verstehe nichts von derlei Gelahrtheiten“, entgegnete Sancho Pansa. „Ich weiß nur, so geschwind ich die Grafschaft bekommen würde, so geschwind würde ich sie zu regieren verstehen. Also nur her mit der Herrschaft; und damit Gott befohlen und auf Wiedersehen, wie ein Blinder zum andern sagte.“

Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und in Personalunion als Carlos I damals (neben seiner Mutter Johanna der Wahnsinnigen, der eigentlichen Monarchin) auch König von Spanien, verbot Vitoria zwar daraufhin jedwede weitere Behandlung des Themas, beehrte ihn jedoch gleichwohl mit seiner Anwesenheit bei einigen Vorlesungen, um ihm so seine große Wertschätzung zu bezeugen. Diese ist auch von den damaligen Studenten überliefert, die den greisen, gichtkranken Professor – das waren noch Zeiten! – in seinen letzten Jahren sogar eigenhändig in den nur mit rohen Holzbänken ausgestatteten Hörsaal getragen haben sollen, um seinen Ausführungen lauschen zu können.

Entsprechend ehrwürdig ist die 1524-29 entstandene Fassade des Haupteingangs der Escuelas Mayores, auf der sich Karl V. nebst Gemahlin und den Katholischen Königen in einem Bildprogramm verewigen ließ und auf der allabendlich, wenn die Sonne am günstigsten steht, Herden von Touristen einen kleinen Frosch suchen.

Auch nach dem Aufschwung von Alcalá de Henares blieb Salamanca eine bedeutende Universität, der berühmte Philosoph und Schriftsteller Miguel de Unamuno war ihr – mehrmaliger – Rektor. Mittlerweile haben die Studentenzahlen wieder stark zugenommen, und heute kommen Besucher aus aller Herren Länder, um z.B. in Sprachschulen namens „Don Quijote“ spanisch zu lernen und ein gutes Leben zu führen.

Salamanca ist nicht nur eine vergeistigte, sondern auch eine reiche und stolze Stadt. Ein gutes Beispiel hierfür ist die zentral gelegene Casa de las Conchas, die 1500 Rodrigo Maldonado de Talavera, seines Zeichens Professor und Santiagoritter, für sich im Zentrum Salamancas zu errichten für passend befunden hat. Früher besaß der Stadtpalast sogar noch Ecktürme, die man heute jedoch bis auf einen kleinen Stumpf geschleift hat. Das „besondere Etwas“ der Fassade geht von den eingelassenen Jakobsmuscheln aus, die je nach Tageszeit ein anderes Schattenmuster werfen.

Zeigen sie direkt nach unten, ist man in der Sommersonne schlecht dran, denn die Straßen heizen sich auf wie ein Glutofen. Da hilft nur noch Flucht in die Siesta oder – in die Kathedrale. Aber in welche? Es gibt nämlich gleich zwei. Weil das Studentenleben ja so lustig ist, hielt man es für opportun, der alten, kleinen Kathedrale eine neue, größere beizugesellen, um möglichst allen hoffnungsvollen subversiven Schriftgelehrten eine Zuflucht vor Nachstellungen Satans zu bieten. Heute dient dieses wundersame Konstrukt als kleine touristische Ausbeutungsstelle. Aber andere Kathedralen (besonders Toledo) sind in puncto Eintritt noch weit teurer, und Salamancas heilige Hallen sind einen Besuch allemal wert. Überall gibt es etwas zu entdecken, sei es eine der ältesten Orgeln, die wunderbaren Bilder des Nicolás Florentino oder ein Grabmal, dessen auch im Tod vereintes Paar im sanften Dämmerlicht nur friedlich zu schlafen scheint.

Oder sei es die Standarte der Comuneros (vgl. http://www.caiman.de/toledo.html) mit dem Wappen der Familie Maldonado und der Lanze, an der sie ursprünglich befestigt war. Die Comuneros wollten die Herrschaft eines „ausländischen“ Königs nicht anerkennen und griffen daher gegen den jungen Karl zu den Waffen. Rache für die entmündigte Johanna, Rache für ein entmündigtes Spanien?

„Was Teufel für Rache sollen wir nehmen“, entgegnete Sancho, „wenn ihrer mehr als zwanzig und unser nur zwei, sind, und vielleicht gar nur anderthalb?“
„Ich zähle für hundert“, entgegnete Don Quijote. Und ohne mehr Worte zu verlieren, griff er zum Schwert und fiel über die Yanguesen her; und dasselbe tat Sancho Pansa, befeurt und angetrieben durch das Beispiel seines Herrn.

Am 23. April 1521 besiegte ein königliches Heer die Aufständischen bei Villalar, und seitdem wird „el pendón“ in dem gleichen kleinen Raum aufbewahrt, in dem vormals (hoffentlich mit göttlicher Erleuchtung) die Examina der Universität abgenommen wurden, was die Bedeutung der Trophäe unterstreicht. – Aber Trophäe wofür? Ist man hier Stolz auf spanischen Widerstandswillen oder doch auf den „siglo de oro“ und das große Imperium, das zu Karls Zeit für Spanien gewonnen werden sollte?

Statt mit Schildern ist Salamanca übersät mit Schriftzügen in roter Farbe: Sie weisen aus, welchem Zweck das betreffende Gebäude gerade dient, beschwören die Jungfrau Maria oder verkünden eine sinnfällige Weisheit Don Quijotes, die einen für den Rest des Tages verfolgt.

Aber trotz aller Kultur ist Salamanca vital wie man es sich nur wünschen kann. Geht man von der Kathedrale finster beseelt vom Kampfgeist der Comuneros zum Hauptplatz die Rua Mayor entlang, sollte man die französische Bäckerei nicht einfach links liegenlassen. Unsere zufriedenen Gesichter beim Verlassen derselben dienten jedenfalls prompt einer Gruppe Sprachschüler als Anlass, hier ein wenig Geld anzulegen.

Ähnliche Gelegenheiten bieten sich verschiedentlich, und wenn man abends endlich auf der Plaza Mayor angekommen ist, kommt man gerade rechtzeitig, denn nun erwacht der mittags nur für Hartgesottene betretbare Platz zu erstaunlichem Leben. „Mahou“ beziehungsweise „Sehen und gesehen werden“ lautet hier das Motto. Wenn die Nacht hereinbricht, verwandeln sich mehr und mehr auch die zentralen Fußgängerstraßen in ein einziges langes Café-Restaurant. Die angestrahlten Fassaden geben dem gelben, noch immer aufgeheizten Sandstein, aus dem die gesamte Altstadt erbaut ist, einen warmen Ton, der die Eindrücke des farbsatten Abendlichtes festzuhalten scheint.

Als Sancho diese Worte seines Herrn vernahm, brach er mit der denkbar größten Rührung in Tränen aus und sprach zu ihm: „Señor, ich weiß nicht, warum Euer Gnaden sich in dies schreckliche Abenteuer stürzen will; es ist jetzt Nacht, hier sieht uns keiner; ganz gut können wir einen andern Weg einschlagen und der Gefahr ausweichen, sollten wir auch drei Tage lang nichts zu trinken bekommen. Und da niemand da ist, der uns sieht, ist umso sicherer niemand da, der uns der Feigheit bezichtigen kann.“

Wer glaubt, dass die beiden Kathedralen der Stadt bereits mehr als genug des Sakralen sind, der irrt im Falle Salamancas gewaltig und hat die früher um die Gunst der Studenten und Macht wetteifernden Orden nicht bedacht. Das, was die Dominikaner beispielsweise an Klosterkirche aufboten, übertrifft an Kunstfertigkeit, Größe und Erhabenheit seinerseits so manchen Dom.

Wie Sancho Pansa den Mönch am Boden liegen sah, stieg er behende von seinem Esel, stürzte auf ihn los und begann ihm die Kleider abzuziehen. Indem kamen die zwei Maultierjungen herbei und fragten ihn, warum er den Mönch entkleide. Sancho antwortete, das komme ihm von Rechts wegen zu, als Beute des Kampfes, den sein Herr Don Quijote siegreich bestanden habe. Die Jungen, die keinen Spaß verstanden und von Beute und Kampf keinen Begriff hatten, warfen sich auf Sancho, dieweil sie sahen, dass Don Quijote sich bereits von dort weggewendet. Sie rissen ihn zu Boden, rauften ihm den Bart, dass kein Haar daran blieb, zerdroschen ihn mit Fußtritten und ließen ihn ohne Atem und Besinnung am Boden hingestreckt liegen.

Vor dem Dominikanerkloster steht die Statue Francisco de Vitorias; eine Gedenktafel erinnert an Diego de Deza, den Fürsprecher des Kolumbus. Überhaupt sind die „domini canes“, die „Hunde des Herrn“, genannten Initiatoren der Inquisition hier bemüht, sich als die reinen Menschenfreunde darzustellen. Im oberen Stockwerk wird der mit lieblichen Klängen eingelullte und friedlich gestimmte Besucher mit zahlreichen ethnologischen Ausstellungsstücken und monumentalen Schriftzügen konfrontiert, die „beweisen“, dass alle Dominikaner überall auf der Welt wie Bartolomé de Las Casas gewesen sind.

Andere Orden und insbesondere die Jesuiten wollten dem natürlich keineswegs nachstehen und trumpften mächtig auf. Gerade ihr Beitrag ist allerdings Geschmackssache. Immerhin haben sie der Stadt zu einer Straße verholfen, die schlicht „Jesús“ heißt. (Natürlich wollten wir nirgends sonst wohnen, und wenn zufällig jemand dort am „Hostal Estefania“ vorbeikommt und uns die dort vergessenen zwei Jacken mitbringt, dann ist er unser Held und bekommt allermindestens den hervorragenden Roman „Kussbeschuss“ als Anerkennung besonderer Verdienste. Ansonsten ist das betreffende Hostal übrigens, sauber und günstig, sehr zu empfehlen!)

Sehenswert ist zudem allemal Santa María de las Dueñas. Obwohl in dem Nonnenkloster alles eine Nummer kleiner wirkt als in den Anwesen ihrer männlichen Standesgenossen, birgt es doch einen ganz besonderen Schatz: Die skurrilen, grotesken und teilweise erotischen Kapitelle im ersten Stockwerk. Dies als architektonischen Schmuck gerade für ach so weltabgewandte Dominikanerinnen vorzufinden, ist – gelinde gesagt – erstaunlich.

Wir beschließen unseren kleinen Gang durch Salamanca natürlich im Café „Don Quijote“. Einfach einmal Zeitung oder Don Quijote lesen, Tapas essen und sich eine kalte Cerveza gönnen.

Der Wirt, der sah, wie er dovonritt und nicht zahlte, machte sich an Sancho Pansa, um sein Geld zu bekommen. Der aber sagte, nachdem sein Herr nicht habe zahlen wollen, so werde auch er nicht zahlen; denn da er der Schildknappe eines fahrenden Ritters sei, so gelte dieselbe Regel und Rechtsordnung für ihn wie für seinen Herrn, nämlich durchaus nichts in Wirtshäusern und Schenken zu zahlen. Darüber wurde der Wirt sehr aufgebracht und drohte ihm, wenn er nicht zahle, so werde er sich sein Geld auf eine Weise verschaffen, dass es ihm übel bekommen solle. Sancho erwiderte ihm, nach den Gesetzen des Rittertums, das seinem Herrn zuteil geworden, würde er nicht einen einzigen Pfennig bezahlen, wenn es ihn auch das Leben kosten solle; denn er wolle nicht daran schuld sein, dass der gute Brauch der fahrenden Ritter abkomme, noch solle irgendwelcher Knappe der besagten Ritter, der künftig auf die Welt kommen würde, sich über ihn beschweren und ihm die Verletzung eines so gerechten Gesetzes vorwerfen.

Nur für Besitzer schneller Esel zur Nachahmung empfohlen.

PS: In betreff des Esels hatte Don Quijote einiges Bedenken und überlegte hin und her, ob er sich irgendeines fahrenden Ritters entsinnen könne, der einen Schildknappen eselhaft beritten bei sich gehabt hätte; aber es kam ihm keiner in den Sinn.