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Saftladen Katalonien

Im Leben eines jeden katalanischen Hauses gibt es diverse Leitungen, die in der Wahrnehmung des, mit dem ästhetischen Auge deutscher Präzisionsversorgung von Haushalten mit Saft aller Art ausgestatteten, temporären Aussiedlers chaotisch anmuten. Scheinbar ohne durchdachtes System baumeln meist schwarze Kabel zwischen Häusern oder Häusern und morschen Holzmasten.

  Notiz genommen von der dilettantischen Handhabung der fließenden Kraft und Daten habe ich eigentlich erst, als wir unserem mobilen Büro ein wenig Halt in Form eines Telefonanschlusses gewährten. Wie immer viel zu beschäftigt, dem Telefonicamonteur Frage und Antwort zu stehen, überließen wir diesem die Vernetzung des Hauses mit der Welt; und staunten nicht schlecht über das Kabel, das von nun an in zwei Meter Höhe über die Terrasse gespannt war. Folgt man dem Verlauf im Anschluss an die Terrasse, so führt es drei Meter die Wand entlang bis zu einer Art Verteiler, schließt sich dort der Stromleitung an, die mit ordentlich Spannung frei schwebend die sieben Meter zum Nachbarhaus überwindet, indem sie mit einer einfachen Halterung in die jeweilige Wand gedübelt ist, die dem Druck tatsächlich standhält.

Apropos Wand. Sie ist der eigentliche Grund unseres vier Tage Besuches im Norden Spaniens an der Mittelmeerküste. Ein LKW hatte vor geraumer Zeit am Vormittag eines normalen Wochentages eine 50 Zentimeter dicke Wand am Eingang zum Hof so gerammt, das sie wohl den Winter über nicht überleben wird. Die junge Frau aus der Apotheke war nicht schnell genug auf der Straße, um das Nummernschild des flüchtigen Fahrers zu erfassen.

Der Sohn der Dorfschönheit konnte sich immerhin die Hälfte der Nummer merken und der Schreiner auf der anderen Straßenseite verdächtigt einen, bisweilen dem Wein zusagenden, Bauer aus dem Nachbardorf. Die Polizei wollte dem Fall nicht nachgehen, da, so die dort vorstellig gewordene Dorfschönheit, es sich bei dem Fahrer wahrscheinlich um keinen Kriminellen handele. Mein Part bestand nun darin, bei der Bürgermeisterei eine geeignete Maßnahme zu erwirken, die scheinbar mit einer magischen Anziehungskraft für LKW ausgestattete Mauer schützen zu lassen, etwa durch die Versetzung eines Stoppschildes. Für diesen Behördengang hatte ich den zweiten Tag unseres Kurztrips auserkoren.

Am ersten Tag aber, wir hatten gerade die Computer aufgestellt und zu arbeiten begonnen, parkte ein mit Holz beladener Lastzug vor der Tür des Schreiners, was eigentlich nichts Ungewöhnliches darstellt. Warum er dann zum Entladen aber einige Meter vorzog, weg vom Eingang hin zum gespannten Kabel, ist mir ein Rätsel.

Jedenfalls erwischte er schon mit dem ersten Einsatz seines Krans das zwischen Schreiner und uns querverstrebte Kabeldoppel aus Telefon und Strom und riss es soweit mit sich, das der nächste passierende Trecker oder Transporter, geblendet von der spanischen Sonne und berauscht an der spanischen Wonne wohl den Komplettabriss der Verkabelung zur Folge haben würde.

Unten auf der Straße standen sie nun: Schreiner und Unglücksrabe Holzmann. Dazu gesellten sich zwei Passanten (denke es war ein Pärchen aus der Nachbarschaft), der Retter der Telefonica, viel zu schnell an Ort und Stelle, als dass es hätte wahr sein können, und der Chef der Straße, seines Zeichens Beauftragter des Bürgermeisters zur Gewährleistung der Ordnung im Dorf mit zwei seiner Lakaien. Der Schreiner hielt sich fast unbemerkt im Hintergrund, scheute wohl die Menschen. Holzmann setzte ein permanentes, leicht verlegen wirkendes Grinsen auf und geizte nicht mit Achselzuckern. Der Telefonicamonteur wirkte extrem angespannt und versuchte viel zu hektisch einen Gurt, den man für das Festzurren von Gegenständen aller Art auf Paletten benutzt, über das Stromkabel, das aus seiner Verankerung an des Schreiners Wand gerissen war, zu werfen – weiß der Teufel wozu, bis ihm ein Lakai eine Leiter brachte.

Diese erklomm er dann geschwind, schwang den Gurt halbherzig um die ebenfalls an der Wand montierte Straßenlaterne und nutzte diese somit als neue Halterung für die beiden Kabel, die er aber nicht mehr allzu sehr auf Spannung brachte. Runter von der Leiter ins Auto und weg, uns entgegen schreiend, er wäre nur zufällig hier vorbei gekommen, hätte mit diesem Bezirk nichts zu tun. Ade Telefonica, Ade für Tage.

Der Chef der Straße meinte, dass dieses Provisorium doch erst einmal genügen sollte, er wolle sich aber umgehend an die zuständige Telefonicafiliale wenden. Und so löste sich die Menge auf.

Zwei Stunden später streifte die Antenne eines ländlichen Erntefahrzeugs das Kabel, welches sich dadurch einige Zentimeter gen Boden neigte. Daraufhin zog ich meinen Besuch beim Ayuntament vor in der Hoffnung, den Bürgermeister anzutreffen. Vergebens. Besetzt war das viel zu groß wirkende Gebäude allein mit der Tochter des Schreiners, der Vorzimmerdame. Zumindest so hoffte ich, dass auch sie, die wie ihr Papa in unserem betroffenen Nachbarhaus lebt, ein Interesse daran hätte, dass so schnell wie möglich etwas unternommen würde. Doch leider konterte sie meine Aufgeregtheit gelassen, die Telefonica käme ja gleich. Und um das dickere Stromkabel könne man sich erst kümmern, sobald die Telefonica ihr Kabel in Ordnung gebracht habe. Punkt. Punkt? Punkt! Der Sache mit der Einsturz gefährdeten Mauer jedoch nahm sie sich gerne an. Und gemeinsam formulierten wir einen Antrag auf die Platzierung eines Schutzes, wie etwa der Versetzung des Stoppschilds. Die Kopien des Antrags besänftigten mich ein wenig, obwohl ich, meine positive Einstellung mal für einen Augenblick abschaltend, keine Sekunde daran glaubte, dass sich das besagte Ayuntament in dieser Angelegenheit aus der Lethargie reißen lassen würde.

Dann ward es Abend und Nacht.

Und in den frühen Morgenstunden riss er mich dann aus dem Schlaf, der Lärm, den ein Baufahrzeug mit hochgestellter Schaufel und blinkendem Gelblicht auf dem Dach verursachte, welches mit Vollgas unsere Kabel erwischte und samt Straßenlaterne von der Wand riss. Als Ergebnis hing das Kabel nun auf Brusthöhe herab und selbst PKWs bekamen Probleme mit der Durchfahrt. Bis zwei Stunden später der Chef der Straße mit seinen Helfern eintraf, schützten ein Handtuch und ein Parkverbotschild, das ich im Keller gefunden hatte, vor weiteren Unfällen.

Doch leider war die Arbeit der Ordnungseinsatztruppe noch provisorischer als die des Telefonicamannes vom Vortag und das bedeutete, dass uns ein Tag in Angst und Schrecken bevorstand, jeden Moment ohne Strom und Internet dazustehen, was in anbetracht des abzuliefernden Auftrags, einem Desaster gleichgekommen wäre.

Bei jedem Geräusch, das ein größeres Auto ankündigte, sprangen wir auf die Straße, um vor dem Kabel zu warnen.

Ein weiteres Vorsprechen beim Ayuntament blieb erfolglos. Und auch die Chefin der Apotheke, die als dritte von einem Ausfall der Elektrik und Kommunikation betroffen gewesen wäre, war zunächst nicht von der Tragweite der gegenwärtigen Situation zu überzeugen.

Das allerdings änderte sich, als ein Schrotthändler die Straße runter donnerte, das Kabel sah, abbremste, überlegte, was zu tun wäre, Gas gab, das Kabel einen Meter mit sich riss, im Rückspiegel meine Kamera aufblitzen sah, fluchend ausstieg, wissen wollte, wozu wir Fotos schossen, daraufhin seinen Mitfahrer auf das geladene Gerümpel schickte und schließlich mit äußerster Vorsicht die Gefahrenstelle passierte.

Das Kabel hing wieder einundeinhalb Meter tiefer.

Nun erkannte auch die Apothekerin den Ernst der Lage und funkte ihrerseits in Richtung Ayuntament und Telefonica. Gegen drei Uhr nachmittags startete ich einen erneuten Versuch, erfuhr aber von der Schreinertochter nur, dass sie am heutigen Freitag hier und jetzt das Ayuntament schließen würde, die Telefonica aber auf jeden Fall heute noch vorbeikäme und sich zudem am Nachmittag der Chef der Straßensicherung dem Kabel annehme. Bange Stunden verstrichen.

Dann schloss die Apotheke und unsere letzte Verbündete verließ das Schlachtfeld, jedoch mit dem Hinweis, dass ich nach neun Uhr den Bürgermeister im Ayuntament treffen könne, weil er dort eine Abendveranstaltung leite. Fünf vor neun, oh Wunder, begann der Chef vom Dienst die Straße abzuriegeln und begab sich eigenhändig mit einem Lakei an die Arbeit.

Eine Stunde später war die Straßenlaterne entfernt und das Kabel schwebte in relativ beruhigender Höhe. Dann kamen das Wochenende und unserer Heimflug. Und wir haben noch nichts Negatives aus der spanischen Heimat erfahren. Könnte heißen, es ist bislang nichts passiert, es wurde von der Telefonica der alte Zustand wieder hergestellt, die Apothekerin hat vergessen, dass sie uns im Falle eines erneuten Kabelabrisses in Deutschland informieren wollte, oder ihr fehlt aufgrund des Kabelabrisses der Saft.

Written by dirk klaiber

dirk klaiber

dirk klaiber, geb. 1969, lebt in berlin, ist herausgeber des online kultur- und reisemagazins caiman.de / internet: www.caiman.de

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