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Rezension: „Unter dem Drachenbaum“ von Horst Uden (12/2007)

Legenden und Überlieferungen von den Kanarischen Inseln

„Unter dem Drachenbaum“ ist ein gut gewählter Titel für eine Sammlung von historischen Legenden und vom Autor Horst Uden (1898 – 1973) anlässlich seiner Reisen in den 1930er Jahren selbst erlebten Anekdoten über die Kanarischen Inseln.

Kontakt zum Verlag:
Zech-Verlag, Santa Cruz de Tenerife
Tel./Fax: 0034-922302596
www.zech-verlag.com

Denn geheimnisvoll und urtümlich wie ein Drachenbaum, wie jener Dinosaurier unter den Bäumen, präsentieren sich die von Uden spannend formulierten Legenden von den „Inseln der Glückseligen“, von denen die meisten noch aus der Zeit der Guanchen stammen.
Der Autor geht also zurück zu den historischen Wurzeln der Kanarischen Inseln und gibt den Sagen der von den Spaniern verdrängten Ureinwohnern wieder eine Stimme – wie in der Erzählung über das Wunder des „Regenbaums“ auf der mysteriösen und kleinsten der sieben bewohnten Inseln des Archipels: El Hierro.

Für jede einzelne der Kanaren präsentiert der Autor jeweils mindestens eine mythische Legende aus der Guanchenzeit vor der spanischen Eroberung und mindestens eine Episode aus der spanischen Epoche nach dem 15. Jahrhundert, manchmal ist auch eine selbst erlebte Kuriosität aus dem 20. Jahrhundert dabei. Und Horst Uden vergisst auch nicht, der nicht existenten „Phantasie-Insel“ San Borondón eine amüsante Erzählung zu widmen.

Die Motive dieser Sammlung kanarischer Geschichten ist sehr abwechslungsreich. Von tragischen Dramen (die leidenschaftliche Liebesgeschichte von Mirca und Niquiomo auf La Palma) über mythologische Märchen (z.B. über den Ursprung der beiden uralten Kiefern von Vilaflor auf Teneriffa) bis hin zu humorvollen Momenten (der „Drachentanz“ beim Fronleichnamsfest auf Lanzarote oder eine „entgleiste“ Prozession, die auf der Insel La Gomera den ersehnten Regen herbei zaubern soll), ist alles vertreten.

Dabei mag für manch jüngeren Leser der Erzählstil von Horst Uden gewöhnungsbedürftig sein. Eine Kostprobe: „Tiefblau, wolkenlos, strahlt der Himmel wie dunkler Saphir, in den der Kegel des Teide sein flimmerndes Haupt stößt. Golden schießt die göttliche Magec, die ewige Sonne, ihre segensspendenden Pfeile über das glückliche Tal von Arautápala.“

Die Sprache des Autors ist auch ein Zeugnis deutscher Spätromantik, damit beschreibt er die Kanaren mit den Augen und Worten, wie viele Reisende des 19. und frühen 20. Jahrhunderts diese zauberhaften Inseln sahen – lange vor dem an manchen Stellen verheerenden Bauboom, der durch den Massentourismus und Spekulantentum ausgelöst wurde. Horst Udens Werk ist ein Sprachdokument aus einer Zeit, in der Reisen noch das Privileg einiger weniger Auserwählter war. Und es ist nicht frei von Pathos. Das mag nicht jedem Geschmack entsprechen, aber jedenfalls ist seine Sammlung kanarischer Impressionen für jeden wirklich interessierten Besucher der Kanarischen Inseln ein Muss, da sie eine Fülle von facettenreichen Eindrücken und kulturhistorischen Hintergrundinformationen gibt.