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Rezension: Geschichte einer Plünderung

Eine politische Dokumentation von Fernando Solanas

Im Dezember 2001 bricht das argentinische Bankensystem zusammen und verzweifelte Menschen, die nicht mehr an ihr Erspartes oder ihren Lohn kommen, ziehen vor die Casa Rosada und lärmen mit ihren leeren Kochtöpfen und Pfannen solange, bis Präsident Fernando de la Rúa vor der „Revolution der Kochtöpfe“ kapituliert und seinen Rücktritt erklärt.

Die Bilder gingen um die Welt und wurden leider viel zu schnell wieder vergessen. Zu komplex waren die Zusammenhänge, um sie auf ein brauchbares Medienformat zu kürzen. Und der vermeintliche Sieg der Argentinier war, wenn überhaupt, nur von kurzer Dauer, denn geändert hat sich nicht viel. Heute leben wieder 18 Millionen Argentinier von einem Dollar pro Tag oder weniger.

Der Filmemacher Fernando Solanas, seit dreißig Jahren eine der kritischen Stimmen und Beobachter des politischen Geschehens in Lateinamerika, ist in seinem neuesten Film „Memoria del Saqueo“, auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Geschichte einer Plünderung“, der ewigen Frage nachgegangen, weshalb in einem so reichen Land wie Argentinien so viel Armut und Hunger herrschen kann. Eine Frage übrigens, der viel zu wenig im Detail nachgegangen wird, und zwar nicht nur in Argentinien.

memoria_del_saqueoErschienen auf DVD bei Pegasos Filmverleih und Produktion GmbH
www.pegasosfilm.de
Argentinien 2004, Farbe, 35 mm, 118 Minuten, Format: 1:1.85,
Spanisch mit deutschen Untertiteln

In zehn Kapiteln, erst chronologisch, dann an thematischen Kapitelüberschriften orientiert, lässt Solanas prominente Wirtschaftsexperten, Gewerkschaftler, Soziologen und Insider der ehemaligen Regierung Menem, Oppositionelle und das einfache Volk in Gestalt von Müttern, die ihre Kinder nicht mehr ernähren können, Ärzten, die nicht wissen, was sie einer minderjährigen Patientin, die auf der Müllkippe lebt, als Ernährungstipp mit auf den Weg geben sollen, zu Wort kommen. Die Bilder sind kombiniert mit Archivmaterial, das am entlarvendsten ist, wenn es unkommentiert bleibt.

In zeitlichen Rückblicken bis 1976 erfahren wir den Übergang von Militärdiktatur zur Demokratie und die Wirtschaftspolitik besonders des angeblichen Neoperonisten Carlos Menem und seiner Nachfolger. Hier leider liegt eine inhaltliche Schwäche des Films, denn Solanas wirft Menem vor, dass er eben nicht à la Peron einen gesunden Anti-Imperialismus an den Tag legte, sondern sich mit seinem vorauseilenden Gehorsam zum Lieblingskind des IWF machte. Letzteres entspricht zwar der Realität, unterstellt aber, dass der in Argentinien immer noch als Maßstab gesetzte Perón seinerzeit eine umsichtige Wirtschaftspolitik betrieben habe. Und das wiederum entspricht keineswegs der Realität. Perón war in der historisch glücklichen Lage gewesen, auf so viele Ressourcen zurückgreifen zu können, dass er sich die Zustimmung der Arbeiterschicht und Gewerkschaften mit finanziellen Zugeständnissen erkaufen konnte. Auf Dauer hätte das damals aus den Weltkriegen reich gewordene Argentinien auch das nicht mehr finanzieren können. Der Mythos Perón lebt dennoch weiter.

Bis in die späten neunziger Jahre wurde Argentinien in den westlichen Tempeln des Neoliberalismus als Vorzeigemodell gehandelt. Die 1:1 Bindung des Peso an den Dollar, der Wegfall sämtlicher Kapitalverkehrskontrollen und die unglaublich hohen Zinsen zu unglaublich niedrigen Risiken waren ein gefundenes Fressen für gieriges internationales Kapital. Die Kommentare der ehemaligen Mitspieler in der Regierung und das Archivmaterial geben eine deutliche Antwort auf die Frage, wie diese Plünderungen genau stattgefunden haben. Das Geld gehortet haben korrupte Politiker, die sie bestechenden nationalen und internationalen Wirtschaftsbossen und ihre Klientel verratende Gewerkschaftler, die in einer weltweit beispiellosen Privatisierungsorgie Gewinn bringende nationale Industrien stillgelegt oder verkauft, Ressourcen zu Schleuderpreisen an ausländische Konzerne verhökert, dem ungebremsten Warenimport stattgegeben und die sozialen Versorgungssysteme ausgehöhlt haben. Die Eliten haben dabei das Geld natürlich nicht im eigenen Land angelegt, bereits in den neunziger Jahren haben auch Durchschnittsargentinier, sprich die massiv schwindende Mittelklasse, wenn sie es sich leisten konnte, ihr Geld nicht den eigenen Banken anvertraut.

Noch einige Worte zum Regisseur selber: Für sein Lebenswerk erhielt der fast siebzigjährige Solanas im Februar 2004 einen Goldenen Ehrenbären auf der Berlinale. Bekannt wurde er durch seinen ebenfalls politischen Film La Hora de los Hornos, Die Stunde der Hochöfen, der 1967 zu einem Schlüsselfilm des lateinamerikanischen Kinos wurde. Mitte der siebziger Jahre ging er nach Morddrohungen ins Exil und kehrte erst nach Ende der Militärdiktatur nach Argentinien zurück. Sur, El Viaje und La Nube gehören zu den bekannteren seiner Filme der letzten Jahre. Nicht nur Solanas` Filmschaffen zeugt allerdings von seinem politischen Engagement, er gründete eine eigene Partei, die Frente del Sur und war von 1993 bis 1997 selber Abgeordneter im argentinischen Parlament. Während dieser Zeit überlebte er ein Attentat nur mit Glück und sechs Kugeln im Bein. Ein Prozess gegen die Attentäter hat bis heute nicht stattgefunden.

Ja, „Geschichte einer Plünderung“ ist emotional und das darf der Film auch sein. Er ist handwerklich sehr gut gemacht, unterhaltsam mit seinem unaufdringlichen ironischen Unterton, leider ein wenig zu dicht bepackt mit Informationen, was aber in der Natur des Diskurses liegt, aber und vor allem: es ist ein wichtiger Film! Argentinien gehört leider nicht zu den so genannten Gewinnern der Globalisierung. Es gibt noch immer zu wenig und zu wenig durchdachte Diskussionen und kluge Denkanstöße um die Auswirkungen der weltwirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, trotz Kochtopfrevolution. Solanas wandte sich nach Ablauf seiner Legislaturperiode wieder dem Kino zu, da er „als Künstler eingesehen hat, dass er mit seinen Filmen mehr erreicht als in der Politik“. Geschichte einer Plünderung: unbedingt anschauen!