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„Rette sich wer kann!“ (07/2016)

Interview mit Gaby Moreno

Gaby Moreno, Sängerin aus Guatemala, die im Alter von 19 Jahren nach Los Angeles zog, hat ihr neues Album „Illusion“ (/07_16/kol_4/index.shtml) auf einer Tournee im Studio 672 in Köln vorgestellt. Die Gelegenheit zu einem Interview…

Auf der Suche nach Videos zu deinem neuen Album bin ich auf den Song „Fuiste tú“ gestoßen, der sehr untypisch für Dich ist und mich eher an Stücke von Ricky Martin erinnerte…
Das Thema ist nicht von mir, sondern von Ricardo Arjona, der in Lateinamerika sehr bekannt ist. Er macht kommerzielle Popmusik und seine Lieder kennt fast jeder. Aber im Gegensatz zu Ricky Martin ist er auch ein Komponist und verfasst bessere, sehr kritische Texte. Er hat mich eines Tages angerufen. Ich wusste, wer er war, da er nun mal berühmt ist und der bekannteste guatemaltekische Musiker, aber persönlich kannte ich ihn nicht. Er fragte mich dann, ob ich dieses Lied von und mit ihm singen wollte, auch wenn es nicht typisch für mich wäre. Es würde sicher ein kommerzieller Erfolg werden in Lateinamerika. Und genau das ist passiert, ich wurde viel bekannter. Danach gab es Leute, die meine eigenen Kompositionen anhörten und denen sie zu sehr abwichen von „Fuiste tú“, aber andererseits haben auch Viele meine Musik so überhaupt erst entdeckt…

„Nobody to love“, „Love is gone“, diese Titel deuten auf eine persönliche Krise hin…
(Lacht!) Nein, sie handeln nicht von meiner Situation. Aber es gibt Millionen Lieder über die überbordende Liebe und darum schreibe ich lieber etwas über die zerstörte Liebe. Und so kann ich die Musik auch etwas düsterer komponieren.

Diese eher „düstere“ Seite kommt in Lateinamerika ja nicht so häufig vor in der Musik…
Nein, aber es gibt dort Lieder, die „cortavenas“ genannt werden, die von der zerbrochenen Liebe, Traurigkeit etc. handeln. Bei „Sálvese quien pueda“ bin ich noch etwas weiter gegangen: ein Blues, der von einem Sklavendorf in den Zuckerrohrplantagen handelt, in dem alles schrecklich ist. Es passieren und passierten in Guatemala und der Welt so schlimme Dinge und dafür steht dieses Lied, als Metapher sozusagen: „Rette sich wer kann“.

Und welche Musik hast Du als Teenager in Guatemala gerne gehört?
Nach einer Reise in die USA mit meinen Eltern – so im Alter von 13 – hörte ich Blues, Jazz, Soul und Funk, ich hatte mir ganz viele Alben mitgebracht. Das war für einen Teenie dort sehr ungewöhnlich, ich hatte Poster von Buddy Guy und Jimi Hendrix im Zimmer hängen. Erfreulicherweise fanden meine Eltern das ok.

Eine sehr moderne Familie…
Ja, dadurch, dass meine Eltern in der Unterhaltungsindustrie, nicht in der Musik, tätig waren, hatten sie viel Verständnis und haben mich schon früh auf Festivals singen lassen. So habe ich u.a. im Alter von 13 ein Konzert für Ricky Martin eröffnet.

Hast Du nicht Bohemia Suburbana oder Alux Nahual gehört?
Sehr lustig, diese Namen jetzt zu hören, zum Teil kannte ich die Musiker. Diese Musik habe ich natürlich auch gehört, genauso traditionelle Lieder. Aber ich bin schon im Alter von 19 nach Los Angeles gezogen, um Musik zu studieren, so dass ich von Guatemala nicht mehr viel mitbekommen habe. Ich wollte immer international tätig sein und nicht nur in Guatemala spielen. Alux Nahual sind eine tolle Band, aber außerhalb von Zentralamerika kennt sie keiner. Manche sind damit zufrieden, ich nicht. Ich habe schon als kleines Mädchen davon geträumt, in die USA oder nach Europa zu gehen.

Hast Du vom Bürgerkrieg als Kind etwas mitbekommen?
Nicht viel, Gott sei Dank. Ich lebte in der Hauptstadt, in einem condominio, und die meisten Gräueltaten passierten auf dem Land. Tatsächlich war das Leben für mich damals ruhiger als heute, wo man wegen der Kriminalität nicht mehr auf die Straße gehen kann. Erst auf der Schule, als ich so 15 war, machten wir ein Projekt über den Bürgerkrieg und ich war wie vor den Kopf gestoßen, dass das in meinem Land geschehen war.

Vor allem auf deinem Album „Illustrated songs“ entdecke ich eine Vorliebe für die Musik der 20er / 30er Jahre, wieso?
In einem Club in Los Angeles, „Largo“, bin ich öfter aufgetreten und dort legten sie vor dem Konzert immer solche Musik auf. Und das hat mich fasziniert, mich direkt in eine andere Epoche geschossen, mich sehr berührt. Und dann gab es da noch ein Stummfilmkino mit Orgelspieler, das ich oft besucht habe. Diese Musik erzeugt Gänsehaut bei mir.

Auf „Illusion“ gewinnen musikalisch die USA mehr an Einfluss, oder?
Ich lebe nun schon 16 Jahre in den USA und die Kultur, die Musik – Folk, Americana etc. – haben natürlich Einfluss auf mich. Aber Blues und Jazz habe ich auch vorher schon sehr geliebt. Ich hatte nie großes Interesse daran, eine typische Latino-Sängerin zu werden. Mir gefällt es auf Spanisch zu singen, und hier und da einen lateinamerikanischen Rhythmus oder ein Instrument von dort einzubauen, aber ich wollte mich nie einschränken, nur weil ich eine Latina bin. Ich bin also eine Latina, die Blues, Jazz usw. auf zwei Sprachen singt. Hinzu kommt, dass ich so natürlich ein größeres Publikum erreiche.

Und wann schreibst Du die Texte in Spanisch oder Englisch?
Gute Frage… ich schreibe die Musik und begleite sie dann oft mit Unsinnswörtern singend. Und manchmal wird daraus ein Text, mal in Spanisch, mal in Englisch, es gibt kein System.

Ich dachte, es hängt vielleicht mit dem Thema zusammen…
Manchmal ja. Das Stück „Fronteras“, das von einer Erfahrung handelt, die ich und alle Latinos in den USA machen, nämlich, dass wir zwischen zwei Kulturen leben, dass wir mit einem Bein immer in unseren Ländern stehen, aber gleichzeitig Vieles aus den USA annehmen, es mischen und uns gut dabei fühlen. Das musste ich in Spanisch schreiben, auch, um meine Landsleute damit zu erreichen.

Wieso hast Du Dir den mexikanischen Titel „La Malagueña“ als einzige Fremdkomposition ausgesucht?
Ich liebe es! Wie viele lateinamerikanische Klassiker hat es Leidenschaft! Ich singe bei meinen Konzerten einige solcher Lieder und wurde immer wieder aufgefordert, „La Malagueña“ auf ein Album zu nehmen.