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Recht auf Familie und elterliche Fürsorge

In den USA gibt es eine heftige Diskussion darüber, wie man mit Kinder umgehen soll, die sich alleine von Mittelamerika quer durch Mexiko auf den gefährlichen Weg in die USA aufmachen, um dort bei ihren Eltern zu leben. Kann man sie einfach zurück schicken? Die Meinungen sind gespalten, denn diese Kinder fordern im Grunde nur ein Recht ein, dass ihnen die UN-Kinderrechtskonvention zugesteht: Das Recht auf eine Familie und elterliche Fürsorge.

Ihre Geschwister spielen schon draußen, doch Katharina sitzt an ihrem Schreibtisch und macht Hausaufgaben. Sie trägt noch ihre blaue Schuluniform, ihre langen schwarzen Haare sind zu zwei ordentlichen Zöpfen geflochten. Immer wenn sie aufschaut, sieht sie auf das Foto ihrer Eltern. Manchmal bleibt ihr Blick daran hängen und verliert sich dann in der Ferne. Die 13-Jährige hat ihre Eltern zum letzten Mal vor drei Jahren gesehen: ‚Meine Eltern leben in Boston in den USA. Sie wollen uns ein besseres Leben ermöglichen und dazu müssen sie Geld verdienen – vor allem das Schulgeld, für mich und meine Geschwister. Doch es macht mich traurig, dass sie nicht bei uns sein können.‘ Katharina lebt in Santa Teresa, einem kleinen Dorf im Norden Guatemalas, in dem nur selten ein Auto die Hühner von der Straße scheucht.

Das Haus, in dem sie wohnt, ist gemauert, die Großmutter kann reichlich Essen auftischen und das Schulgeld wird pünktlich bezahlt. Nichts davon könnten Katharinas Eltern finanzieren, wenn sie in ihrer Heimat geblieben wären. Dann hätten sie weiter als Tagelöhner auf der Kaffeefarm des Großgrundbesitzers arbeiten, genau wie all die Anderen. Katharinas Eltern haben die Schule nur bis zur 6. Klasse besucht. Mit 12 Jahren standen sie bereits auf der Plantage. Ihre Kinder sollten es einmal besser haben. Deshalb machten sie sich auf die gefährliche Reise quer durch Mexiko in die USA. Katharina und ihre beiden Geschwister, den neunjährigen Gabriél und die elf Jahre alte Anna, ließen sie bei den Großeltern zurück.

Doch die Familie ist kein Einzelfall. ‚Es gibt bei uns im Dorf viele Kinder, die bei ihren Großeltern leben. Manchen Kindern geht es dabei nicht gut, denn sie verstehen sich mit ihrer Oma und ihrem Opa nicht. Ich danke Gott dafür, dass er mir gute Großeltern gegeben hat, die sich wirklich um uns kümmern. Aber es ist trotzdem nicht dasselbe, als wenn unsere Eltern hier wären. Meine Geschwister und ich fühlen uns schon oft einsam‘, erzählt Katharina.

Als Katharina das erzählt, werden ihr Augen feucht und sie wischt sich verschämt mit dem Ärmel darüber. Aber sie bleibt tapfer sitzen, vielleicht auch, weil Pater Fidel Miranda mit ihr in dem kahlen Wohnzimmer der Großeltern sitzt. Er kennt Katharina seit vielen Jahren und er ist für sie nicht nur Seelsorger, sondern auch ein wenig Vaterersatz – so wie für unendlich viele andere Kinder in seiner Diözese San Pablo. „Ich schätze, dass etwa von der Hälfte der Kinder hier entweder beide Eltern oder zumindest ein Elternteil in den Vereinigten Staaten sind. Die Kinder leben bei ihren Großeltern, bei Onkel oder Tante, manchmal bei den älteren Geschwistern. Aber im Grunde sind sie alleine. Sie haben zwar zumeist etwas Geld und mehr Sachen als andere Kinder, aber sie sagen mir oft, dass sie eigentlich Zuneigung brauchen, jemand, der ihnen zuhört, Zärtlichkeit. Die Elternliebe ist einzigartig, nichts kann sie ersetzen“.

Fidel Miranda ist Mitte 30, er trägt Jeans und ein schwarzes Hemd, darüber eine Lederjacke. Dass er Priester ist, erkennt man nur an dem weißen Kolar an seinem Kragen. Er hat in der eigenen Familie erlebt, wie sehr den Kindern die Eltern fehlen und wie schwierig es ist, sie zu ersetzen. Als Seelsorger tut es ihm in der Seele weh, dass er oft keine Antworten auf die Fragen der Kinder hat: „Sie sind sehr verletzt. Sie können nicht begreifen, warum die Eltern sie verlassen haben. Vom Verstand her vielleicht schon, aber nicht vom Gefühl her. Ich sage ihnen dann ’schau, deine Eltern sind weggegangen um zu arbeiten, damit du eine bessere Ausbildung bekommst, weil sie wollen, dass es dir später besser geht.‘ Aber für die Kinder ist das keine ausreichende Antwort.

2000 Kilometer weiter südlich. Die Provinzhauptstadt Santiago de Veraquas in Panama. Im Aufenthaltsraum von ‚Nutrehogar‘ krabbeln 35 Kleinkinder herum, manche versuchen sich an ihren ersten Schritten. Auf dem Boden liegt Plastikspielzeug und im Fernseher läuft ein Disneycartoon, auf den einige der Kinder wie gebannt starren. ‚Nutrehogar‘ ist eine Aufpäppelstation für unterernährte Kinder. Ein katholischer Bischof aus der Gegend hat sie gegründet, alles wird durch Spenden finanziert. Carlos Martinez ist der Kinderarzt hier, er untersucht gerade die kleine Edelca. Sie hat schütteres, glanzloses Haar und ihre Arme und Beine wirken wie trockene, leicht zerbrechliche Äste. Mit ihren zwei Jahren wiegt Edelca knapp sieben Kilo – das bringt ein deutsches Kind normalerweise mit fünf Monaten auf die Waage. Carlos Martinez stellt sie auf den Untersuchungstisch und testet, ob die Beinchen das Gewicht des Mädchens tragen können. ‚Dieses Mädchen ist ein gutes Beispiel dafür, in welchem Zustand die Kinder hier her kommen. Sie sind sehr dünn und haben kaum Muskelmasse an Armen und Beinen. Es ist normal, dass sie mit zwei Jahren noch nicht laufen oder nicht einmal krabbeln können. Dazu haben sie einfach nicht die Kraft. Das liegt an ihrer Ernährung, sie bekommen keine Proteine, nur Kohlehydrate und davon zu wenig‘, erklärt der Arzt.

Die Kinder bei ‚Nutrehogar‘ sind zwischen sechs Monate und fünf Jahre alt. Sie bleiben mindestens ein halbes Jahr in der Aufpäppelstation. Ausgerechnet in dem Alter, in dem sie am dringendsten ihre Mütter brauchen, kommen sie in eine völlig fremde Umgebung, zu völlig fremden Menschen. ‚Wenn die Kinder hier her kommen, dann weinen sie viel. Sie rufen nach ihren Müttern und das ist für alle schrecklich, denn wir wissen ja, dass ein Kind in diesem Alter zu seiner Mutter gehört. Aber wir müssen abwägen: Schicken wir sie in die Dörfer zurück, wo sie womöglich sterben – oder behalten wir sie hier, bis sie in einem besseren Zustand sind?‘, berichtet Dr. Carlos.

Lebensmittel sind in Panama fast so teuer wie in Europa, doch die Menschen auf dem Land verdienen als Tagelöhner viel zu wenig, um ausreichend Essen kaufen zu können – da helfen auch die monatlichen 50 US-Dollar Sozialhilfe pro Familie nicht viel weiter. Und so liefern verzweifelte Mütter ihre fast verhungerten Kinder in der Gesundheitsstation ein. Die extremsten Fälle werden zu ‚Nutrehogar‘ geschickt – auch wenn die Trennung schwer fällt.

‚Wenn sie länger hier sind, verlieren sie völlig den Kontakt zu ihrer Familie. Meistens erkennen sie irgendwann ihre Mütter nicht wieder. Und oft erkennen auch die Mütter ihre Kinder nicht mehr. Sie können sie so oft besuchen, wie sie wollen, aber die meisten kommen nur etwa alle drei Monate, denn die Bustickets sind sehr teuer. Unsere Institution bezahlt zwar ab und zu Anreisen, aber uns fehlen eigentlich die finanziellen Mittel dafür. Dabei ist es so wichtig, dass der Kontakt zur Familie nicht abreißt!‘, schildert der Mediziner die Situation.

Was passiert mit Kindern, die ohne ihre Eltern aufwachsen müssen? Für Pater Fidel Miranda aus San Pablo in Guatemala sind Familien die Kernzellen der Gesellschaft. Wo sie fehlen, entstehe ein Vakuum, sagt er. „Es gibt bei uns eine ganze Generation von Kindern, deren Eltern ausgewandert sind und inzwischen werden die Konsequenzen sichtbar: Eine unmenschliche Gesellschaft, in der alle Werte verloren gehen. Diese Kinder haben niemanden, der sie leitet, an dem sie sich orientieren können. Und vor allem niemanden, dem sie wirklich wichtig sind. Viele dieser Kinder schließen sich Jugendgangs an.“

In ganz Mittelamerika ersetzen oft Jugendgangs, ‚Maras‘ genannt, den verlassenen Kindern ihre Familien. Aufgewachsen ohne Halt und ohne Liebe, sind die Mitglieder der Maras für ihre Brutalität und Gewissenlosigkeit bekannt. Oft arbeiten sie für Drogenkartelle und haben ganze Stadtteile unter ihrer Kontrolle. Fidel Miranda fühlt sich bei dieser Konkurrenz oft machtlos. „Ich versuche, den Kindern so gut es geht die Eltern zu ersetzen. Manchmal nehme ich sie in den Arm und halte sie einfach nur fest. Und ich sage ihnen, dass Gott, unser Vater im Himmel, noch größer ist als unsere Eltern auf der Erde. Aber vor allem die Jüngeren fragen dann: ‚Wo ist er? Ich sehe ihn nicht, ich höre ihn nicht.‘ Es ist sehr schwierig, darauf Antworten zu finden.“

Wenn es gut läuft, bleibt der Kontakt zu den Eltern trotz der vielen tausend Kilometer Entfernung erhalten. Die ganze Wand über Katharinas Bett ist vollgeklebt mit Fotos ihrer Eltern. Auf manchen Bildern ist auch ein Baby zu sehen – seit einem Jahr haben Katharina und ihre Geschwister noch eine kleine Schwester. Sie heißt Carla und wurde in den USA geboren. „Ich kenne sie nur von Fotos. Manchmal rufen wir sie an und sagen ‚Hallo Carlita, wie geht es Dir?‘ und dann singen wir ihr Kinderlieder vor. Es ist so schön, sie lachen zu hören und sie kann sogar schon Papa sagen“, erzählt Katharina.

Wenn Katharina von ihrer Schwester spricht, die sie noch nie im Arm gehalten hat, dann kommt plötzlich Leben in das sonst so traurige Mädchen. Fast so, als könnte die kleine Carla stellvertretend für ihre Geschwister die Liebe der Eltern genießen und weitergeben. „Meine Eltern haben uns ganz oft gesagt, dass wir alle einen besonderen Platz in ihrem Herzen und sie uns alle gleich lieb haben. Und sie haben uns versprochen, dass wir uns eines Tages wieder sehen. Wir hoffen, dass dieser Tag wirklich kommt. Denn uns fehlt die Liebe unserer Eltern sehr.“

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr unter:
www.katharina-nickoleit.de