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Rally Dakar auf Südamerikanisch

Tagebuch einer Expedition

Vom 3 bis 18 Januar 2009 wird die Rally Dakar durch Argentinien und Chile rasen. Mehr als 6.000 Kilometer werden die über 500 Teilnehmer auf ihrem Weg zurücklegen müssen. Nachdem es in den letzten Jahren Sicherheitsprobleme auf der klassischen Paris-Dakar-Route gab, haben sich die Organisatoren entschieden, 2009 nach Südamerika auszuweichen.

Hier erwartet die Extrem-Motorsportler eine eindrucksvolle Umgebung, mit traumhaften Passagen durch die Hochanden Chiles und die weiten Ebenen Argentiniens.

Der caiman macht sich in diesem Monat schon einmal auf, um sich vor Ort umzuschauen. Zwar ist die exakte Wettkampfstrecke noch geheim, doch unser Plan ist es, der von den Organisatoren angegebenen wahrscheinlichsten Route zu folgen: Buenos Aires – Santa Rosa – Puerto Madryn – Jacobacci – Neuquén – San Rafael – Mendoza – Valparaiso (Chile) – La Serena – Copiapó – Fiambalá (Argentinien) – La Rioja – Córdoba – Buenos Aires.

Eigentlich ist der offizielle Start- und Zielort Buenos Aires, doch wir machten uns am 2. August vom brasilianischen São Paulo aus auf den Weg:

Samstag, 02. August 2008
Start in Sao Paulo, Brasilien: Mit Verzögerung geht’s es los… Eigentlich wollten wir um 10 Uhr morgens losrollen. Doch die Teilnehmer unserer Expedition, die ich im Laufe der Reise noch näher vorstellen werde, hatten gewisse Probleme, sich von ihren Lebensabschnittsgefährten/-innen zu lösen. Zudem gab es einige Abstimmungsschwierigkeiten darüber, wie das sich auf dem Bürgersteig türmende Gepäck wohl am besten in den zwei Jeeps unterzubringen sei.

Als wir dann endlich gegen 13 Uhr alles unter Dach und Fach gebracht haben, bleiben wir auf den Ausfahrtsstraßen Sao Paulos im dichten Verkehr stecken. Erst gegen 14 Uhr lassen wir die Hochhäuser der 20 Millionen Metropole hinter uns.

Über die BR 116 geht es Richtung Curitiba, das wir nach gut vier Stunden erreichen. Kurz aufgetankt und weiter gehts über die BR 101 nach Florianopolis, dem Ende unserer ersten Tagesetappe Richtung Anden. Nach 711 Kilometern erreichen wir um 21: 45 Uhr das gemütliche Landhaus von Luigi, einem Italiener, der seit Urzeiten hier lebt.

Im Anschluß an einen phantastischen Abendschmaus (Paella a la brasileira) hauen wir uns gegen Mitternacht aufs Ohr.

Sonntag, 03. August 2008
Florianopolis, Santa Catarina, Brasilien: Erstmal Formel 1 geguckt, dann an den Strand und zu Mittag Riesenmuscheln gegessen… Gegen 14 Uhr verlassen wir Florianopolis und machen uns auf der BR 101 auf Richtung Süden.

Die Straße ist in unglaublich schlechtem Zustand, an manchen Stellen geht es nicht schneller als 40 km/h. So brauchen wir für die 507 Kilometer bis Porto Alegre mehr als 6 Stunden. In Porto Alegre angekommen, erreichen uns die ersten Vorboten des Winters. Gerade einmal 8 Grad zeigt das Thermometer an der Praça Quinze im Zentrum an. Um Mitternacht geht es in die Falle.

Montag, 04. August 2008
Porto Alegre, Rio Grande do Sul, Brasilien: Um 8 Uhr stehen wir bei der Werksvertretung unseres Auto-Sponsors auf der Matte, um noch einmal alles durchchecken zu lassen. Die heutige Etappe wird die härteste der ganzen Tour werden. Wir haben gut 1200 Kilometer vor uns und um 4 Uhr am Dienstagmorgen geht unsere Fähre von Colonia de Sacramento aus nach Buenos Aires.

Von Porto Alegre aus an die Grenze nach Uruguay sind es gut 500 Kilometer; danach erwarten uns noch einmal etwas mehr als 700 Kilometer auf dem Weg hinunter an den Rio de La Plata. Wir müssen los, die Zeit drängt.

Die BR 116 von Porto Alegre Richtung Süden ist eine einzige lange Gerade. Mit konstant 120 km/h brausen wir Richtung Grenze nach Uruguay.

Es eilt, denn um 4:30 Uhr geht unsere Fähre vom uruguayischen Hafen Colonia del Sacramento aus nach Buenos Aires (Caiman-Archiv – Der Kampf um den silbernen Fluss).

Als wir mit den letzten Sonnenstrahlen gegen 18 Uhr in der brasilianischen Grenzstadt Chui ankommen, müssen wir feststellen, dass es hier keinen Grenzposten der brasilianischen Polizei mehr gibt. „Die haben zwei Monate lang gestreikt, und dann wurde es den Verantwortlichen der Polizei zu bunt und sie haben den Grenzposten einfach geschlossen“, berichtet der örtliche Tankwart.

Also 20 Kilommeter zurück, um uns bei der Polizei eines kleinen Grenzdorfes den benötigten Ausreisestempel abzuholen. Die ganze Aktion kostet uns eine Stunde unserer kostbaren Zeit. 566 km haben wir seit Porto Alegre schon hinter uns und etwa die gleiche Strecke liegt noch vor uns.

Es beginnt wie aus Kübeln zu schütten und die Temperatur sinkt auf gnadenlose 5 Grad Celsius. Das Einzige, was wir von Uruguay sehen, ist Regen, Dunkelheit, eine einsame Pizzaria in einem Vorort von Montevideo und den Mittelstreifen der Autobahn. Nach 493 Kilometern durch Uruguay sind wir um 3 Uhr morgens am Fährhafen von Colonia del Sacramento angekommen – vollkommen geschafft von der heutigen Mammutstrecke.

Die Buquebus-Fähre ist eine seltsame Erscheinung mit löchrigen Sitzen, furchtbar wässrigem Kaffee und voller schweigender Uruguayer und Argentinier. Wer den alltäglichen Geräuschpegel Brasiliens gewohnt ist, der versinkt hier in einem Meer aus Stille.

Dienstag, 5. August 2008
Wir hauen uns für drei Stunden aufs Ohr, dann kommen wir mit Beginn der Morgendämmerung in Buenos Aires an. Hier erwartet uns ein eisiger Wind, doch nachdem wir uns in einem Cafe in Puerto Madero mit einem halben Dutzend köstlicher Medialunas (Croissants) gestärkt haben, lächelt die Sonne aus einem strahlend blauen Himmel herab. Bald beträgt die Temperatur erträgliche 14 Grad und wir drehen einige Runden durch die Stadt, die, so ein argentinischer Dichter, dessen Namen ich vergessen habe, die Hauptstadt eines Imperium ist, das niemals existiert hat.

In Erwartung von Schlimmerem kaufen wir schneefeste Kleidung ein. Im argentinischen Fernsehen sehen wir Bilder aus Neuquen, das wir in etwa einer Woche erreichen werden. Dort rutschen die Skiläufer bei Minus 5 Grad die weißen Berge hinab. Wir sollten also vorbereitet sein!

Gegen 14 Uhr verlassen wir Buenos Aires über die Ruta 5 in Richtung Süden unserem Tagesziel Santa Rosa entgegen. Die Straße führt schnurgerade dem Horizont entgegen. Links und rechts ziehen Viehwiesen und Getreidesilos an uns vorüber. Das ewige Überholen von Lastwagen verzögert unser Weiterkommen derart, dass wir uns entschließen, etwa 150 Kilometer vor Santa Rosa Halt zu machen.

Gegen 20 Uhr treffen wir in Trenque Lauquen ein, einem überraschend freundlichen Städtchen. 475 Kilometer haben wir heute geschafft, 35 davon kreuz und quer durch Buenos Aires und 44 Richtung Santa Rosa.

Damit haben wir morgen mehr Kilometer vor uns als eigentlich geplant. Denn wir wollen unbedingt bis zur Halbinsel Valdes kommen, um dort am Donnerstag einen kompletten Tag zu verbringen. Mit viel Glück könnten wir Orcas zu Gesicht bekommen – das können wir uns nicht entgehen lassen!

Mittwoch, 6. August 2008
Es geht früh los – schließlich haben wir heute gut 1000 Kilometer vor uns.

Um 10:23 Uhr überqueren wir die Grenze zu La Pampa. Ab jetzt sind wir in Patagonien. Vor dem Straßenschild posieren zwei Motorradfahrer aus São Paulo.

Ihre Reise quer durch Südamerika wird von zahlreichen Firmen gesponsert, und so klicke ich mit ihrer Kamera unendlich viele Fotos, auf denen sie stolz die Werbebanner ihrer Geldgeber in die Luft halten.

Auch wir lassen es uns nicht nehmen und posieren neben dem Schild. An dieser Stelle ist es Zeit, unser Team vorzustellen. Da ist zum einen Laura aus São Paulo, eine abenteuerlustige Brasilianerin, mit der ich seit meinen Studienzeiten in Köln befreundet bin.

Dessweiteren Roberto, ein italienischer Fotograf und Journalist, zudem ein enger Freund, mit dem ich in den letzten Jahren mehrere Abenteuerreisen erlebt habe – beispielsweise eine Tour durch Minas Gerais auf den Spuren Guimaraes Rosas (Caiman-Archiv – Gott oder der Teufel im Sertão von Minas) und den Besuch eines Goldgräbercamps in Amazonien (Caiman-Archiv – Zwischen Goldrausch und Katerstimmung).

Dann ist da noch der Kameramann Alexandre, ein lebenslustiger und wieselflinker Carioca, mit dem ich letztes Jahr bei einem Fernsehprojekt über Oscar Niemeyer zusammen gearbeitet habe. Sein Hobby: Paragliding. Am liebsten stürzt er sich von den Hügeln Rio de Janeiros aus hinunter, um zwischen den Bikinischönheiten an den Stränden der Cidade Maravilhosa zu landen. Man ist also unter Freunden.

Gereist wird in einem Pajero Sport und einem L200 Pickup, die uns für die Reise von Mitsubishi zur Verfügung gestellt wurden. Beide Autos sind bis oben hin mit Ersatzreifen, Schneeketten, Kameraequipment und persönlichem Krimskrams in übertriebenen Ausmaßen vollgestopft. Zudem hat Alexandre einen motorisierten Paraglider dabei, der zwei Personen tragen und von jedem Punkt aus starten kann. Wir planen, in den Anden einige Flüge zu starten, um unsere Reise aus der Luft zu filmen.

Gegen Mittag erreichen wir Santa Rosa, die Provinzhauptstadt von La Pampa, gut 600 Kilometer südwestlich von Buenos Aires. Nach einem kurzen Aufenthalt, bei dem wir einen guten Eindruck von der chaotischen Fahrweise der Bewohner gewinnen durften, geht es weiter Richtung Süden.

Die Straßen Patagoniens ziehen sich in unendlich langen Geraden durch die karge Landschaft. Kaum einmal sieht man einen Baum in dieser vom Wind gepeitschten Gegend.

Schilder warnen die Reisenden vor Ermüdungserscheinungen. „Ruht Euch aus“, besagen sie, denn die Strecken sind äußerst monoton.

Immer wieder sieht man an den Straßenrändern mit roten Tüchern geschmückte Schreine, die einem Nationalhelden Patagoniens gewidmet sind: Gaucho Gil. Er ist so etwas wie die argentinische Ausgabe von Robin Hood. Als Soldat hat er am Tripple-Allianz-Krieg gegen Paraguay gekämpft. Danach zog er mit anderen ehemaligen Soldaten durch Patagonien, wo er den reichen Farmern das Vieh stahl. Die Bande fand bei der armen Bevölkerung Unterschlupf, bis es sie eines Tages dann doch erwischte und man sie aufknüpfte.

Die Schreine sind mit Maria- und Jesusbildern versehen und mit allerlei Gaben ausgestattet: 2-Liter-Flaschen Wasser und Brausegetränke, Zigaretten und Amulette.

Wir brausen weiter Richtung Süden bis wir spät am Abend in Puerto Mardyn ankommen, einem von walisischen Einwanderern gegründeten Hafenstädtchen.

Insgesamt haben wir 940 Kilomter hinter uns gelassen. Erschöpft beziehen wir Quartier. Morgen erwartet uns die Peninsula Valdes.

Donnerstag, 7. August
Noch vor Sonnenaufgang machen wir uns auf den Weg zur Peninsula Valdes, die gut 80 Kilomter nördlich von Puerto Mardryn liegt. Die 3600 Quadratkilometer große Halbinsel mit ihren 400 Kilometern Küste ist die Heimat zahlreicher außergewöhnlicher Meerestiere, was ihr den UNESCO WORLD HERITAGE Status eingebracht hat.

Den Sonnenaufgang erleben wir am Strand des einzigen Städtchens auf der Halbinseln, Puerto Piramides. Hier treffen wir auf eine einheimische Touristenführerin, die uns den ganzen Tag über begleiten soll.

Am Strand von Puerto Piramides sehen wir einen als Southern Right Whale bekannten Wal. Eigentlich befinden sie sich zu dieser Jahreszeit zur Paarung in Südbrasilien (Caiman-Archiv – Kapitän David und die Walfänger).

Verzweifelt versuche ich, mit meinem Tele-Objektiv ein Foto des Wals zu machen. Doch der eisige Wind peitscht dermaßen, dass alle Versuche scheitern. Durchnässt und verfroren gebe ich schließlich auf.

Die Halbinsel Valdes ist auch die Heimat der Magellanpinguine. Zu Hunderttausenden bevölkern sie die Strände der Insel. Unendlich viele Erdlöcher entlang der Küste zeugen davon. Allerdings sind die Pinguine gerade nicht vor Ort. Viele von ihnen haben sich in wärmere Gewässer aufgemacht, Richtung Brasilien (Caiman-Archiv – Besuch aus Patagonien).

Allerdings sind Seelöwen und Seeelefanten zu sehen. Sie sonnen sich an den Stränden von Valdes. Strenge Schutzbestimmungen sorgen dafür, dass man sich ihnen nicht nähern darf.

Und so schlummern sie unbekümmert oder jagen wild durch die Wellen. Ihnen scheint die schneidende Kälte nicht viel auszumachen. Genauso wenig wie den Orcas, die vor der Küste auf der Suche nach Nahrung kreuzen.

Wir sehen drei Orcas, die darauf lauern, sich ihre Beute vom Strand weg zu schnappen. Bevorzugte Opfer sind Pinguine, doch von denen ist nichts zu sehen, und so ziehen die Orcas unverrichteter Dinge weiter.

Im Gegensatz zu den Tieren trifft uns die Kälte empfindlich. Vermummt wie Beduine im Sandsturm versuchen wir uns vor dem Wind und dem umherfliegenden Sand zu schützen. Alexandre bekommt eine volle Ladung ins Gesicht, was am nächsten Tag zu dick geschwollenen Augen führen wird.

Auf den Kieselsteinpisten der Insel fliegen uns ab Tempo 80 die aufgewirbelten Steine um die Ohren. Einer trifft unsere Windschutzscheibe und hinterlässt einen kleinen Riss.

Weiter geht es zu den Sanddünen von Valdes – eine willkommene Abwechslung in der ansonsten vollkommen kargen Landschaft. So reich und abwechslungsreich das Leben im Meer auch zu sein scheint – auf dem Land ist es triste.

Die seltenen Niederschläge und der stete Wind sorgen dafür, dass nicht viel wächst. Ihr Trinkwasser müssen die Bewohner der Küstenregion durch Entsalzungsanlagen aus dem Meer gewinnen.

Nachdem wir 360 Kilometer kreuz und quer über die Halbinsel gefahren sind, beschließen wir, in Puerto Piramides zu übernachten.

Nach einem grandiosen Sonnenuntergang, der die Felsen rund um das Städtchen in orange-ockerne Farben taucht, fallen wir todmüde in die Betten.

Freitag, 8. August 2008
Heute werden wir Argentinien in der Mitte teilen, von der Küste bis zum Rand der Anden. Noch vor Sonnenaufgang machen wir uns auf den Weg. Zuerst einmal von der Peninsula Valdes hinunter Richtung Puerto Madryn, wo wir noch einige Kleinigkeiten zu erledigen haben. Trotz blauen Himmels ist es bitterkalt und der Seitenwind macht den Fahrern schwer zu schaffen. Als wir die Scheibenwaschanlage betätigen, gefriert die Flüssigkeit.

Der kleine Riss, den wir uns gestern durch Steinschlag zugezogen haben, wird durch die Kälte größer. Bei unserem nächsten Autocheck in Mendoza müssen wir wohl die Scheibe auswechseln lassen. Aber noch hält sie.

Gegen 11 Uhr kommen wir los und fahren erst einmal südlich nach Trelow. Die Stadt wurde, genau wie Puerto Mardyn, von walisischen Einwanderern im 19. Jahrhundert gegründet.

Von hier aus geht es die Ruta 25 Richtung Westen, entlang des Rio Chubut, des einzigen großen Flusses in der Gegend, der auch der hiesigen Provinz seinen Namen gibt.

Die Landschaft wird immer spektakulärer und erinnert oft an den Süden und Südwesten der USA. In langen Kurven schlängelt sich die Straße an rot-braun-ocker-farbenen Hügeln entlang.

Bei Los Altares erreichen wir gegen 17 Uhr den südlichsten Punkt unserer gesamten Reise: 43’53’56S. Niemals zuvor war ich weiter südlich auf der Welt als in diesem Moment.

Wir nähern uns stetig den ersten Ausläufern der Anden. Am Horizont erscheinen die Gebirgsketten und entlang des Rio Chubut zeichnen sich malerische Täler ab. Pferde, Schafe und Kühe ziehen unbehelligt ihre Bahn.

Wir biegen von der Ruta 25 ab und nehmen eine Sandpiste, um unsere Allradfahrzeuge zu testen. Unbeeindruckt von den widrigen Verhältnissen ziehen die Allrads über die Piste. Zum ersten Mal spüren wir das Kribbeln im Bauch, das die Fahrer der Rally Dakar im Januar erleben werden.

Gegen Abend erreichen wir nach 788 Kilometern Esquel, einen kleinen von schneebedeckten Bergen eingekesselten Wintersportort.

Lange suchen wir nach einer Unterkunft bis wir schließlich einen Pub auftreiben, der in einem Hinterzimmer einige Betten für uns hat. Das Ganze erinnert eher an das Haus der Adams Family als an eine wirkliche Unterkunft. Doch die Müdigkeit siegt und wir schlafen tief und fest, wenn auch für nur wenige Stunden.

Samstag, 9. August 2008
Noch vor Sonnenaufgang geht es los Richtung Norden, zum Nationalpark Los Alerces.

Es sind die patagonischen Zypressen, die alerces, die für den Namen des Parks verantwortlich sind. Zu sehen bekommen wir jedoch keinen einzigen der Baumriesen, die einen Umfang von bis zu vier Metern haben.

Tief im Wald stehen die seltenen Exemplare und wir haben nicht genug Zeit, um uns auf die Suche nach ihnen zu machen.

Die Straße schlängelt sich um einen türkisfarbenen See, der von schneebedeckten Bergen eingeschlossen ist. Wir legen Allrad ein, denn die Erdstraße hat sich unter dem bei drei Grad auftauenden Schnee in eine Schlammstrecke verwandelt.

Die Autos brausen durch tiefe Pfützen und schon bald sind sie grau-braun vor Schneeschlamm. Für uns Fotografen ist die Mischung aus Wolken, Schnee und Wäldern, auf die die hohen Berge tiefe Schatten werfen, tödlich.

Wir nehmen mit Schnee bedeckte Seitenstraßen und haben Spaß. Zu Fuß steigen wir hinab ins Tal des Rio Arrayanes, der das Tal des Parks durchfließt. Am Flussufer herrscht himmlische Stille.

Bis gegen Mittag verbleiben wir im Park, dann fahren wir weiter Richtung Norden nach El Bolson, wo wir den örtlichen Kunsthandwerkmarkt besuchen. Das absolute Highlight ist eine Waffel mit Himbeermarmelade, Dulce de Leche (süßer Milch) und Sahne.

Danach machen wir uns auf Richtung Bariloche, dem mondänen Wintersportort der Reichen Südamerikas. Was Punta del Este im Sommer, ist Bariloche im Winter. Schon am Stadtrand erwartet uns das Verkehrschaos der Hochsaison.

Unseren Plan, hier wenigstens einen Kaffee zu trinken, lassen wir fallen und beschließen, über die Ruta 237 weiter Richtung Norden zu fahren.

Als Tagesziel haben wir uns Junin de los Andes ausgeguckt. Von Bariloche aus sind es gut 200 Kilometer. Auf dem Weg setzt starker Regen ein, so dass wir unsere Geschwindigkeit auf 60 km/h drosseln müssen.

Zudem gibt es weit und breit keine einzige Tankstelle. Um 22 Uhr müssen wir inmitten eines Regensturms aus unseren Reservetanks nachfüllen.

Dabei kommt es zu einer Schrecksekunde – der in Brasilien aufgefüllte Reservetank hat dickflüssigen, fast roten Diesel, während der in Argentinien getankte Diesel leichtflüssig und nahezu transparent ist. Uns kommen Zweifel, ob es sich im ersten Fall wirklich um Diesel handelt. Dabei haben wir bereits einige Liter in den Tank gekippt. Wir beschließen, die Feuerprobe zu machen und gießen etwas von der Flüssigkeit auf den Asphalt. Alle Versuche, die Pfütze in Brand zu setzen, scheitert. Wir sehen dies als Beweis dafür an, dass es sich tatsächlich um Diesel handelt und füllen alles in den Tank.

Wir sollen Recht behalten. Unser Motor überlebt und erreicht mit den letzten Tropfen gegen 23 Uhr Junin de los Andes. Hier gießt es in Strömen und der örtliche Fluss droht bereits über die Ufer zu treten.

„Seit drei Tagen regnet es“, sagt unser Herbergsvater und dies nachdem der Winter bisher ungewöhnlich trocken war. So, es ist 4 Uhr morgens und ich muss endlich etwas schlafen! 553 Kilometer habe wir heute über meist schlammige Straßen zurückgelegt, von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr haben wir fast die ganze Zeit hinter dem Steuer verbracht. Ich stinke nach Diesel, aber zum Duschen habe ich jetzt keinen Nerv mehr. Reisen dieser Art haben ihren ganz eigenen Charme!

Zudem verspreche ich, in Zukunft regelmäßiger das Tagebuch zu pflegen! Gute Nacht!

Written by Thomas Milz

Thomas Milz

Seit 1999 ist Tom für den Caimán in Südamerika unterwegs, seit 2002 lebt er in Brasilien. Dort arbeitet er als Texter und Fotograf für den Bayerischen Rundfunk (BR), die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Deutsche Welle (DW), die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und andere Zeitungen und Magazine. Bibliografie: "Brasil Subtil" (deutsch, 2004), "O Brasil dos correspondentes" (portugiesisch, 2008, Herausgeber), "Joias de Crioula" (Fotobuch 2010). 

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