Print

Posted in:

Queralbs – zwischen Mythos und Wirklichkeit

Es ist vielleicht nicht gerade offensichtlich, dass man auch in Spanien romantische Begegnungen mit Bergwelten haben kann.

Es ist vielleicht nicht gerade offensichtlich, dass man auch in Spanien romantische Begegnungen mit Bergwelten haben kann.Es ist vielleicht nicht gerade offensichtlich, dass man auch in Spanien romantische Begegnungen mit Bergwelten haben kann.

Wer nun neugierig geworden ist und meinen Schritten folgen möchte, sollte mit der Bummelbahn von Barcelona aus über Vic und Ripoll (mit einem sehr sehenswerten Kloster) bis in das verschlafene Ribes de Freser fahren. In der dortigen Bahnhofskneipe werden hervorragende bocadillos serviert, also vormerken! Von hier aus nimmt man die Zahnradbahn (angeblich die einzige Spaniens) Richtung Vall de Núria. Eine Fahrkarte ist vorher zu lösen, aber heute nur bis Queralbs (Kerralps ausgesprochen), obwohl zugegebenermaßen der aufregende Teil der Strecke erst hinter Queralbs beginnt und Freunden aufregender Aussichten eine Fahrt bis nach Núria dringend ans Herz gelegt sei. Die Tiefe der sich direkt neben der Bahnlinie auftuenden Schluchten ist Atem beraubend.

Mein Ziel Queralbs auf halber Strecke aber ist unvergleichlich schöner als Núria, ein typisches Skigebiet mit dem Spitzenreiter auf meiner persönlichen Liste der hässlichsten Hotels der Welt.

Queralbs ist genau das, was ein Reisender sich unter einem versteckten Dorf in den Pyrenäen vorstellt. Vor dem Hintergrund einer aufregend dreidimensionalen Landschaft sieht man davon allerdings zunächst nur einen Parkplatz. Der ist für diejenigen erwähnenswert, die mit dem Auto unterwegs sind, da in Queralbs die Landstraße endet. Von hier aus geht es nur noch zu Fuß (der Weg beginnt dort, wo die Straße endet) oder mit besagter Zahnradbahn weiter. Wunderbar romantisch!

Zugegebenermaßen sieht man von dieser Stelle aus auch ein paar Neubauten, die sich aber recht annehmbar in die bestehenden Strukturen eingliedern, so dass wir sie getrost ignorieren können.

Man betritt das Dorf über eine kleine Steinbrücke. Wer sie überschreitet, befindet sich sofort auf dem, was üblicherweise „carrer major“ (Hauptgasse) heißen würde, hier aber den Namen „carrer pla“ (Ebene Gasse) trägt. Der Besucher, der links und rechts in die sich abzweigenden Gässchen blickt, zweifelt nicht einen Moment an dem Sinngehalt der Namensgebung. Das Material, mit dem die „Ebene Gasse“ gepflastert ist, ist prä-Kopfstein: runde Steine sind hier in den Boden gesteckt. Das ergibt ein wunderbar mittelalterliches Flair und den Kühen ausreichend Gelegenheit, gefährlich mit den Hufen rudernd um die Ecken zu rutschen.

Die Häuser sind mit Schieferplatten verkleidet, was den altertümlichen Eindruck noch verstärkt. Die einzige, aber sehr gelungene Ausnahme stellt das Rathaus dar: ein diskretgelber Bau mit einem Glockenturm. Ich will glauben, dass (a) die Glocke nur im Brandfall geläutet wird und dass (b) die Leute dann „Feurio! Feurio!“ schreien. Respektive natürlich das, was immer das katalanische Äquivalent davon sein mag.

Auf dem Spaziergang von der Brücke bis zum Rathaus hat man schon zwei erwähnenswerte Stationen verpasst, denn Queralbs ist vor allem eins: klein.

Das wird offensichtlich, wenn man dem carrer pla folgend nach wenigen Metern bei der romanischen Kapelle und damit dem Ende des Dorfes ankommt. Aber was für einem Ende! Ein beeindruckender, unaufdringlicher Bau aus dem 12. Jahrhundert, in dessen Details ich stundenlang schwelgen könnte.

Wer das Glück hat, auch den Innenraum besichtigen zu können, sollte sich nicht davon abhalten lassen, dass die Originalfresken in Barcelona im Museu d’Art de Catalunya aufbewahrt werden: dort wirken sie fremd und beinahe langweilig, während die Kopie hier vor Ort eine unvergleichliche Magie ausstrahlt.

Hinter der Kirche und dem leider unspektakulären Friedhof endet das Dorf und beginnt die in den Pyrenäen recht karg ausfallende Natur. Wer mag, kann von hier aus zu endlosen Spaziergängen aufbrechen. Ich allerdings schlage vor, umzudrehen und einen Wermut in einer der beiden Dorfkneipen zu trinken.

Die Bar, die ich aus unerfindlichen Gründen der anderen vorziehe, liegt hinter dem Rathaus auf der rechten Seite. Einer ihrer wichtigsten Vorzüge ist der dazugehörige Laden, in dem man exzellenten Käse und sehr gute Wurstwaren aus der Region kaufen kann. Nicht zu verachten ist auch der Jogurt, der zugegebenermaßen alles andere als fettarm ist. Aber wie sagt doch die Volksweisheit so schön: Fett schmeckt eben.

Wo wir schon beim Essen sind: wer schlau genug war, vorab einen Tisch zu bestellen oder wer einfach unverschämtes Glück hat, der isst nach dem obligatorischen Wermut in Mas Constans. Nicht, dass dieses gutbürgerliche Lokal aufgrund irgendwelcher lustigen Sternchen auf ewig ausgebucht wäre; es ist die Qualität, die eben ihre Freunde hat. Den Salat mit lauwarmem Ziegenkäse sollte man auf gar keinen Fall verpassen. Wer danach ein Fleischgericht bestellt, sollte auf einer ordentlichen Portion allioli bestehen, die hier mit geriebenem Apfel zubereitet wird. Das schmeckt man zwar nicht, weiß es aber. Und so fügt sich dem kulinarischen noch der intellektuelle Genuss hinzu.

Mas Constans verfügt übrigens auch über einige wenige Apartments mit Kamin, die ich nur empfehlen kann. Beim lodernden Feuer zu sitzen und der untergehenden Sonne zuzusehen, wie sie einen Gipfel nach dem anderen entzündet, ist schon ein ganz besonderes Spektakel.

Fotos: Nil Thraby

Links:
Offizielle Seite Queralbs (auf Katalanisch)
http://www.ajqueralbs.cat/Information
Bahnlinie von RIBES-Constans (Unterkunft/Restaurant; auf Englisch, Spanisch und Katalanisch) http://www.canconstans.com/index.php/ca/