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Per pedes durch den fast vergessenen Alentejo

Eigentlich wäre es so einfach. Man setzt sich ins Auto und fährt von Lissabon über den Tejo und schwups, ist man im Alentejo. Der Bedeutung nach heißt es nämlich genau das, „jenseits des Flusses“, mitunter kann dieses „jenseits“ allerdings weiter entfernt sein, als einem lieb ist.

Rudi alias Rodolfo alias Ruedi ist schon nach den ersten Schritten voll in seinen Element. Der Schweizer Auswanderer lebt in der Nähe von Vilha Nova de Milfontes und führt wanderbegierige Klientel entlang seiner Rota. Eigentlich ist das nicht wirklich nötig, denn der Weg ist sehr gut ausgebaut und, noch viel wichtiger, auch vorbildlich beschildert, aber sicher ist bekanntlich sicher, man möchte ja auch nicht verloren gehen. Und kann nebenher auch etwas lernen.

Mit typischen Schweizer Gutterallauten erklärt Ruedi sämtliche Gewächse, die da am Wegesrand stehen. Schleen, Büsche, Blumen, Nachtschattengewächse, eigentlich weiß er auf alles eine Antwort. Allerdings derart detailliert, dass man die erste Hälfte bereits wieder vergessen hat, während er zur nächsten Blume springt. All das ist aber nicht weiter tragisch, denn man will ja wandern. Entlang der Küste ist der Weg bisweilen etwas abenteuerlich. Seit jeher wurde er von Fischern genutzt, um zu ihren Angelplätzen und natürlich auch von den Einheimischen, um an die Strände zu gelangen. Und tatsächlich, auch wir treffen nur auf eine Handvoll Fischer, die ihre Angel in den Atlantik hängen. Es ist eng, uneben, manchmal geht es steil hinunter und dann ebenso steil wieder hinauf, manchmal führt die Rota fast direkt über die Klippen, so dass ein bisschen Schwindelfreiheit bei den Wanderern schon vorhanden sein sollte.

Dennoch: Wer sich hier auf den Weg macht, der wird entlohnt. Mit unglaublichen Blicken auf eine schroffe Naturschönheit, die immer wieder von Traumstränden unterbrochen wird. Da hinunter zu kommen, ist nicht immer einfach, aber eine Abkühlung lohnt sich, vor allem weil man Schatten auf dem Weg nur sporadisch bis gar nicht bekommt. Nun wissen wir auch, warum Ruedi zuvor fast gebetsmühlenartig wiederholte, man möge doch genügend Wasser mitnehmen.

Das Schöne am Wandern ist, dass man ständig Kopfkino fährt und mit seinen Gedanken und der Natur alleine ist. Man unterhält sich irgendwann nur noch während der Pausen, beim Baden oder am Ende der Tour, ehe man die Erlebnisse dann bei Tisch diskutiert. Am besten natürlich mit einem Porco Preto, dem schwarzen Schwein, das man hier Alentejano nennt und einem guten Rotwein, den das Land als Dreingabe auch noch produziert. Und wer dann noch wissen möchte, woher der Korken kommt, der in der Rotweinflasche steckt, der muss gar nicht weit fahren, sondern befindet sich bereits mittendrin im größten Korkanbaugebiet Europas. Das nämlich ist der Alentejo ebenso und man muss lediglich ein bisschen ins Inland fahren, um die riesigen Korkeichenfelder zu sehen.

Einer, dessen Lebensgrundlage diese knorrigen, verwunschen aussehenden Bäume darstellen, ist Luis Dias. Mit seiner Familie hat er einen kleinen Agroturismo aufgebaut, aber natürlich ist die Korkproduktion die Hauptaufgabe. 40 Jahre muss eine Eiche erst einmal vor sich hin wachsen, alle zehn Jahre wird sie dabei partiell mit einem ganz eigenen Korkbeil geschält. Wer einmal zugesehen hat, wie schnell die Arbeiter eine Eiche von ihrer Rinde befreien, der weiß gar nicht, was dabei alles schiefgehen kann. „Ein falscher Schnitt und der Baum ist tot, trocknet aus“, erklärt Luis. Bei der Zeit, die ein neuer Baum braucht, um nachzuwachsen, sollte man sein Handwerk besser verstehen. Immerhin wird eine Korkeiche bis zu 200 Jahre alt, jedoch „nur“ 150 davon sind auch produktiv. Dass es ein Knochenjob ist, sieht man den Arbeitern deutlich an, die ab Mai bis September mit ihren scharfen Beilen den Eichen zu Leibe rücken. Dann nämlich bläst der Wind feucht-heiße Luft von Afrika über die Felder und die Korkeiche verschließt ihre Poren, die Rinde wird hart und lässt sich leichter vom Stamm trennen. Nachdem sie geschält wurde, sammeln die Zuarbeiter die Rinde ein, kochen sie und verarbeiten sie anschließend weiter.

Nicht jeder Kork ist dabei für jeden Verwendungszweck geeignet. Zu unterschiedlich sind Dicke und Maserung. Grober Kork, vorwiegend aus ganz jungen Bäumen, taugt oftmals nur zum Zermahlen, mittlerer für den Fußboden oder zum Dämmen und der Feine kommt dann auch mal in Wein- und Champagnerflaschen. „Vielleicht denkt Ihr beim nächsten Mal ja daran, welche Geschichte in so einem kleinen Korken steckt“, lacht Dias. Mit einem dunklen „Plopp“ öffnet er die Flasche und schenkt mit sanfter Hand ein. Neben dem Wein stehen Käse und Oliven. Einfach, aber hervorragend. Genau das will der Alentejo sein – und ist es auch.

Fotos: Andreas Dauerer