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Mein Leben mit Gustavo Cerati

Ich kann mich noch genau erinnern, wie wir uns kennen gelernt haben, Gustavo Cerati und ich. Es war über meine Freundin Ana, die sich bei mir für die mitgebrachten Empanadas zum Mittagstisch mit einem Gracias totales bedankt hatte. Jenem Ausdruck also, der in die argentinische Musikgeschichte einging wie kein anderer und den Gustavo Cerati nach dem Schlussakkord von seiner wohl bekanntesten Hymne, De música ligera, der Menge im River-Stadion entgegen schleuderte.

Gracias totales, wir sind jetzt weg. Mit ‚wir‘ war Ceratis emblematische Band Soda Stereo gemeint, die sich am 20. September 1997 mit ihrem letzten Konzert in Buenos Aires von ihren Fans verabschieden sollte. Zumindest vorerst, denn im Zuge unzähliger Wiederbelebungsversuche diverser Bands sprangen auch die drei Herren Gustavo Cerati, Zeta Bosio und Charly Alberti auf den Revival-Wagon auf und gingen zehn Jahre später doch noch einmal gemeinsam auf Tour quer durch den amerikanischen Kontinent. Dass sie dabei ein Millionenpublikum in glückliche Ekstase versetzten, war fast schon nebensächlich. Ruhm verjährt manchmal, aber nicht im Falle dieses Trios.

Für mich jedoch bedeuteten die zwei Worte Gracias totales den Anfang einer innigen Liebesbeziehung, die bis heute anhält: Der Rock Nacional hatte mich am Haken und Soda Stereo war der Auslöser. Die letzte Doppel-CD El último concierto ist einfach nur wunderbar grandios.

Die erste Scheibe steckt in einem orangenen Rahmen, die zweite in einem blauen. Dazwischen erahnt man in Schwarz eine frenetische Menge, die Wunderkerzen und Feuerzeuge in die Höhe hält und 15 Jahre Bandgeschichte bejubeln durfte. Ich indes war sofort gefangen von einem Sound irgendwo zwischen Pop und Rock, zwischen Post-Punk, New Wave, zwischen Ska, R&B und Soul stets vor einem ebenso frischen, wie eigenwilligen Klangteppich, deren Architekt – natürlich – Cerati selbst war. Ein akribischer Arbeiter, sämtlichen neuen musikalischen Strömungen aufgeschlossen, alles ausprobierend und damit mit seiner Band Anfang der 1980er schlicht und ergreifend zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Die Diktatur bröckelte, im Volk gärte es und alle Kreativität fiel auf fruchtbaren Boden.

1982 tourte man zwei Jahre durch die Clubs, 1984 folgte die erste offizielle Scheibe Soda Stereo. Ironische, durchaus sozialkritische Texte wie Te hacen falta vitaminas, ¿Por Qué No Puedo Ser Del Jet-Set? aber auch Sobredosis de TV. Im Jahr danach folgte Nada Personal und 1986 bereits Signos, mit der gleichnamigen Singleauskopplung und dem viel beachteten Track Persiana Americana. Die Tour zur dritten Platte führte die Band quer durch Lateinamerika und ein Jahr später kürte der Rolling Stone das ausgekoppelte Live-Album Ruido Blanco zu einem der fünf besten Live-Alben Argentiniens. Bis zur Trennung 1997 folgten vier weitere Studioalben und Soda Stereo mit ihrem charismatischen Frontman Cerati waren längst zur erfolgreichsten Band Lateinamerikas geworden.

En la Ciudad de la furia war mein Song für Buenos Aires. Wer einmal die Hauptstadt im Sommer unter sengender, unerbittlicher Hitze hat erleben müssen, dem wird dieser Song immer wieder in den Sinn kommen. Die Stadt begeistert und zieht einen in den Bann, im nächsten Moment spuckt sie einen aber auch irgendwo wieder aus, wo man es nicht vermutet. Ceratis Musik hat etwas Vertrautes. Zumindest auf den zweiten Blick. Manchmal ist sie nicht sofort eingängig, aber wer sich auf sie einlässt, dem ist sie wie ein guter Freund, ein Leitfaden, eine Schulter, an die man sich lehnen kann. Und, sehr wichtig, sie ist fast immer tanzbar. Fünf Alben hat Cerati als Solokünstler herausgebraucht und der Nachwelt Lieder geschenkt wie Te llevo para que me lleves, Lisa (Amor Amarillo), Puente, Paseo Inmoral (Bocanada), Tu cicatriz en mi (Siempre es hoy), Crimen, Adios, Me quedo aqui (Ahí vamos) oder Déja vu, Tracción a sangre und Fuerza natural aus dem gleichnamigen letzten Album, das 2009 erschienen ist. Damals sagte Cerati zur Presse über sein neuestes Werk: „Nach diesem Album kann ich mich beruhigt ins Grab fallen lassen“.

Es mutet unglaublich seltsam an, wenn solche Sätze einen Menschen einholen. Nur ein Jahr später auf einem Konzert in Venezuela erleidet der Musiker einen Schlaganfall und liegt vier lange Jahre im Koma, aus dem er nie wieder aufwachen sollte. Am 4. September 2014 hört Gustavo Ceratis Lunge auf zu atmen und sein Herz steht still.

Die schönsten Worte fand Ende 2010 Luis Alberto Spinetta für ihn: Dios Guardián Cristalino de guitarras / que ahora / más tristes / penden y esperan / de tus manos la palabra / Precipitándome a lo insondable / tus caricias me despiertan a la vez / en un mundo diferente al de recién… / Tu luz es muy fuerte / es iridiscente y altamente psicodélica / Te encuentro cuando el sol abre una hendija / que genera notas sobre la pared sombreada / Y suena tu música en la pantalla / sos el ángel inquieto que sobrevuela / la ciudad de la furia / Comprendemos todo / tu voz nos advierte la verdad / Tu voz más linda que nunca

Doch seine Lider wollten sich nicht mehr öffnen, seine Stimme nicht mehr erklingen. Spinetta selbst verstarb Anfang 2012, zweieinhalb Jahre früher als Cerati. Wahrscheinlich wäre es jetzt an ihm, für Spinetta noch ein paar Worte aus der Schatzkammer zu kramen. Und wenn nicht, dann spielen die beiden gemeinsam Té para Tres, das „spinettaeskeste“ Lied in Ceratis Repertoire. So wie einst in jenem Sommer 2007, als ich beide gemeinsam auf der Bühne erleben durfte. Da braucht es dann auch keine Worte mehr. No hay nada mejor, que casa…

Fotos: amazon