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Lauschrausch: Jobim vs Chocolate

Die monatliche Kolumne zu Musik aus Lateinamerika, der Karibik, Spanien und Portugal. Hier findet ihr Folklore, Latinjazz, Rock und Elektroakustik neben Speedmetal, Funk und Kammermusik. Ob Tango, Kaseko, Guajira, Flamenco, Fado, Axé, Punta oder die Mischung aus allem, hier kommt es auf den Prüfstand. Vorgehört und serviert von Torsten Eßer.

Antonio Carlos Jobim
Wave
A&M / CTI SP 3002

Vinyl! Ich bin begeistert, die Wiederauflage von "Wave" (1967) ist eine Schallplatte. Keine Fernbedienung für die Titelauswahl, alles Handarbeit. Aber die lohnt sich, denn "Wave" ist eine Perle der Latin-Music, mit der Tom Jobim musikalisch nahtlos an seine vorherigen Erfolge anschließen kann. Er hat seinem Stil – klare Melodien, einfache Komposition – die Treue gehalten, obwohl ein Streichorchester die meisten Titel begleitet. Der Streicherteppich wird jedoch so dezent und gekonnt platziert, dass er nie die Arbeit der Solisten überlagert.

Bei allen Titeln spielt Jobim Piano und Gitarre, im einzigen Vocal-Stück, "Lamento", singt er auch. Unterstützt wird er von großartigen Musikern wie dem Bassisten Ron Carter und den Schlagzeugern/ Percussionisten Bobby Rosengarden und Claudio Slon. Andere, zum Beispiel der Flötist Romeo Penque und der Posaunist Urbie Green, bereichern diese sanfte und ruhige Musik durch einen spannenden Dialog ihrer Instrumente ("Dialogo").


Alles in allem Musik, die besser auf "warmes" Vinyl passt als auf kalten Kunststoff und bei der man wunderbar die untergehende Abendsonne beobachten kann. Aber nur eine Seite lang, dann heißt es umdrehen...

Chocolate com Laranja
Texturas
NRW Records

Einer kostbaren Blüte gleich muss man "Texturas" entblättern: Vier Klappdeckel mit Detailfotos alter Gebäude aus einer Stadt in Brasilien verhüllen das musikalische Kleinod. Denn Rosani Reis, die Initiatorin des Vokalquartetts Chocolate com Laranja, stammt aus Minas Gerais, einem Bundesstaat im Südosten Brasiliens. Und auch die Lieder sind mehrheitlich aus ihrer Heimat, obwohl ihre Kolleginnen aus Kolumbien, Deutschland und Venezuela kommen. Aber alle hatten schon zuvor Kontakt mit Kultur und Sprache Brasiliens.

Die vier Sängerinnen wissen ihre Stimmen einzusetzen: Ob vierstimmig, als Trio, im Duett oder im Dialog mit einem Instrument, ihr Gesang durchdringt jede Faser des Körpers und hinterlässt beim Zuhörer ein wohliges Schaudern. Wie aus Sätzen Musik wird, demonstrieren sie mit dem Canon "Fuga proverbial". Andere Stücke werden sehr rhythmisch interpretiert oder als Ballade präsentiert.

Dabei reicht das Spektrum von traditionellen Liedern aus Minas Gerais über Bossa Nova bis zum sicherlich bekanntesten Titel, "Berimbau" von Baden Powell. Die auf dem Album spärlich anzutreffenden Instrumente – Gitarre und Percussion – spielen die Musikerinnen live übrigens selbst. Ein spannendes Album, dem viele Hörer zu wünschen sind. Nachdem ihr der Musik gelauscht habt, solltet ihr die CD übrigens wieder ebenso sorgfältig einpacken.

Text: Torsten Eßer
Fotos: amazon.de

Weitere Artikel zur Kolumne findet ihr im Archiv.







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