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Lateinamerika-Management (07/2007)

Konzepte, Prozesse, Erfahrungen

Lateinamerika ist neben Europa der einzige Kontinent, auf dem deutsche Unternehmen Spitzenpositionen einnehmen. Rund 1.700 von ihnen sind dort tätig, die zum Beispiel in Brasilien etwa fünf Prozent der einheimischen Wertschöpfung erzielen. São Paulo gilt mit 800 Unternehmen als der weltweit wichtigste deutsche Industriestandort. Trotzdem ist das Interesse der deutschen Unternehmer (wie auch der Allgemeinheit) an der Region zurückgegangen, da man sich heute eher nach Osten orientiert. An diejenigen, die sich trotzdem dort engagieren wollen, weil die Märkte ein hohes Wachstumspotenzial bieten, und an Menschen, die in Lateinamerika arbeiten möchten, richtet sich dieses, auf dem deutschen Markt in seiner Zusammenstellung einzigartige Buch.

management

Nikolaus Schweickhart/ Lutz Kaufmann (Hg.).
Lateinamerika-Management.
Konzepte, Prozesse, Erfahrungen
Gabler Verlag
Wiesbaden 2004
660 Seiten
69,00 Euro

Der erste Teil des je nach Autor in deutsch oder englisch verfassten Buches umfasst verschiedene interessante Beiträge von zum Teil einschlägig bekannten Autoren – u.a. K. Bodemer und F. Foders – zur Politik und Wirtschaft der Region, die so aber auch anderswo zu finden sind und hier deswegen nicht weiter zur Sprache kommen.

Teil 2 des Werkes beschäftigt sich mit Corporate Governance (CG), im weitesten Sinne also der Herrschafts- und Verwaltungsstruktur in einem Unternehmen. Da lateinamerikanische Unternehmen eher eine hierarchische Ordnung kennen, ist es wichtig, sich mit diesem Punkt zu beschäftigen. Deutsche Investoren und Berater sollten die CG-Praktiken vor Ort – zu denen auch die Managementkultur zählt – kennen, denn eine gute CG steigert den Unternehmenswert und -erfolg. Die Fallstudien zu Brasilien und Argentinien in diesem Teil helfen sicher bei einer Entscheidung. Eine funktionierende CG kann aber nur erwartet werden – so Weigand in seinem Beitrag -, wenn auch der Staat und seine Institutionen vertrauensvoll arbeiten und handeln, wenn also die Korruption gering und vor allem der Schutz von Eigentumsrechten gewährleistet ist, da sich sonst eine langfristige Planung nicht lohnt (S. 167).

Der dritte Teil widmet sich den deutschen Unternehmen vor Ort und da vor allem der Automobilindustrie, die in Lateinamerika schon sehr lange und stark vertreten ist. Man erfährt humorvolle Details zur Gründung der VW-Werke in Mexiko (S. 267), vor allem aber geht es um Marktanteile, Zulieferer und Strategien von Mercedes in Brasilien und VW in Mexiko und Brasilien. Eine interessante Grafik auf S. 253 verdeutlicht die enormen Unterschiede der Straßennetze in Brasilien und Deutschland. Weitere Beiträge thematisieren die Pharmaindustrie sowie Logistik- und Nahrungsmittelunternehmen.

Der interessanteste Teil für die meisten Leser dürfte der vierte sein, in dem es hauptsächlich um interkulturelles Management geht. Denn das ist gerade für Deutsche sehr wichtig, da sie mit ihren Geschäfts- und Verhandlungspraktiken ziemlich alleine auf der Welt sind. Kaum jemand ist so direkt und ungeduldig wie wir, und trennt Beruf und Privates so strikt. „Business is personal“ gilt in Lateinamerika, aber auch in Spanien oder den USA, zwischen Geschäftspartnern viel stärker als in Deutschland.

Vorausschickend möchte ich dazu bemerken, dass der von den Autoren Garff und Illing in ihrem Beitrag verwendete Begriff „Human-Material“ (S. 527), sei er auch in der Personalersprache evtl. gängig, menschenverachtend ist, denn es geht um eben solche und nicht um „Material“. Keine gute Reklame für die Deutsch-Argentinische Handelskammer, bei der die Autoren beschäftigt sind.

Deutsche Führungskräfte und Mitarbeiter, die sich nicht intensiv mit der Mentalität der lateinamerikanischen Bevölkerung und ihrer (Arbeits-)Kultur beschäftigt haben, werden Probleme bekommen, die ein interkulturelles Training verhindern oder zumindest abschwächen kann, vor allem bei der Auswahl von Mitarbeitern. Ein erster Schritt ist es, die Beiträge in diesem Kapitel zu lesen. Hier eine Auswahl an Situationen: Man sollte möglichst immer freundlich sein, keine Vergleiche des Gastlandes mit Deutschland ziehen und negative Äußerungen über Missstände vermeiden, das erledigen die Einheimischen meistens von selbst. Konflikte werden nicht in der Öffentlichkeit ausgetragen, höchstens mal als vermeintlich witzige Bemerkung.

Persönliche Beziehungen zwischen den Mitarbeitern spielen eine große Rolle, der Vorgesetzte ist eine „Vaterfigur“. Ihm wird absoluter Respekt gezollt, man erwartet Führungsstärke, aber evtl. auch Lösungsvorschläge für private Probleme. Das alles belegen die wenigen Studien, die bisher zu lateinamerikanischen Managern und Unternehmen erstellt wurden und die Anabella Davila zitiert. Den besten Beitrag des Kapitels leistet meiner Meinung nach Andreas Kissling, der alle diese Probleme aufgreift. In „German Expatriates in Mexico“ beschreibt der Manager das Verhalten der lateinamerikanischen Mitarbeiter, liefert dafür Erklärungen, die auf den kulturellen Unterschieden basieren, und versucht mit seinen Lösungsvorschlägen auch Verständnis für ihre „Andersheit“ zu vermitteln. „Wie motiviere ich meine einheimischen Mitarbeiter ohne meine eigenen Vorstellungen aufzugeben“, lautet seine Leitfrage. So bietet er „flexible Deadlines“ als Kompromiss zwischen den beiden so grundverschiedenen Zeitkonzepten Deutschlands und Lateinamerikas an. Er thematisiert, warum der äußere Eindruck eines Mitarbeiters wichtig ist, sein Aussehen und seine Umgangsformen, und dass die gezeigte Höflichkeit nicht gleichbedeutend mit Respekt für die andere Person ist. Aber auch die Kritik an Mitarbeitern, die Eigen- und Selbstbestimmtheit und das kurzfristige Denken und Handeln werden von ihm in breitere kulturelle Zusammenhänge eingebettet.

Anabella Davila regt zur Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit mehr vergleichende Länderstudien an, von denen es für Deutschland und die lateinamerikanischen Staaten nur ansatzweise etwas zu Deutschland-Mexiko gibt. Wichtig sind Studien zu einzelnen Ländern, da in der täglichen Arbeit der Teufel oft im nationalen Detail liegt (S. 575).

Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit der Rolle der Außenhandelskammern und der Kapitalmarktentwicklung.

Fazit: Ein gelungener Band für RWL- und BWL-Studenten, aber auch alle anderen, die in Lateinamerika erfolgreich in einem Unternehmen arbeiten oder ein Praktikum absolvieren möchten, und natürlich für Unternehmer, die dort tätig sind oder es werden wollen.

Cover: Springer Gabler